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„Viele Israelis kennen Rostock!“

A 5sp 42 16 „Viele Israelis kennen Rostock!“

Israels Botschafter Yakov Hadas- Handelsman über seine Kontakte zu MV, das Verhältnis zu Deutschland, über Kritik an Israel und den Nahost-Konflikt.

Rostock Yakov Hadas-Handelsman (55) ist heute seit einem Jahr israelischer Botschafter in Deutschland. Im Gespräch mit der OSTSEE-ZEITUNG verrät der Diplomat, warum ihn Deutschland fasziniert, warum er zwei seiner Söhne zum Jugendaustausch geschickt hat und warum er einen israelisch-palästinensischen Ausgleich für möglich hält.

OSTSEE-ZEITUNG: Ein Jahr in Deutschland — wie fühlen Sie sich?

Yakov Hadas-Handelsman: Deutschland ist eine große Herausforderung für jeden israelischen Diplomaten. Das ist beispiellos, auch wegen der Vergangenheit. Heute sind die deutsch-israelischen Beziehungen einzigartig, dicht, eng, langfristig. Das gilt für Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, für unsere Werte. Heute ist Deutschland für uns Israelis Synonym für Verbundenheit, für Zuverlässigkeit und Präzision.

OZ: Was führt Sie nach Rostock?

Hadas-Handelsman: Eine Einladung von Oberlandesgericht und Marineinspektion zu Vorträgen. Dann geht es zum Oberbürgermeister. Wie ganz Ostdeutschland haben auch Mecklenburg-Vorpommern und Rostock großes Potenzial für Israel, das man ausloten muss.

OZ: Etwa im Tourismus?

Hadas-Handelsman: Sie werden staunen, wie viele Israelis in Internet-Blogs über Rostock schreiben! Oft haben sie die Stadt als Sprungbrett zum Sommerurlaub in Skandinavien kennengelernt.

Die beste Route nach Norden führt viele israelische Touristen von Berlin aus über Mecklenburg-Vorpommern.

OZ: Unlängst haben Sie auch die Landeshauptstadt besucht ...

Hadas-Handelsman: Ich habe mit Ministerpräsident Sellering gesprochen. Wir waren uns darin einig, in diesem Jahr einen „Israel-Tag“ für Mecklenburg-Vorpommern durchzuführen — in Schwerin oder Rostock. Dabei können wir über das Judentum, über Schuld und Verantwortung diskutieren und vielleicht auch einen Jugendaustausch organisieren. Ich habe selbst zwei meiner Söhne nach Deutschland geschickt — einen nach München, den anderen nach Berlin. Wir haben als Gastfamilie deutsche Jugendliche bei uns in Jerusalem betreut. Jugendaustausch ist wichtig für das gegenseitige Kennenlernen.

OZ: Was interessiert Israelis an Deutschland?

Hadas-Handelsman: Deutschland ist faszinierend, vor allem die deutsche Kultur. Berlin ist für viele Israelis die neue Welthauptstadt der Kultur, nicht mehr New York. Israelische Musiker spielen in Berliner Orchestern. Und ich wundere mich immer noch, wie wichtig das gedruckte Wort hier ist, wie viele Zeitungen es hier gibt. In Israel wird viel mehr das Internet genutzt. Das Interesse an Deutschland ist groß in Israel. Die Deutsch-Kurse am Goethe-Institut in Tel Aviv sind auf lange Zeit ausgebucht.

OZ: In einigen deutschen Städten, auch in Mecklenburg-Vorpommern, wurden zum Gedenken an ermordete Juden verlegte Stolpersteine geschändet. Was tun gegen Antisemitismus?

Hadas-Handelsman: Sie können ihn mit der Kraft des Gesetzes bekämpfen, eingrenzen. Vor allem aber müssen wir etwas für die Bildung tun und für die Ausbildung der jungen Deutschen. Das muss bei der Kita anfangen und über das Gymnasium bis zur Uni gehen.

OZ: Die deutsche Schuld gegenüber Israel — ist sie je gesühnt?

Hadas-Handelsman: Es gibt keine kollektive Schuld — es gibt eine kollektive Verantwortung.

OZ: Wie erleben Sie Antisemitismus?

Hadas-Handelsman: Es gibt Hass- Mails gegen die israelische Botschaft. Antisemitismus ist auch Code-Name für Israel-Hasser. Es heißt etwa: „Ich habe nichts gegen Juden, nichts gegen Israelis, nur gegen diese Regierung.“ Allerdings wurde so auch gegen die vorige und die vorvorige Regierung argumentiert.

OZ: In Deutschland ist ein öffentlicher Streit um Israel-Kritik und Antisemitismus entbrannt. Wo machen Sie den Unterschied?

Hadas-Handelsman: Israel darf man kritisieren, Punkt. Echte Kritik hat nur einen Maßstab, der gilt für uns alle. Aber Sensibilität ist angebracht. Sich Sozialist oder Israel-Freund zu nennen ist kein Koscher-Zertifikat für Antisemitismus.

OZ: Würden Sie Günter Grass nach seinem israel-kritischen Gedicht gern zum Disput einladen?

Hadas-Handelsman: Das ist schwierig. Meine drei Vorgänger haben versucht, Grass zu sprechen — die Botschafter Avi Primor, Shimon Stein und Yoram Ben-Zeev. Keiner von ihnen hat es geschafft.

OZ: Halten Sie einen israelisch-palästinensischen Ausgleich in naher Zukunft für möglich?

Hadas-Handelsman: Frieden ist möglich. 1993 in Oslo war das möglich. Eine gute Lösung ist ein Kompromiss. Wir sind bereit, wir wollen in Frieden leben — vor allem mit den Palästinensern.

Aber auch auf der anderen Seite ist Mut nötig.

Interview von Andreas Ebel, Thomas Pult und Jürgen

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