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Wegwerf-Verbot für Lebensmittel

Stralsund Wegwerf-Verbot für Lebensmittel

Petition fordert: Supermärkte sollen unverkäufliche Ware spenden müssen / Handel und Tafeln lehnen das ab

Stralsund. . Streit um Lebensmittel im Müll: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap wollen 87 Prozent der Deutschen, dass Supermärkte und Discounter EU-weit per Gesetz dazu verpflichtet werden, unverkaufte Lebensmittel zu spenden. Das Vorbild ist Frankreich: Hier gilt ein Wegwerf-Verbot. Lebensmittelhändler müssen unverkaufte Ware spenden, verarbeiten, als Tierfutter verwenden oder kompostieren.

In Deutschland gilt bislang das Prinzip Freiwilligkeit. Und das reiche vollkommen aus, sagt Hans-Martin Bohac vom für Mecklenburg-Vorpommern zuständigen Einzelhandelsverband Nord. „Wir brauchen kein Gesetz. Unsere Unternehmer arbeiten auch so gut mit den Tafeln zusammen.“ Zudem falle in Märkten und Discountern kaum noch Abfall an, weil diese Prozesse, wie die Nachschubsteuerung, optimiert hätten. Der Anteil an unverkäuflichen Lebensmitteln über alle Warengruppen hinweg liege bei gerade mal einem Prozent. „Die Märkte sind mittlerweile so gut, dass die Tafeln schon über Nachschubprobleme klagen.“

Geschätzt 40000 Menschen landesweit haben derzeit einen Pass, der sie dazu berechtigt, bei einer der Tafeln Lebensmittel abzuholen. „Der Bedarf ist ungebrochen groß“, sagt Günther Hoffmann, Vorsitzender des Landesverbandes der Tafeln. 29 davon gibt es derzeit im Land, eine 30. soll Anfang nächsten Jahres hinzukommen. „Mehr können wir nicht vertragen, wir würden uns sonst gegenseitig die Förderer wegnehmen.“ Bislang sei er mit dem, was Märkte, Bäckereien und der Tafelbundesverband für Bedürftige abgeben, zufrieden. Deshalb hält auch er ein Anti-Wegwerf-Gesetz nicht für nötig.

Ganz anders die Initiatoren der Online-Petition „Verpflichtet Supermärkte, ihr unverkauftes Essen zu spenden!“: Sie fordern ein EU-weites Gesetz nach dem Vorbild Frankreichs. Mehr als 800000 Menschen haben den Appell bislang unterzeichnet, 180000 davon aus Deutschland.

Doch die EU-Parlamentarier unterstützen den Vorstoß der Wähler offenbar nicht: Von 96 Abgeordneten haben nur 23 ein solches Gesetz befürwortet, 62 beantworteten eine entsprechende Parlamentsabfrage der Online-Plattform Abgeordnetenwatch gar nicht erst. Darunter drei der vier Vertreter aus Mecklenburg-Vorpommern: Arne Gericke (Familien-Partei), Werner Kuhn (CDU) und Reinhard Bütikofer (Grüne).

Einzig Iris Hoffmann (SPD) unterstützt die Petition. „Während knapp eine Milliarde Menschen weltweit Hunger leiden, schmeißen andere genießbare Lebensmittel einfach weg. Gegen diese Verschwendung müssen wir etwas tun. Zum Beispiel durch europaweit einheitliche Standards für Lebensmittelspenden.“

Der Umweltschutzorganisation WWF zufolge landen bundesweit pro Sekunde 313 Kilo genießbare Nahrungsmittel im Müll. Davon verschulde der Einzelhandel aber nur fünf Prozent, sagt Bohac. „Wir haben schon aus wirtschaftlichen Gründen großes Interesse daran, Verschwendung zu vermeiden.“

Lebensmittelhändler Bert Redmann hat für das, was seine Kunden nicht mehr kaufen wollen, gleich zwei Abnehmer: Was noch genießbar ist, gibt der Inhaber eines Stralsunder Edeka-Marktes an die örtliche Tafel ab. In der Regel etwa 15 Kilo pro Woche. Der Rest kommt Affen, Bären und Co. zugute: Zweimal pro Woche holen Mitarbeiter des Zoos aussortiertes Obst und Gemüse für ihre Tiere ab.

Auf nahezu Unverkäufliches hat es auch das Stralsunder Start-Up MyFoodHero abgesehen. Das Unternehmen hat eine App entwickelt, mit der Märkte Produkte kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums mit Preisnachlass auf einer Online-Plattform anbieten sollen (die OZ berichtete).

„Im Prinzip eine gute Idee“, sagt Bert Redmann. Für ihn komme das trotzdem nicht infrage. „Wir produzieren keine großen Überhänge, die wir zum kleinen Preis verkaufen, nur um eine App zu bedienen.“

Ihm wäre es ohnehin am liebsten, er müsste überhaupt nichts mehr aussortieren. Doch das könne nicht gelingen, solange der Kunde bis zum Ladenschluss mit Frischware gefüllte Regale wünsche, das Mindesthaltbarkeitsdatum als „Tag des Schlechtwerdens“ fehldeute und jeden Apfel mit Mini-Druckstelle verschmähe. „Wir müssen uns alle überlegen, ob wir diese Einkaufsmentalität wirklich wollen.“

Antje Bernstein

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