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„Wer Beine und Gehirn hat, haut ab“

Ueckermünde/Schwerin „Wer Beine und Gehirn hat, haut ab“

Regierungschef stellt sich in Ueckermünde kritischen Bürgerfragen – wie seine Minister im ganzen Land

Ueckermünde/Schwerin. Rund 500 Interessierte folgten gestern dem Aufruf der Landesregierung zu Bürgerforen. Wie nach der Landtagswahl zugesagt, stellten sich Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) und alle acht Minister Gesprächen mit Bürgern, um der Unzufriedenheit im Land entgegenzuwirken. Zweimal im Jahr soll jeder Minister solche Termine anbieten, zuhören und Politik erklären.

Sellering bittet nach Ueckermünde am Stettiner Haff, am äußersten Zipfel Vorpommerns. In der Kleinstadt erinnern noch Garagen-Komplexe und unsanierte Wohnblöcke an die Zeit vor 1990. Handyempfang ist Glückssache. 80 Leute sind ins Restaurant „Haffhus“ gekommen. Bürgermeister, Amtsvorsteher, Verbandsvertreter. Patrick Dahlemann hat ein Heimspiel. Der Staatssekretär der Regierung für Vorpommern gewann hier 2016 das Direktmandat für die SPD, mitten im neuen AfD-Land der Unzufriedenen. Er begrüßt die Gäste per Handschlag. Man kennt sich. Sellering muss sich einiges anhören. Ein Handwerker fordert, Regierung und Kommunen mögen bei Aufträgen nicht die billigsten Angebote nehmen, dann würden auch Löhne steigen. Gerd Walther, Bürgermeister von Ueckermünde, brennen gleich mehrere Themen auf den Nägeln: Die Regierung sollte die Finanzen zu den Kommunen schleunigst neu regeln. Sellering nickt. Es gebe „keine Trickserei“ zu Finanzen. Ein aktuelles Gutachten legt anderes nahe, sieht Städte und Gemeinden um jährlich 50 Millionen Euro benachteiligt (die OZ berichtete). Eine Idee des Bürgermeisters greift der Ministerpräsident begeistert auf: eine mögliche Fähre über das Haff von Ueckermünde nach Usedom, auch um auf der Insel den Verkehr zu entlasten. Um Geld geht es auch Gerd Hamm, Amtsvorsteher von Torgelow-Ferdinandshof. „Wir haben so gut wie keinen Gestaltungsspielraum mehr vor Ort“, sagt er bedrückt. „Die kleinsten Dinge werden mittlerweile zum Problem.“

Nach und nach stehen immer mehr Gäste auf. Der Kreisfeuerwehrverband wünscht sich den Austausch aller Fahrzeuge, die älter als 30 Jahre sind. Eine Frau von der Volkssolidarität beklagt sinkende Zuschüsse für die Kinderbetreuung in Kitas, ein Mann desolate Radwege, ein anderer den Weggang junger Leute: „Wer Beine und Gehirn hat, haut ab.“ Probleme Vorpommerns. Sellering pariert ruhig, nicht immer hat er Antworten, sichert aber schriftliche Reaktion zu. „Wir sollten im Gespräch bleiben“, sagt er. Viele Themen folgen noch. Windkraft-Ausbau, Lehrermangel, Musikschule. Die Gäste bleiben bis zum Ende ruhig und sachlich.

Frank Pubantz

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