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MV aktuell Volkssolidarität gegen Volkssolidarität
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00:01 13.01.2018
Hunderte geprellte Anleger kamen 2009 zur Gläubigerversammlung der insolventen Volkssolidarität-Fonds. Nur wenige wohl werden am Ende ihr Geld zurückerhalten. Quelle: Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Im Streit um Schadenersatzforderungen zu Pleitefonds gehen Kreisverbände der Volkssolidarität jetzt aufeinander los. Der Rechtsanwalt des Kreisverbandes Bad Doberan/Rostock hat dem Kreisverband Mecklenburg Mitte (Güstrow) den Streit verkündet. Sollten weitere Gerichtsverfahren gegen geprellte Anleger verloren gehen, sollen beide zahlen. Doberan schiebt Güstrow sogar die zentrale Rolle bei den Fonds zu. Lange Zeit wiesen beide jegliche Verantwortung zurück.

Seit mehreren Jahren streiten geprellte Anleger um Geld, das sie einst in sogenannten Sozialimmobilien-Fonds unter dem Dach der Volkssolidarität angelegt hatten. Vor allem ältere Menschen haben in den 2000er Jahren Geld in Fonds gesteckt. Angeblich sollten Pflegeheime oder Jugendclubs davon finanziert werden. Das Renditeversprechen lag bei fünf bis sechs Prozent. Haken: Schnell kam es zur Schieflage; immer neue Anleger mussten her, die nach einem Schneeballprinzip alte Ansprüche bedienen sollten. 2009 gingen die Fonds in Insolvenz, rund neun Millionen Euro waren weg. Von den einst 1600 Anlegern werden aber wohl nur wenige ihr Geld wiedersehen, jene, die rechtzeitig juristische Schritte einleiteten. Drahtzieher der Fonds waren die früheren Chefs der Volkssolidarität-Regionalverbände Güstrow und Bad Doberan/Rostock, Lothar V. und Amandus K. (die OZ berichtete).

Nach einem Grundsatzurteil im Herbst 2017 sind die Chancen für manche Anleger auf ihr Geld wohl wieder gestiegen. Der Bundesgerichtshof sprach Bernd Walter aus Kühlungsborn 100000 Euro zu, die dieser als stiller Gesellschafter einst anlegte. Die Volkssolidarität, in diesem Fall der Kreisverband Bad Doberan/Rostock, müsse als Gründungsgesellschafter der Fonds grundsätzlich für den Schaden haften. Das Geld sei mittlerweile da, so Walter: „Ich habe das erhalten, was ich eingezahlt habe.“ Strittig seien Zinsen.

Nach diesem Verfahren hoffen nun weitere geprellte Anleger auf Schadenersatz. Die Volkssolidarität Bad Doberan/Rostock will auf Forderungen nun offenbar nicht allein sitzen bleiben. Ihr Anwalt hat die Volkssolidarität in Güstrow ins Visier genommen. In einem Schreiben ans Landgericht Rostock (liegt der OZ vor) heißt es sinngemäß: Auch der Kreisverband Güstrow müsse herangezogen werden. Denn dieser sei „maßgebende Zentralfigur und treibende Kraft“ gewesen – in Person des früheren Vorstands Lothar V., der auch Fondsgeschäftsführer war.

Volkssolidarität gegen Volkssolidarität – für Beobachter ist das eine neue Qualität. „Dass sie sich so zerfleischen – sie hatten elf Jahre Zeit, sich zu einigen“, reagiert Bernd Walter. „Bad Doberan/Rostock will nicht allein zahlen“, kommentiert Jochen Resch, Berliner Anwalt, der einige Anleger vertritt. „Güstrow soll auch ran.“

Brisant: Der Streitverkündung sind Kopien wichtiger Fonds-Unterlagen beigefügt. Diese sollen belegen, dass die Volkssolidarität Güstrow bei den Fonds sogar federführend war. Haupthandelnder sei V.

gewesen. K. wiederum sei diesem „fachlich und auch in Bezug auf seine Persönlichkeitsstruktur nicht gewachsen“ gewesen. Gottfried Hörnig, früherer Kopf eines Interessenverbandes Geschädigter, stellt erstaunt fest, dass nun Unterlagen verwendet werden, mit denen bisher die Anleger die Schuld von Verantwortlichen zu belegen suchten. „Auch in einer Demokratie benötigt das Recht manchmal mehrere Anläufe, um sich durchzusetzen“, so Hörnig.

„Unser Ziel ist es, die Interessen unseres Mandanten bestmöglich zu vertreten“, erklärt Hans-Ulrich Bloß, Anwalt der Volkssolidarität Bad Doberan/Rostock. Die Mithaftung Güstrows sei „nicht neu“, da Lothar V. „die Zentralfigur des Geschehens gewesen sein dürfte“.

Chronologie des Fonds-Skandals bei der Volkssolidarität

Februar 2009: Anleger machen den Fonds-Skandal bei der Volkssolidarität öffentlich.

Sommer 2009: Ein Anwalt erklärt die Insolvenz von zwei Fonds. Betroffen: 1600 Anleger; Schaden: neun Millionen Euro.

Februar 2012: Anklage gegen die beiden Fonds-Manager Lothar V. und Amandus K.

September 2012: Landgericht erklärt V. für verhandlungsunfähig.

Januar 2013: Beginn von Zivilprozessen wegen Schadenersatz gegen Volkssolidarität.

September 2014: Landgericht verurteilt K. zu drei Jahren und acht Monaten Haft.

Frühjahr 2017: Bundesgerichtshof hebt Urteil gegen K. wieder auf.

Herbst 2017: Bundesgerichtshof spricht einem Kläger 100000 Euro zu. Die Volkssolidarität sei als Gründungsgesellschafterin der Fonds haftbar.

Frank Pubantz

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