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MV aktuell Verzweiflung und Einsicht: Bauern müssen ihr Geflügel einsperren
Nachrichten MV aktuell Verzweiflung und Einsicht: Bauern müssen ihr Geflügel einsperren
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14:20 11.11.2016
Noch draußen:Auf Hof Walden in Saal hält Chris Bokemeyer-Siems eine Gans im Arm, neben ihr Ehemann Georg Siems. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa

Etwa 3000 Gänse und 12 000 Enten laufen derzeit noch auf dem Pommernhof bei Zarnewanz (Landkreis Rostock) frei umher. Ab Montag gilt wegen der Geflügelpest Stallpflicht. Wie das funktionieren soll, „das weiß ich noch nicht“, sagt Mitarbeiter Gerd Stratmann ratlos. „Das ist für uns ganz schön gravierend.“ Keine Ausnahmen?, fragt er nach. Es seien nun mal frei lebende Tiere. Die könne man nicht einfach einsperren. „Im Moment weiß ich nicht, wie wir das lösen sollen“, sagt Nicole Höftmann, Chefin des Pommernhofs.

Ab Montag gilt wegen der Vogelgrippe Stallpflicht in ganz MV – für einige Betriebe wird das eine Riesenaufgabe / Der Wildvogelzug durchs Land hat gerade erst begonnen

Bis Montag muss eine Lösung her, denn Agrarminister Till Backhaus (SPD) hat aufgrund mehrerer Fälle von Geflügelpest (siehe Karte) landesweit die so genannte Aufstallung angeordnet. Alle Nutzvögel, egal ob privat oder gewerblich gehalten, müssen hinter Gitter. „Es reicht eine Voliere“, sagt Dr. Heidemarie Heyne, Expertin für Tierseuchenbekämpfung im Ministerium. Enten, Hühner und Gänse dürften nicht in Kontakt mit Wildvögeln kommen.

Das löst Emotionen bei Geflügelhaltern aus. „Ich halte das für völlig sinnlos“, sagt Sigurd Heinz, der in Schmadebeck zwischen Rostock und Wismar Gänse im Grünen hält. Er habe zwar Glück, denn seine gut 200 Tiere sind bereits geschlachtet. Aber Stallpflicht mit Auflagen wie bei der großen Aktion 2006, als MV wegen der Geflügelpest bundesweit Schlagzeilen machte, halte er für ungemessen. „Es trifft immer die Freiland- und Biohalter“, so Heinz. Da das Virus nicht auf Menschen übertragbar sei, „weiß ich nicht, was das soll“.

Bislang sei weltweit kein Fall von Übertragung des H5N8-Virus auf Menschen bekannt, sagt Prof. Thomas Mettenleiter, Leiter des Friedrich-Löffler-Instituts auf Riems. Grund zur Sorge bestehe dennoch, denn es gebe offenbar eine sehr umfangreiche Ansteckung unter Wildvögeln in Europa, dazu den Befall eines Nutztierbestandes in Ungarn „mit hoher Mortalität“. Die Lage sei ernst, so Backhaus. Denn der Zug der Wildvögel habe erst begonnen. Rund 50000 bis 60000 Vögel seien es in MV, mit dem Hundertfachen müsse in den nächsten Monaten gerechnet werden. Das Land sei eben eines der wichtigsten „Mauser-, Rast- und Überwinterungsgebiete der Erde“.

Dass es nach 2006 und 2014 wieder vermehrt Geflügelpest im Land gibt, sei schwer zu verhindern. In den vergangenen Tagen hatte es sich angedeutet: Infizierte Tiere wurden am Bodensee und in Schleswig-Holstein bekannt. Am Dienstag fanden dann Mitglieder des Vereins Jordsand 64 Kadaver von Meeresenten, Silbermöwen und Kormoranen auf der Greifswalder Oie. Am Mittwoch waren es 71 tote Bergenten und sieben Silbermöwen auf der kleinen Insel Ruden. „Es ist schlimm, wenn man als Naturschützer tote Tiere einsammeln muss“, sagt Thorsten Harder.

Landwirt Holger Kliewe aus Ummanz auf Rügen hat Verständnis für die Vorsichtsmaßnahmen. „Wir müssen damit leben“, sagt er, obwohl er noch 600 Gänse zu schlachten hat. Kliewe sucht das Positive in der Krise: Nun kämen Kunden hoffentlich schon im November, um die Weihnachtsgans zu kaufen, und der Druck vor dem Fest entfalle. Glück hat auch das Landwirte- Ehepaar Georg Siems und Chris Bokemeyer-Siems auf Hof Walden bei Ribnitz-Damgarten. Ihre 150 Gänse seien am Martinstag alle geschlachtet, sagt die Züchterin. Für die Tiere hätte es auch bei Stallpflicht eine Lösung gegeben:

einen fahrbaren Unterstand.

„Wir müssen auf das Urteil der Fachleute vertrauen“, erklärt Martin Piehl vom Landesbauernverband. „Auch wenn es weh tut.“ Er fordert: Sollte Geflügel getötet werden müssen, müsse es auch Entschädigung für den wirtschaftlichen Ausfall der Landwirte geben.

Das Ministerium bittet, alle toten Vögel zu melden. Werktags, 9 bis 14 Uhr, hat es ein Bürgertelefon geschaltet: 03 85 / 5886066.

Frank Pubantz

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