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Wenn der Nordwind schiebt

Wenn der Nordwind schiebt

Meeresforscher Michael Naumann hat die Ostsee genau im Blick. Die OZ sprach mit ihm über Ursachen für die große Sturmflut.

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Sie arbeiten am Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW). Wie haben Sie die Sturmflutnacht vom 4. auf den 5. Januar erlebt?

Michael Naumann: Ich war die Nacht über am Strand bei Warnemünde, habe Prognosen verfolgt und mit den Ist-Werten verglichen. Aus Forschungssicht war das ein spannendes Ereignis. Ich konnte hautnah verfolgen, was wir sonst mit Modellen rekonstruieren.

Was waren die Ursachen für die Sturmflut?

Eine Verkettung von ungünstigen Umständen. Zum einen betrug der Wasserstand schon vor der Sturmflut etwa 30 Zentimeter über Normal, was nichts Besonderes ist. Hinzu kam jedoch der starke, anhaltende Nordwind – ein seltenes Ereignis an der südlichen Ostsee. Denn meist weht der Wind hier aus westlichen oder östlichen Richtungen und wenn wir mal Nordwind haben, weht er in der Regel nur schwach bis mäßig. Der diesmal ungewöhnlich stürmische Wind hat besonders große, zusätzliche Wassermassen aus dem Norden an die südliche Ostseeküste geschoben.

Welche besiedelten Regionen Mecklenburg-Vorpommerns sind bei Sturmfluten besonders gefährdet?

Das betrifft vor allem Regionen an flachen Meeresbuchten wie dem Greifswalder Bodden oder der Wismarer Bucht. Dort kann das reingedrückte Wasser nicht so schnell wieder ablaufen wie an dem Außenküstenstandort Warnemünde.

Vor der Sturmflut sollen Weststürme Wasser aus der Nordsee in die Ostsee gedrückt haben. Kam damit auch frisches Nordseewasser in die Ostsee?

Ja, aber es war kein großer Einstrom wie das Jahrhundertereignis vom Dezember 2014 oder die zwei im vergangenen Winter 2015/2016. Die Situation vor Sturmtief „Axel“ sah so aus: Nach einem niedrigen Wasserstand im letzten Herbst von rund 40 Zentimeter unter Normal wurde durch vereinzelte Sturmereignisse die Ostsee im Zeitraum November bis Dezember in mehreren kleinen Schüben wieder geflutet. Durch Schwachwindphasen zwischen den Stürmen kam aber kein kontinuierlicher Zustrom von frischem Salzwasser, wie bei einem großen Salzwassereinbruch zustande. Die Mengen waren so klein, dass das Nordseewasser nicht über das Bornholmbecken hinausgekommen ist.

Welche Ereignisse müssen eintreffen, damit sauerstoffhaltigeres Salzwasser bis in die zentrale Ostsee bei Gotland vordringen kann?

Zunächst muss kräftiger Ostwind beständig über ein bis zwei Wochen das Wasser aus der Ostsee drücken und für niedrigen Wasserstand sorgen. Anschließend braucht es starken, kontinuierlichen Westwind, der mindestens eine Woche lang die Wassermassen aus der Nord- in die Ostsee drückt. Genau das ist beim Rekordeinstrom 2014 passiert: Der Meeresspiegel in der Ostsee war zunächst um bis zu 50 Zentimeter unter Normal gesunken, bevor der Wind auf West drehte. Über drei Wochen hinweg presste er dann Salzwasser in die Ostsee, das aufgrund seiner höheren Dichte am Meeresgrund nach Osten vordrang. Insgesamt wurde ein enormes Volumen von etwa 200 Kubikkilometer eingespült. Dies reichte aus, alle untermeerischen Hindernisse – angefangen von der Darßer Schwelle über die Drogden Schwelle bis hin zur entscheidenden Stolper Schwelle – vor dem Gotland-Becken zu überwinden.

Nach den Einströmen gab es deswegen ja auch Hoffnungen auf eine besser durchlüftete zentrale Ostsee.

Tatsächlich hatten wir eine umfassende Sauerstoffversorgung der zentralen Ostsee für zwei bis drei Jahre prognostiziert. Wir haben aber festgestellt, dass der Sauerstoff bereits nach einem halben Jahr aufgezehrt war. Woran das liegt – das ist für uns Wissenschaftler eine spannende Frage, die wir mittels Laborversuchen und Modellrechnungen jetzt klären wollen. An den im Vergleich zu früheren Einströmen etwas höheren Wassertemperaturen liegt es primär nicht, das wissen wir bereits. An diesen grundlegenden Untersuchungen sind auch die Fischereibiologen des Thünen-Instituts sehr interessiert, die eine intensive Ursachenforschung betreiben, warum sich die letzten größeren Einstromereignisse nicht positiv auf die Dorsche ausgewirkt haben.

Wann rücken Sie zur nächsten Expedition aus?

Wir starten am 7. Februar zur ersten Umweltüberwachungsfahrt des Jahres. Dabei werden wir innerhalb von zwei Wochen von der Kieler Bucht bis in die zentrale Ostsee Proben nehmen, um eine Bewertung des Umweltzustands der Ostsee vornehmen zu können.

Interview Axel Meyer

OZ

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