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Von Beruf Nein-Sagerin: Die mächtigste Frau in MV hört auf

Schwerin Von Beruf Nein-Sagerin: Die mächtigste Frau in MV hört auf

Finanzministerin Heike Polzin (SPD) wird wegen ihrer Haushaltsdisziplin geachtet / In der Politik setzt die frühere Lehrerin auf Psychologie / Ende Oktober ist Schluss

Schwerin. Der Raucherkeller wird bleiben. Den hat Heike Polzin vor acht Jahren im Finanzministerium etabliert. Im Heizungskeller des Gebäudes in der Schweriner Schlossstraße, vor gut hundert Jahren als Hotel „Nordischer Hof“ erbaut. Raucherkeller mit Abzugsschacht. „Alles legal“, sagt die Ministerin und lacht. Beim Rauchen kommen sich Menschen näher, Hierarchien verschwimmen, Gedanken fließen. So sieht sie das. Gespräche „ohne Schulterstücke“. Nahbar wirkte Polzin in den vergangenen Jahren eher selten. Als Finanzministerin gilt sie als „Eiserne Lady“ in der Landesregierung, die nie mehr Geld rausrückt als nötig. Nach acht Jahren hört sie auf. Mit 60. Weil ihr Körper ihr dies rate. Weil sie den Schritt gehen wolle, solange noch die volle Kraft da sei.

 

OZ-Bild

Hatnäckig und konsequent: Heike Polzin (SPD) als Finanzministerin.

Quelle: Jens Büttner/dpa

Politik zehrt aus. Sie habe das Gefühl, „wie eine Kerze mit drei Dochten runtergebrannt zu sein“, sagt Polzin. Beratungen von morgens bis in die Nacht, vor allem in der Zeit langwieriger Haushaltsdiskussionen. Das ist der Preis für eine wichtige Rolle in der Landespolitik. Das Licht in ihrem Büro ist matt, durch Bauplanen am Fenster verdunkelt. Hinter dem Schrank stehen Umzugkartons.

Bis zum letzten Tag Ende Oktober werde sie ihre ganze Kraft als Ministerin für das Land einbringen, sagt sie.

Das können andere durchaus als Drohung verstehen. Kommenden Donnerstag beginnen die Koalitionsverhandlungen mit der CDU für die neue Regierung. Sie werde am Tisch sitzen, wenn es ums Geld geht. So wie früher. Respektvoll berichten Minister von diesen Runden, in der um Summen gefeilscht wird. Auf der einen Seite der Fachminister, der Geld haben will, auf der anderen Polzin und ihr Stab, die es verwalten. Das Verhandlungszimmer liegt im Erdgeschoss des Ministeriums. Großer Tisch, Designerstühle, nicht zu weich. Essen gebe es nicht. „Es soll ja nicht zu lange dauern“, sagt Polzin schmunzelnd. Viele Anekdoten hätte sie zu erzählen. So habe Agrarminister Till Backhaus (SPD) mal eine Torte mit zum Gespräch gebracht. „Ich habe ihm aber gleich gesagt, dass sich das nicht auf das Verhandlungsergebnis auswirken wird“, so Polzin. Hartnäckigste Partnerin sei die frühere Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) gewesen. „Zwei Frauen“, sagt Polzin respektvoll.

Ex-Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) sei dagegen nie zu Verhandlungen erschienen.

Heike Polzin ist vielleicht die mächtigste Frau im Land. Sie verwaltet pro Jahr fast acht Milliarden Euro im Landeshaushalt. „Das Nein gehört zu unserem Instrumentenkasten“, sagt sie. Wenn andere „mit Blütenträumen“ in der Tür stünden. Sparsamkeit, eine Rücklage für mögliche Konjunkturschwächen seien wichtig. Gäbe es erneut eine Banken- und Wirtschaftskrise wie 2008 würden auch die Steuereinnahmen einbrechen. Dann würde jeder Cent gebraucht.

Doch sie sei nicht nur Bremserin. Viel Geld sei für Kitas bereitgestellt worden, für Bildung und anderes. Stolz sei sie auf die Breitband-Offensive im Land. Hunderte Millionen konnten an Bundesmitteln eingeworben werden, „weil wir Geld in der Rücklage hatten“.

Seit 1998 sitzt sie im Landtag, war Bildungsexpertin und Fraktions-Vize. Musste lernen, dass Politik mühsam und nicht immer fair ist. Ihre frühere Ausbildung als Lehrerin habe ihr geholfen. In der Fraktion habe sie scherzhaft gesagt: „Wenn ich mit verhaltensauffälligen Kindern klarkomme, schaffe ich das auch mit euch.“ Dennoch sei sie wegen der zunehmenden Aggressivität in Debatten, in der Gesellschaft besorgt. „Der Respekt vor der Leistung anderer ist für mich wichtig“, so Polzin.

„Hart, aber herzlich“ schätzt Ministeriumssprecher Stefan Bruhn seine Chefin ein. Polzin lächelt: „Ich lege keinen Wert auf einen Befehlston. Ich bin aber auch nicht missverständlich.“ Ende Oktober geht die „Eiserne Lady“ nach Hause. Nach Warin im Kreis Nordwestmecklenburg. Sie freue sich auf ihre Kinder und die beiden Enkel. „Ich war bisher keine gute Großmutter.“ Sie werde vielleicht wieder malen. „Mit der Feder.“ Lesen, Radfahren, mal abschalten.

Vorher kommt die CDU zu Koalitionsgesprächen. 555 neue Polizisten will Landeschef Lorenz Caffier. Polzin grinst: „Vielleicht muss er doch eine andere Zahl auf seiner Dartscheibe schießen.“

Ministerium für Geld und Schlösser

Heike Polzin wurde 1955 in Wismar geboren. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. 1978 machte sie den Diplomabschluss als Lehrerin für Deutsch und Kunsterziehung. Seit 1998 ist sie im Landtag, seit 2008 Finanzministerin.

Das Finanzministerium verantwortet den Landeshaushalt, Personalentwicklung und Steuereinnahmen. Zu seinen Aufgaben gehören auch Landes-Hochbau und die Betreuung der Staatlichen Schlösser und Gärten.

Frank Pubantz

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