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MV aktuell Usedomerin will Flüchtlings-Jungen aus Afghanistan adoptieren
Nachrichten MV aktuell Usedomerin will Flüchtlings-Jungen aus Afghanistan adoptieren
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00:01 19.04.2016
Brigitte Sieger (67) mit Omid. In der Küche ihres Wohnateliers büffelt der 18-Jährige für Prüfungen; derzeit besucht er das Wolgaster Runge-Gymnasium. Quelle: Kay Steinke

Omid (18) wäre fast ein Gotteskrieger der Taliban geworden. Die Islamisten wollten ihn in seiner afghanischen Heimatprovinz Ghazni zwangsrekrutieren — doch er und seine Eltern widersetzten sich. Omid wurde ausgeschleust. Den Preis dafür zahlte seine Familie. „Sie wurden von den Taliban ermordet“, sagt Omid. „Meine Eltern und auch meine kleine Schwester.“ Dem damals 16-Jährigen gelang die Flucht nach Deutschland. In Vorpommern versucht er nun, sich ein neues Leben aufzubauen. Unterstützung bekommt er dabei besonders von der früheren Lehrerin Brigitte Sieger — sie will den Schüler des Wolgaster Runge-Gymnasiums adoptieren.

„Sie ist wie eine Mutter für mich“, erklärt Omid. Das Einzige, was ihm von seiner afghanischen Familie geblieben sei, ist seine Geburtsurkunde — doch das Dokument wird von deutschen Behörden nicht anerkannt. „Als ich in Deutschland ankam, hatte ich niemanden“, sagt Omid. „Ich bin zur Polizei gegangen. Die waren nett und haben mir geholfen.“ Kritisch sieht er die Arbeit der Ausländerbehörden. „Sie haben mich zwei Jahre älter gemacht“, sagt Omid. So wurde er den Erwachsenen zugeordnet — und sei in der Flüchtlingsunterkunft in Wolgast gelandet — anfangs ohne Möglichkeit, eine reguläre Schule zu besuchen. Seit Monaten lebt er meist auf dem Hof von Brigitte Sieger, in einem Waldstück bei Zempin auf Usedom. Besucht man ihn, erwartet er den Gast am Zaun des Gehöftes. Er gibt höflich die Hand — so wie er es von seiner „Mutti“ gelernt hat. Die meiste Zeit verbringt er im Wohnatelier, zwischen alten Staffeleien und Möbeln. Dort büffelt er für die Klassenarbeiten, die er, jetzt als Zehntklässler, bewältigen muss. „Hier wohne ich“, sagt Omid. Sein Deutsch ist gut zu verstehen.

Omid und Brigitte Sieger verstehen sich bestens. Frau Siegers Ehemann ist vor 14 Jahren gestorben, sie hat keine Kinder. „Ich helfe einem Jungen, der völlig entwurzelt ist und der plötzlich Mutti zu mir gesagt hat.“

Anfangs sei sie überrascht gewesen, ihn über die afghanische Gemeinde der Region kennenzulernen. „Mich hat das mitten ins Herz getroffen, wie er mir vom Verlust seiner leiblichen Mutter erzählt hat.

Er will, dass ich diesen Platz einnehme.“ Für beide entstehe etwas ganz Neues. Auch sie brauche seine Anwesenheit, seine Fürsorge, seinen Humor. Daher kämpfe sie für die Adoption — ein Anwalt ist eingeschaltet. Die Lage sei kompliziert. Offizielle Dokumente seien schwer zu bekommen.

Derzeit lernt Omid für die Schule, singt im Chor der Wolgaster Vokalisten. Er träumt vom Führerschein — wie jeder Jugendliche hier. Was ihn von ihnen unterscheidet: Er verarbeitet Flucht-Erlebnisse künstlerisch, schreibt Gedichte auf Persisch, malt. Die Schleuser hätten die Flüchtlinge wie Vieh behandelt — einige Mitinsassen hätten die Tortur nicht überlebt. Omid haben sie die Hand gebrochen.

„Ohne Grund“, sagt er.

Von Kay Steinke

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