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Widerstand auf dem Land wächst

Güstrow/Kiel Widerstand auf dem Land wächst

Megaställe als Zukunft der Tierhaltung? Evangelische Kirche lädt heute zur Diskussion nach Güstrow

Güstrow/Kiel. Die evangelische Kirche mischt sich in die Diskussion um die industrielle Tierhaltung ein. OZ befragte dazu Ulrich Ketelhodt von der Nordkirche in Kiel.

Warum befasst sich die Nordkirche mit der Tierhaltung?

Ulrich Ketelhodt: Das Halten vieler Tiere in einer sehr großen Anlage beschäftigt unsere Kirchengemeinden auf dem Lande, aber auch darüber hinaus. Die Ställe werden größer, der Widerstand in den Regionen wächst. Uns liegt daran, einen fachlich fundierten, breiten Diskurs zu fördern.

Dazu erschien jetzt eine fast 60 Seiten starke Broschüre, die Sie heute in Güstrow vorstellen. Worum geht es?

Die Schrift setzt sich mit dem Strukturwandel in der Nutztierhaltung auseinander und ist als Hilfe für die Diskussion vor Ort entstanden. An einem fiktiven Beispiel wird die Situation in einem Dorf von Mecklenburg-Vorpommern beschrieben, in dem eine „Hähnchenfabrik“ entstehen soll. Es geht unter anderem um schöpfungstheologische Argumente, Auswirkungen auf Umwelt, Landschaft und Gesundheit sowie Möglichkeiten stärkerer Bürgerbeteiligung. Wir freuen uns darauf, dass in Güstrow möglichst viele Akteure und Engagierte miteinander ins Gespräch kommen. Die Veranstaltung ist öffentlich, Interessierte sind herzlich eingeladen.

Warum wählen Sie MV als Beispiel?

Eine Besonderheit in Mecklenburg-Vorpommern sind Stallanlagen, die in ihrer Größe deutschlandweit bisher Ausnahmen sind. Daraus ergibt sich die Frage: Ist das die Zukunft der Nutztierhaltung – auch für den Rest der Republik?

Hat der Landesbauernverband darauf reagiert?

Wir haben Reaktionen eingeholt. Nicht nur beim Bauernverband, auch beim Bund für Umwelt und Naturschutz in Schwerin, beim Tierschutzverein ProVieh und beim Landjugendverband Schleswig-Holstein. Die Kommentare finden sich im Anhang der Schrift. Der Bauernverband MV hat kritische Anmerkungen gemacht, aber grundsätzlich begrüßt, dass die Kirche sich an dem Diskurs beteiligt.

Die Nordkirche bietet Bauern Hilfe an. Wie geschieht das?

In den Kirchgemeinden treffen Landwirte bei Pastorinnen und Pastoren auf offene Ohren. Seit 1994 gibt es auch ein Sorgentelefon für Familien in der Landwirtschaft, das die Nordkirche seit ihrer Gründung 2012 weiterführt. Fünf Ehrenamtliche sind dort für Gespräche erreichbar. Informationen unter www.kda.nordkirche.de/sorgentelefon.

Wie gut ist das Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Kirche?

Es gibt ein kräftiges Band zwischen Kirche und Landwirten. Das muss sich auch bei unterschiedlichen Positionen bewähren. Dann kommt es besonders auf Vertrauen, gegenseitige Wertschätzung und Einfühlungsvermögen an.

Sie sind Diplom-Agraringenieur, beeinflusst das Ihre Haltung?

Ich habe Agrarökonomie studiert, komme aber nicht aus der Landwirtschaft. Sowohl Landwirte als auch Tierschützer wünschen sich von mir mehr Parteilichkeit für ihre Position. Ich sehe die Rolle der Kirche aber nicht darin, politisch einseitig Partei zu ergreifen. Unser aktuelles Papier zur industriellen Tierhaltung ist bewusst als Diskussionshilfe konzipiert.

Sie haben auch in Schleswig-Holstein das Thema diskutiert. Wie war die Resonanz?

Die Veranstaltung in Nordfriesland war gut besucht. Dort gibt es seit Jahren eine kirchliche Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Fleisch ist kein Gemüse“, in der es um Tiere und Fleischkonsum geht – auch aus theologischer Perspektive. Die Resonanz in Breklum hat gezeigt, dass wir mit dem Diskurs noch lange nicht am Ende sind. Gesprächsstoff gibt es genug!

Unterscheidet sich die Situation dort von MV?

Uns ist wichtig, die zum Teil sehr unterschiedlichen landwirtschaftlichen Strukturen und Rahmenbedingungen im Blick zu haben. In Schleswig-Holstein bestimmen kleine und mittlere Familienbetriebe das Bild. Betriebe mit überdurchschnittlich großen Stallanlagen sind eher ein Spezifikum in den östlichen Bundesländern. Es wirkt sich auch aus, dass viele Landwirte um ihre Existenz fürchten müssen. Da ist es nicht immer leicht, gelassen zu bleiben. Grundsätzlich gilt jedoch: Wir erleben in beiden Bundesländern großes Interesse an Austausch und Diskussion.

Die Kirchen hatten sich vor einiger Zeit auch in die Masterplan-Kommission des Agrarministeriums Schwerin eingebracht. Finden Ihre Vorschläge Berücksichtigung in der jetzigen Praxis?

Das ist schwer zu beurteilen. Wir sehen unsere Diskussionshilfe als Beitrag, die gesellschaftliche Debatte fortzusetzen. Diskussionsrunde: heute, Güstrow, Haus der Kirche, Grüner Winkel 10, 19.00 Uhr. Mit dabei: Gerd Göldnitz, Vizepräsident des Bauernverbandes MV Das vollständige Interview lesen sie auf www.ostsee-zeitung.de

Interview: Elke Ehlers

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