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MV aktuell Wie der Walkman in die DDR kam: Erlebnisse eines DSR-Seemanns
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14:19 29.10.2018
Johannes Kunze Quelle: Dietmar Lilienthal
Rostock

Bei einem Landgang im japanischen Kobe fällt dem Funker Johannes Kunze 1980 ein kleines Elektronikgeschäft ins Auge. Ein völlig neuartiges Gerät wird dort angepriesen: ein tragbarer Kassettenspieler mit Kopfhörer, genannt „Walkman“.

Der DDR-Seemann lässt sich das Gerät vorführen und ist fasziniert. Also fängt er schon auf der Rückfahrt auf dem Schnellfrachter „Friedrich Engels“ nach Rostock an, sein Handgeld zu sparen. Und mit dem Geld, das er auf seiner nächsten Hinfahrt nach Asien im Sommer 1981 zusammenbekommt, kann er sich tatsächlich seinen Wunsch erfüllen. Damit dürfte Kunze einer der ersten Deutschen überhaupt sein, der einen Walkman sein Eigen nennen konnte.

„Wollte Kopfhörer gar nicht mehr abnehmen“

„Als ich im Geschäft die Kopfhörer aufsetzte, wollte ich sie gar nicht mehr abnehmen“, schwärmt Kunze bis heute. Als Funker hatte er sich immer für Elektronik interessiert, aber so etwas hatte er noch nie gesehen: „Diese tolle Musikqualität, und man war komplett von der Außenwelt abgeschirmt.“ Kunze konnte den japanischen Verkäufer noch soweit runterhandeln, dass seine gesparten rund 100 D-Mark gerade so ausreichten. „Umgerechnet in DDR-Mark war das aber immer noch eine astronomische Summe.“

Dabei waren die DDR-Seeleute im Vergleich zu den Daheimgebliebenen finanziell privilegiert: Sie erhielten bei Fahrten ins kapitalistische Ausland das so genannte Handgeld, um sich in den Häfen etwa Drogerieartikel oder Busfahrkarten kaufen zu können. Zu Kunzes Zeiten Anfang der 80er Jahre waren das 1,50 DM für Lehrlinge, 3,50 für einfache Besatzungsmitglieder und 4 für Offiziere pro Tag. Viele sparten aber ihr Geld für besondere Mitbringsel, weiß Frank Thiele, Präsident des Vereins der Seeleute der Deutschen Seereederei (DSR): „In Asien kaufte man sich Elektronik, in Südamerika etwa Lammfelljacken, ansonsten Jeans oder Lederjacken.“ Es gab sogar regelrechte Bestellungen, etwa von der Ehefrau für Kosmetika.

Erfolgsgeschichte von Sony

1979 brachte die Firma Sony den Walkman in Japan auf den Markt. Im Februar 1980 wurde er erstmals in Deutschland angeboten. Damals wurden zunächst nur einige Tausend Exemplare in die Bundesrepublik exportiert. Doch der Walkman erwies sich als Riesenerfolg, die Verkäufe stiegen sprunghaft an. 1985 ging in der Bundesrepublik das 500 000. Gerät über den Ladentisch. Allerdings machte die Konkurrenz Sony das Monopol streitig: Bereits 1983 verlor das Unternehmen die Marktführerschaft, andere Marken waren deutlich billiger. Der Eintritt ins digitale Zeitalter brachte 2010 das Ende des Walkman.

Was unterwegs nicht ausgegeben wurde, konnte dann zurück in Rostock in die so genannten Basarscheine eingetauscht werden, mit denen die Seeleute im Duty-Free-Shop bevorzugt Alkohol erstanden. „Mit einem Verpoorten Eierlikör konnten sie jede Schwiegermutter glücklich machen“, erinnert sich Thiele.

Johannes Kunze war dagegen stolz auf seinen Walkman. Damit alleine konnte er allerdings noch nichts anfangen, es fehlten ja noch die Kassetten. „In der DDR waren die schwer zu bekommen. Ich habe mir daher im Westen bespielte Kassetten gekauft.“ Die durften wiederum nicht ohne weiteres in die DDR eingeführt werden, also schmuggelte Kunze sie: „Die DDR-Zöllner achteten vor allem auf Schallplatten, Kassetten konnte man einfach in der Hosentasche verstecken“, so Kunze. Eine seiner liebsten Interpreten damals war der US-Schmusebarde Neil Diamond.

Walkman gab den Geist auf

Nach drei Jahren war es allerdings schon wieder vorbei mit dem Walkman: „Ich habe ihn sehr eifrig genutzt, aber dann gab er überraschend seinen Geist auf.“ Selbst der Elektronik-Experte konnte die kleine Kiste nicht wieder in Gang bringen. Es war auch Kunzes letzter Walkman: „Danach habe ich mir eine Stereoanlage gekauft.“

Seine Erlebnisse in Japan haben Kunze übrigens so geprägt, dass er unmittelbar nach der Wende die deutsch-japanische Gesellschaft in Rostock mitbegründete, deren Präsident er heute ist. Ebenso ist er leidenschaftlicher Züchter der japanischen Bonsai-Bäume und Mitglied im Arbeitskreis Bonsai MV. „Ich war vom ersten Landgang an fasziniert von dem Land und seinen Menschen. Ich habe dort mein Herz verloren.“

1983 ging Kunze aus familiären Gründen für immer von Bord. Danach wurde er Stadtrat in Rostock und war als solcher unter anderem für das Stadtgrün zuständig. 1988 kam eine Delegation aus Kyoto in die Hansestadt, die wertvolle Geschenke mitbrachte, unter anderem japanische Kirschbäume. „Im Gegenzug wollten sie Lindenbäume aus Rostock, um in Kyoto damit eine Allee zu bepflanzen.“ Aus diesem Kontakt erwuchs die Idee für die deutsch-japanische Gesellschaft. Bis heute reist Kunze jedes Jahr nach Japan. Dabei besuchte er vor einigen Jahren auch die Lindenallee in Kyoto: „Die Bäume sind gut angewachsen“, konnte er sich überzeugen.

Axel Büssem

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