Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Wirtschaft Hähnchenmast bei Rostock: Umweltschützer wollen klagen
Nachrichten MV aktuell Wirtschaft Hähnchenmast bei Rostock: Umweltschützer wollen klagen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:14 01.02.2019
Eng gedrängt stehen Masthähnchen in einem Stall. Quelle: Jens Büttner/dpa
Fienstorf

Corinna Cwielag ist eine kämpferische Frau. „Ich bin mir sicher, dass die Genehmigung keinen Bestand haben wird“, sagt die Landesgeschäftsführerin des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Es geht um die Baugenehmigung für die Hähnchenmastanlage in der Gemeinde Broderstorf bei Rostock, gegen die der BUND eine Klage vorbereitet. Am Ortsrand von Fienstorf plant der ansässige Landwirt vier Hallen, in denen er Mastplätze für 180 000 Tiere schaffen will. 1,4 Millionen Hähnchen könnten dort pro Jahr produziert werden. Eine Bürgerinitiative sorgte dafür, dass der Bauer bisher nicht bauen konnte. Schon vor zwei Jahren übergaben die Aktivisten eine Protestnote mit über 1000 Unterschriften an den Landtag. Ihre Botschaft: Keine Mega-Ställe mehr. Zusammen mit dem BUND setzen sich engagierte Anwohner für Bestandsobergrenzen in der intensiven Tierhaltung ein, verlangen weniger Umweltbelastung, weniger Antibiotika in der Tierhaltung.

Klare Position gegen industrielle Tierhaltung

Der BUND habe bereits mehrere industrielle Anlagen gerichtlich ausbremsen oder verhindern können, sagt Corinna Cwielag, zuletzt die Hähnchenmastanlagen in Wattmannshagen bei Teterow mit 200 000 Tieren pro Durchgang. „Da haben wir schon zweimal gewonnen“, berichtet Cwielag. Jetzt sei der Investor in Revision gegangen. „Aber wir bleiben dran“, betont die BUND-Chefin. Auch gegen Groß-Geflügelfarmen in Wardow (Landkreis Rostock) und mehrere geplante Sauen- und Schweinmastanlagen im Land bezieht der BUND Position.

Mecklenburg-Vorpommern: 900 Agrarbetriebe halten Federvieh

10 Millionen Tiere gibt es in Mecklenburg-Vorpommerns Geflügelfarmen, gut die Hälfte davon sind Masthähnchen. Rund 100 Hühnerhalter haben sich auf die Hähnchenmast spezialisiert. Für die Eierproduktion werden in 506 Farmen mehr als 3,1 Millionen Legehennen gehalten. Es gibt einen deutlichen Trend zu mehr Geflügel im Freiland und in mobilen Hühnerställen, in Planung sind aber auch weitere Großanlagen.

Insgesamt zählt die Gefügelwirtschaft fast 900 Agrarbetriebe mit Federvieh. Etwa 130 Geflügelhöfe halten Enten. Es gibt außerdem rund eine Million Mastplätze für Puten, die sich auf 56 Geflügelfarmen aufteilen.

Gegen das Vorhaben in Fienstorf machen engagierte Einwohner bereits seit 2011 mobil. Auch die Gemeinde Broderstorf hatte gegen die Genehmigung der Hähnchenanlage durch das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Mittleres Mecklenburg (Stalumm) geklagt. Begründung: Für den zu erwartenden Schwerlastverkehr sind die Straßen nicht ausgelegt. Das vom Verwaltungsgericht Schwerin vorgeschlagene Mediationsverfahren endete im Dezember 2018 mit einem Vergleich. Über das Ergebnis könne man „sich nur verwundert die Augen reiben“, sagt Eva Maria Leonhardt, Vorsitzende der Bürgerinitiative. Die Gemeinde lasse ihren Widerstand fallen „für die läppische Zahlung von 60 000 Euro für die Straßenunterhaltung und den Bau von sechs Ausweichtaschen auf der Straße“.

Kommentar:
Keine Mega-Ställe mehr!

Bürgermeister: Noch etliche Probleme ungeklärt

Doch auch Bürgermeister Hanns Lange ist nicht zufrieden mit der Situation. Er meint, die Gemeinde sei „noch nicht am Ende mit dem Thema“. Etliche Probleme seien noch ungeklärt, darunter die Absicherung des Brandschutzes. „Solche Mastanlagen sind eine nicht mehr zeitgemäße Art der Lebensmittelherstellung“, betont BUND-Chefin Cwielag. „Das zeigt uns auch der Wille des Verbrauchers, der nicht mehr nur billig kauft.“ Bei der Produktion von Hähnchenfleisch habe Deutschland einen Selbstversorgungsgrad von 115 Prozent“, meint Cwielag. „Wozu noch mehr große Anlagen?“

Tierwohl-Initiative: Zehn Prozent weniger Tiere im Stall

Das will die Branche so nicht stehen lassen: Bei der Eigenversorgung mit Geflügelfleisch sei der Trend „eindeutig rückläufig“, meint Margit Beck, Marktanalystin bei bundesweiten MEG-Marktinfo Eier und Geflügel in Bonn. Durch die Tierwohl-Initiative würden jetzt weniger Hühner pro Stall gehalten. Laut Beck liegt die Eigenversorgung bei Hähnchenfleisch rechnerisch bei knapp 100 Prozent. Es gebe weiterhin Exporte, aber die Importe steigen. Vor allem aus Polen und der Ukraine werde mehr Geflügel eingeführt. „Aus Polen haben sich seit 2015 die Importe verdoppelt“, weiß die Expertin. Und während bei anderem Fleisch die Nachfrage sinkt, steigt bei Geflügel der Pro-Kopf-Verzehr – auf rund 21 Kilo pro Jahr.

Auch der Geflügelwirtschaftsverband in Mecklenburg-Vorpommern verweist die Initiative Tierwohl. „Wir haben zehn Prozent weniger Tiere im Stall. Und fast alle Hähnchenhalter beteiligen sich an der Initiative“, sagt Verbandsvorsitzende Marion Dorn, die in Wolde (Vorpommern-Greifswald) in sechs Ställen insgesamt 98 000 Hähnchen hält.

Doris Deutsch und Elke Ehlers