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„Abgewiesen wird niemand“ - Report aus einer Notaufnahme

Ribnitz-Damgarten „Abgewiesen wird niemand“ - Report aus einer Notaufnahme

Viele Patienten müssen in den Notaufnahmen der Kliniken lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

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Oberarzt Carsten Pietsch, Ärztlicher Leiter der Notaufnahme der Bodden-Klinken Ribnitz-Damgarten, im Schockraum der Notaufnahme: „Es gibt Tage, an denen die Hälfte der Patienten gar nicht in die Notaufnahme gehört."

Quelle: Dietmar Lilienthal

Ribnitz-Damgarten. Das System ist ganz einfach zu verstehen. Die Farbe Rot bedeutet: „Es besteht absolute Lebensgefahr.“ Und Grün: „Die Behandlung ist aufschiebbar.“ Dazwischen gibt es, je nach Dringlichkeit, weitere farbliche Abstufungen, nach denen die Patienten in der Notaufnahme der Bodden-Kliniken Ribnitz-Damgarten eingruppiert werden. Das System wird den Patienten im Warteraum auf einem Fernsehbildschirm erläutert. „Damit wollen wir ein Verständnis dafür wecken, dass einige Patienten länger warten müssen“, erklärt der Ärztliche Leiter der Notaufnahme, Oberarzt Carsten Pietsch (58).

Doch dieses Verständnis fehlt offenbar einigen Patienten. Zu Stoßzeiten ist der Wartebereich rappelvoll. 20, manchmal 30 Patienten sitzen dann auf den Stühlen. „An den Wochenenden kommt der erste Schwung schon ab sieben Uhr morgens“, sagt die leitende Schwester der Notaufnahme, Jana Schröder (49). An Wochentagen geht es oft ab 18 Uhr los – wenn die Praxen der Hausärzte geschlossen haben und die Patienten Hilfe in der Notaufnahme suchen.

Das Problem: „Es gibt Tage, an denen die Hälfte der Patienten gar nicht in die Notaufnahme gehört“, sagt Carsten Pietsch. Manche kämen mit Schnupfen oder Rückenschmerzen – Fälle, die beim Hausarzt besser aufgehoben sind. Dennoch: Abgewiesen würden auch sie nicht, dann aber der Kategorie Grün zugeordnet, die längere Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. Was für Frust sorgen kann.

So wie bei André Geißler aus Rostock. Der 40-Jährige hatte sich vor Kurzem bei einer Laufveranstaltung eine schmerzhafte Verletzung in der Leistengegend zugezogen. An einem Sonntag. Der Hausarzt hatte geschlossen. Seine Freundin brachte ihn daher in die Notaufnahme des Klinikums Südstadt in Rostock. Ab 12 Uhr harrte Geißler im Wartebereich aus, zusammen mit einem guten Dutzend anderer Patienten, unter anderem wegen eines umgeknickten Fußes und einer gebrochenen Rippe.

Die Zeit zog sich hin. „Mal wurde ein Patient aufgerufen, doch als dann ein Rettungswagen kam, musste die Person zurück in den Warteraum“, erzählt Geißler. Dann sei mal wieder bis zu einer dreiviertel Stunde gar nichts passiert. „Mir war unklar, nach welchen Kriterien ausgewählt wurde“, sagt er. Um 16 Uhr – nach vier Stunden also – wurde der 40-Jährige schließlich behandelt. Die Diagnose: vermutlich ein Muskelfaserriss. Geißler wurde an seinen Hausarzt verwiesen.

„Wenn ein Notfall reinkommt, der Ärzte und Schwestern bindet, heißt es für die anderen: Warten, bis die Behandlung abgeschlossen ist“, erklärt der Ribnitz-Damgartener Notarzt Carsten Pietsch. In der Regel würden die Patienten im Wartebereich auch gar nicht mitbekommen, wenn Notfälle per Rettungswagen eingeliefert werden.

Im vergangenen Jahr kamen rund 19000 Patienten in die Notaufnahme der Bodden-Kliniken Ribnitz-Damgarten. „Seit etwa fünf oder sechs Jahren nehmen die Zahlen um mindestens 1000 Patienten pro Jahr zu“, betont Schwester Jana Schröder.

In der Universitätsmedizin Greifswald sind es um die 30000 Notfallpatienten, die pro Jahr betreut werden. 14000Fälle davon in der Unfallchirurgie und rund 9000 in der Inneren Medizin/Chirurgie. „Bei uns wird jeder Patient, der in der Notaufnahme erscheint, von einem Arzt angeschaut – das gebietet die ärztliche Fürsorge“, sagt der Ärztliche Vorstand der Unimedizin, Prof. Claus-Dieter Heidecke. Da sei es egal, ob es tatsächlich ein Notfall ist. Oder ob der Patient auch vom Haus- oder niedergelassenen Arzt behandelt hätte werde können und wie die Vergütung der erbrachten Leistung erfolgt.

Heidecke schätzt die Zahl der Fälle, die kein echter Notfall sind, auf etwa 20 Prozent. „Klar müssen Patienten, die nach der ersten Einschätzung als nicht so schwer erkrankt eingeschätzt werden, oft länger warten, bis sie vom Arzt behandelt werden“, betont der Mediziner.

Um die Situation zu verbessern und in der Notaufnahme auch wirklich nur Notfallpatienten zu behandeln, will die Unimedizin mit der Fertigstellung der neuen, zentralen Notaufnahme Ende nächsten Jahres noch einmal mit der Kassenärztlichen Vereinigung verhandeln. „Wir hätten gern an der Unimedizin wieder eine sogenannte Vorschaltambulanz. Dort wird dann sortiert, wer ein schwerer Notfall ist und wer nicht“, so Heidecke.

Die ganze Diskussion um Notfallhilfen und Vorschaltkliniken müsse laut Heidecke aber politisch gelöst werden.

OZ

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