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MV aktuell Verschläft MV den harten Brexit?
Nachrichten MV aktuell Verschläft MV den harten Brexit?
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07:31 26.10.2018
Noch weht auch in Großbritannien die EU-Flagge – aber wohl nicht mehr lange. Quelle: Jens Kalaene/dpa
Rostock

Die Zeichen stehen auf Sturm: Sollte es nicht doch noch eine Einigung geben, droht ein ungeordneter Ausstieg Großbritanniens aus der EU – der so genannte harte Brexit. Während andere Staaten wie die Niederlande sich auf dieses schlimmste anzunehmende Szenario vorbereiten, lässt es Deutschland auf sich zu kommen. Dabei drohen auch in MV erhebliche Konsequenzen für die heimische Wirtschaft: Der Außenhandel mit dem Vereinigten Königreich macht immerhin eine halbe Milliarde Euro aus. Wirtschaftsverbände warnen.

„Der harte Brexit wird offenbar noch nicht als realistische Möglichkeit angenommen. Dabei wären wir gut beraten, uns darauf vorzubereiten“, sagt Jens Müller, Geschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände MV. Möglicherweise liege die bisherige Zurückhaltung daran, dass niemand genau wisse, was bei einem ungeordneten Ausstieg genau passieren würde: „Das Thema ist sehr kompliziert und verworren. Und es gibt in der Geschichte kein Vorbild, wie das geschehen kann – ähnlich wie bei der deutschen Wiedervereinigung“, sagt Müller.

Kommentar: Nicht die Augen verschließen                      

„Wir sehen die Entwicklung mit Sorge“, sagt auch Andres Timm, Sprecher der Schweriner Staatskanzlei, die in der Landesregierung für den Außenhandel zuständig ist. „Gerade für kleine und mittlere Unternehmen würde ein harter Brexit Probleme aufwerfen, weil der Handel mit Großbritannien dann aufwendiger wird.“

Wichtiger Handelspartner Großbritannien

497 Millionen Eurobetrug im vergangenen Jahr das Handelsvolumen zwischen MV und Großbritannien. Dabei wurden Waren im Gesamtwert von 346 Millionen Euro aus MV exportiert, vor allem Eisen und Stahl, Holz und Weizen. Im Gegenzug wurden Waren im Wert von 151 Millionen nach MV importiert. Dabei handelte es sich vor allem um chemische Halbwaren und Ölfrüchte. Großbritannien lag damit auf Platz 9 der wichtigsten Außenhandelspartner von MV.

Der Rostocker Windkraftanlagenhersteller Nordex liefert Turbinen und Ersatzteile nach Großbritannien. „Noch setzen wir auf ein Abkommen, das die ökonomischen und politischen Folgen einer Trennung abfedert“, so Unternehmenssprecher Felix Losada. „Aber wir bereiten uns auch auf das andere Szenario vor.“ So werde etwa geprüft, ob es sinnvoll wäre, Ersatzteile in GB zu lagern. „Unsere Forderung an die deutsche Regierung ist weiterhin, alles Mögliche zu tun, um einen harten Brexit zu vermeiden“, sagt Losada.

Bei einem ungeordneten Austritt am 29. März 2019 ohne jegliches Abkommen würden von einem Tag auf den anderen zahlreiche Abkommen zwischen GB und EU außer Kraft treten, etwa zum Freihandel, zur Freizügigkeit von Personen oder zu Zollbestimmungen. Beispiel Autos: Pkw aus britischer Fertigung wie der Mini oder der Nissan Qashqai könnten bis zu 3000 Euro teurer werden.

Wie Waren nach einem harten Brexit abgefertigt werden sollen, ist noch offen: „Allein die Briten brauchen wohl an die 5000 neue Zöllner, wenn sie nicht im Binnenmarkt bleiben“, sagt Mario Rothaupt, Europaexperte bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rostock. „Und auch für Deutschland wird ein Brexit, selbst mit Austrittsabkommen, zu mehr Aufwand auf Seiten der Unternehmen und der Verwaltung führen.“

Axel Büssem