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Wie im Theater: Prozesse am Amtsgericht Stralsund

Stralsund Wie im Theater: Prozesse am Amtsgericht Stralsund

Spektakuläre Verhandlungen à la Uli Hoeneß gibt es in der Hansestadt kaum / Auf der Anklagebank sitzen oft Kleinkriminelle

Stralsund. Manchmal erscheint es im Gerichtssaal, als sei das alles nur Theater. Richter Thomas Kopsch, die Angeklagten, Zeugen, Staatsanwälte, sie könnten nur Schauspieler in einer verrückten Geschichte sein. Da wäre zum Beispiel der Herr, der Richter Kopsch einen mit Blut unterschriebenen Brief übergibt, in dem er dem Gericht und gleich der ganzen Bundesrepublik die Rechtmäßigkeit abspricht. Dann gibt es da noch diesen Radfahrer, der wegen Trunkenheit im Verkehr angeklagt ist. Er plädiert auf Unzurechnungsfähigkeit beim Atemalkoholtest — eben weil er zu betrunken war. Es fühlt sich an wie Theater, doch es ist alles echt. Ein ganz normaler Tag im Leben von Richter Thomas Kopsch am Amtsgericht Stralsund.

Jetzt sitzt vor dem 55-Jährigen eine Dame mit roter Mähne auf der Anklagebank. Sie hat die neue Frau ihres Ex-Manns mit einem Schuh beworfen. Das Verhältnis zu ihrem früheren Liebsten lässt sich wohl mit dem Status „es ist kompliziert“ beschreiben. Der Vorsitzende atmet tief durch und richtet das Wort fast schon väterlich an die Frau. „Ich kann mir vorstellen, was da abgelaufen ist. Brauchen wir gar nicht weiter drüber zu reden. Aber wir sehen uns hier das erste und letzte Mal.“ Das Verfahren wird gegen eine Geldstrafe eingestellt.

Bei Leuten, die das erste Mal vor Gericht stehen, sagt Richter Kopsch später, versuche er, es auch mal gut sein zu lassen. Für sie gebe es noch Hoffnung. Wiederholungstäter bekämen allerdings die ganze Härte des Gesetzes zu spüren. Das Stralsunder Amtsgericht liegt weit entfernt von den großen Verhandlungen des Landes. Statt um NSU oder Uli Hoeneß geht es hier um die Gestrauchelten und Gestrandeten. Thomas Kopsch drückt es so aus: „Wir haben Säufer, Diebe und Schläger, aber keine schwerkriminellen Menschen.“

Das Amtsgericht Stralsund ist seit 2015 für eine riesige Region zuständig. Das Gebiet umfasst Stralsund, Rügen und Nordvorpommern. Im nächsten Jahr kommt im Zuge der Strukturreform noch Ribnitz-Damgarten dazu. 130 Mitarbeiter arbeiten in verschiedenen Abteilungen. Neben den Strafsachen gibt es zum Beispiel das Familiengericht, das Grundbuchamt, das Handelsregister und noch viele mehr. Das Amtsgericht ist so etwas wie ein Gradmesser dafür, wie es der Gesellschaft geht und wie sie sich verändert. Der demografische Wandel ist spürbar: Prozesse mit Jugendstraftätern nehmen ab, dafür müssen mehr rechtliche Vertreter für demenzkranke Menschen bestimmt werden. In wirtschaftlich schlechten Zeiten gibt es mehr Insolvenzverfahren und Straftaten.

Holger Schmidt (51) ist jemand, der ein gutes Gespür für die Nöte der Menschen außerhalb der ehrwürdigen Gerichtsmauern hat. Er arbeitet seit 21 Jahren als Gerichtsvollzieher. „Die ganze Welt ist von Wachstum und Konsum bestimmt. Wir begegnen bei unserer Arbeit denen, die da nicht mehr mithalten können“, sagt er.Wenn ein Richter ein Urteil fällt, muss Holger Schmidt es umsetzen. Geld eintreiben, Wohnungen räumen. „ Das sind schwierige Momente. Oft sind Leute betroffen, die nichts haben.“ Für seinen Job sei es daher wichtig, mit beiden Beinen im Leben zu stehen und einen Draht für die Probleme der Leute zu haben. Doch durch den immer weiter wachsenden Zuständigkeitsbereich würden die Kosten steigen, so dass über jede Fahrt diskutiert werden müsse. So bestehe die Gefahr, den Anschluss an das Leben da draußen zu verlieren.

Christine Pommerenke gehört zu jenen Kollegen, die eher im Verborgenen arbeiten, abseits der Gerichtssäle. Knifflig wird es, wenn jemand Vermögen hinterlässt, aber niemand es haben will. Dann muss die 47-Jährige tief in die Familiengeschichte eintauchen und nach Verwandten suchen. Jedes Jahr gehen so rund 1200 Verfahren über ihren Schreibtisch, ganze Dokumentenberge.

Von Alexander Müller

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