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MV aktuell Wie die DDR-Staatsmacht die Giftmüll-Deponie durchdrückte
Nachrichten MV aktuell Wie die DDR-Staatsmacht die Giftmüll-Deponie durchdrückte
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20:35 29.11.2018
Alexander Schalck-Golodkowski im Jahre 1984. Bei der Deponie in Selmsdorf zog er im Hintergrund die Fäden. Quelle: dpa
Selmsdorf

Akten belegen, wie die DDR-Staatsmacht das Projekt Schönberger Deponie im Sperrgebiet zur BRD durchdrückte, allein um Devisen zu beschaffen. Am 30. Januar 1979 beschloss das Politbüro der Staatspartei SED einen „langfristigen Vertrag über die Beseitigung von Abfallstoffen aus der BRD“, zunächst aus dem Raum Lübeck und Hamburg. Drei Wochen später erhielt der Rat des Bezirkes in Rostock Post: Er habe „die territoriale Sicherstellung der Deponie … zu gewährleisten“. Der Ort stand längst fest: Selmsdorf bei Schönberg. Man hoffe auf „bedeutende Valutaeinnahmen“.

Später wurde die Annahme von Sondermüll auch aus den Niederlanden, dann ganz Westeuropa festgelegt. Davor lief ein Teil des gewinnträchtigen Deals längst: Die DDR verkaufte Kies aus dem Norden der Republik gen Westen. Das Umweltministerium bestätigte nach Aktenlage schließlich im Januar 1981 die Ablagerung von Giftmüll in Selmsdorf: „Schlacke aus Sondermüllverbrennung, ölhaltiger Boden“ und „Abfallstoffe mit … giftigen Inhaltsstoffen wie Arsen und Zyanid“. Ab Juni 1982 schließlich sei die Deponie „für hochtoxische Abprodukte aufnahmefähig“.

Ab 1980 rund 300 Lkw täglich

Fest stand auch schon vor offiziellem Deponie-Beginn: Noch 1979 seien große Mengen Bauschutt, Aschen und Schlacken (aus dem Westen) zu erwarten. Ab 1980 rund 300 Lkw täglich. Rahmenbedingungen gab Berlin mit vor: für den Bau von Anfahrtsstraßen, einer Lkw-Rampe und das Erfordernis von 22 Mitarbeitern auf der Deponie. Federführend beim Einfädeln des Deponie-Projekts war Chef-Devisenbeschaffer und Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski.

Mehr zum Thema: Gutachter entlasten die Deponie von Vorwürfen

Am 7. März 1980 erteilte schließlich der Kreis Grevesmühlen die Standortgenehmigung für den VEB Stadt- und Gemeindewirtschaft Grevesmühlen in Selmsdorf. Wichtiger Vermerk: Beiliegend sei das Protokoll einer Standortbesichtigung mit Auflagen, Lageplan, „Genehmigungen und Zustimmungen“. Eine Betriebsgenehmigung taucht nicht auf. Mitverdient hat damals auch ein Transport-Unternehmen aus der BRD: Das Hanseatische Baustoffkontor erhalte „entsprechend den üblichen Regelungen“ für jeden Vertrag zehn Prozent Provision.

Teils chaotische Praxis

Auch aus der teils chaotischen Praxis nach Deponiestart berichten Akten. So reagierte das DDR-Ministerium für Umweltschutz 1981 auf einen Bericht aus Rostock. Ein Thema damals: ein Vorfall Ende 1981. Bei einer „Testlieferung“ aus Italien sei aus einem Lkw eine unbekannte Flüssigkeit, ein Giftcocktail, „getropft“. Deponie-Mitarbeiter hatten keine Sicherheitskleidung, Polizei und staatliche Behörden rückten an.

Frank Pubantz