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MV aktuell Verdachtsfälle: NS-Raubgut auch in Museen im Nordosten
Nachrichten MV aktuell Verdachtsfälle: NS-Raubgut auch in Museen im Nordosten
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00:05 25.10.2017

. In Mecklenburg-Vorpommern werden derzeit Sammlungen von zwölf Museen auf sogenanntes NS-Raubgut untersucht. „Wir wollen klären, ob einzelne Bilder, Möbel oder andere Exponate auf rechtmäßigem Weg in die Sammlungen gekommen sind“, sagt Historiker Reno Stutz. „Es ist aber wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“

Nach einem Jahr gibt es inzwischen mehrere Verdachtsfälle, zu denen weiter recherchiert werden muss. „Das Projekt ,Provenienzforschung’ des Landesmuseumsverbandes MV läuft bis zum Sommer 2018 und soll ein „Erstcheck“ sein“, erläutert Stutz. Im Rahmen ihrer Suche haben Stutz und die Kunsthistorikerin Anne Paschen eine Vielzahl der rund 200 Museen in Mecklenburg-Vorpommern angeschrieben.

Als Verdachtsfälle seien eine Truhe von Freimaurern in der Sammlung des Heimatmuseums Demmin, Stühle von damals aufgelösten Studentenverbindungen im Heimatmuseum in Warnemünde und Gemälde mit unklarer Herkunft im Rostocker Schifffahrtsmuseum erfasst worden.

„Bei uns handelt es sich um einen kleinen Bestand von Gemälden mit dem Stempel Stettiner Museum“, erzählt Kathrin Möller, Leiterin des Schiffbau- und Schiffsmuseums Rostock. Dieses Museum gebe es nicht mehr – daher bestehe auch kein Besitzanspruch mehr. „Viel wichtiger ist jetzt die Frage, wie man mit der Sammlung umgehe“, so Möller. Möglich sei eine gesonderte Ausstellung in Kooperation mit dem Pommerschen Landesmuseum Greifswald. Die Museumsmitarbeiter seien dankbar für die Arbeit der Kollegen, da sie selbst keine Zeit haben, um diese wichtige Arbeit zu vollenden.

„Wir haben den Begriff ,unrechtmäßig’ deutlich weiter gefasst als nur auf jüdische Bürger“, sagt der Historiker. So seien in der NS-Zeit auch Freimaurer und Kirchen enteignet sowie Studentenverbindungen, Arbeitervereine und Gewerkschaften zwangsenteignet worden. In Stralsund sei man beispielsweise in einem Museum durch Zufall darauf gestoßen, dass gerade der Nachlass eines Mannes abgegeben wurde, der in der Region damals die Auflösung der Freimaurerloge zu verantworten hatte.

Besonders aufklärenswert scheint den Wissenschaftlern auch ein Extra-Auftrag der Stiftung Mecklenburg. Diese hatte in Schwerin ein Bild des Malers Emil Fischer (1888-1942), der aus Malchin stammt, angekauft. Damit habe der Maler früher eine Rechnung bezahlen wollen, hieß es. „Daran haben wir aber Zweifel“, so Stutz. Fischer sei in der Pogromnacht 1938 von Nationalsozialisten als Jude eingestuft, verhaftet und nach Neustrelitz ins Gefängnis gebracht worden. Später kam er wieder frei. „Wir wissen auch, dass er 1942 in der Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn in Baden-Württemberg starb“, sagt Stutz. Dort, wie in anderen Heil- und Pflegeanstalten, gab es eine Reihe von Euthanasieopfern in der NS-Zeit. Die genauen Umstände von Fischers Tod und der Weg seines Bildes müssten noch untersucht werden, die Stiftung wolle das Bild so lange nicht öffentlich ausstellen.

Christoph Wegner, Leiter des Heimatmuseums in Warnemünde, lobt die Arbeit der Experten: „Provenienzforschung ist eine gute Sache. Wir unterstützen sie, denn sie dient auch der Sensibilisierung für dieses Thema.“

Ein unrechtmäßiger Besitz der als Verdachtsfälle eingestuften Stühle aus der ehemaligen Studentenverbindung ist aus seiner Sicht aber unwahrscheinlich. „Die Stühle erhielt das Museum in den 1990er Jahren von einem ehemaligen Mitglied der Sängerschaft Niedersachsen zu Rostock“, berichtet der Museumsleiter und „demnach besteht kein Besitzanspruch mehr.“ Das Heimatmuseum wisse um den Wert der Stühle und werde sie in Ehren halten.

Winfried Wagner und Jana Hameister

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