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Wirtschaft Höpfners Herz schlägt für Zeitmesser
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00:01 28.10.2017
Rostock

Rhythmisches Ticktack tönt aus allen Regalen. Eine Standuhr läutet mit tiefem Gong zur vollen Stunde. Lieblich stimmt ein Glockenspiel in den Reigen ein.

Rostocker ist einer der letzten Uhrmacher in MV / Handwerk wird immer seltener

Im Geschäft von Jürgen Höpfner (57) geben Hunderte Zeitmesser ein schier unendliches Konzert. Der Uhrmacher vernimmt es kaum. Wenn er wie jetzt in seiner Werkstatt ein Chronometer repariert, vergisst er die Zeit. „Manchmal ruft meine Frau an und fragt, ob sie mir hier ein Feldbett aufstellen soll“, scherzt er. Für knifflige Fälle hängt Höpfner nach Ladenschluss gern eine Überstunde dran. Sein Herz schlägt für Uhren und für die Uhrmacherei. „Das ist mehr als mein Beruf, das ist meine Berufung.“

Von traditionellen Handwerkern wie Höpfner gibt immer weniger im Land: 36 Uhrmacherbetriebe hat die Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern in ihrem Beritt gelistet. Vor drei Jahren waren es noch fünf mehr. Der Trend ist wohl auch dem Zeitgeist geschuldet. Der Kunde von heute tickt anders: Statt klassischer Zeitanzeiger binden sich viele eine Smartwatch um den Arm oder haben Nachttisch-Wecker und Co. durch ein Handy ersetzt.

Bei Jürgen Höpfner liegt die Liebe zu Zeigern und Zifferblättern in der Familie. Das Geschäft im Herzen Rostocks hat sein Urgroßvater, Johannes Höpfner, im Jahr 1908 eröffnet. Der Laden trägt noch heute seinen Namen. Das Haus in der Doberaner Straße 8 ist seit jeher eng mit Präzisionshandwerk verbunden. Schon ein Jahr nach seiner Erbauung zog 1903 ein Uhrmacher im Parterre ein. Fünf Jahre später kauft Johannes Höpfner das Haus und begründet damit eine Uhrmacherei, die heute zu den ältesten in der Stadt zählt. Mitte der 1960er Jahre übernimmt Hannelore Höpfner, die Mutter des heutigen Inhabers, das Geschäft. An ihrer Seite: Karl-Friedrich Behrens, stadtbekannt als „Klockenschauster vom Doberaner Platz“ und schon beim Firmengründer angestellt. Er kümmert sich um den Laden, als die Chefin stirbt und Jürgen Höpfner noch in der Lehre ist. Die hat er erst mit Ende zwanzig begonnen. Eigentlich ist Höpfner Schiffbauer, wollte nie Uhrmacher sein. Das Schicksal hätte mit ihm aber wohl andere Pläne gehabt, sagt Höpfner rückblickend und lacht. „Das war wie eine Eingabe von oben, als ob mir Opa sagt: ,Mach’ es’.“ Seit 1990 führt er die Werkstatt allein, repariert und wartet mechanische Uhren. Kaufen kann man sie bei ihm heute allerdings nicht mehr.

Im Hinterzimmer von Uhren-Höpfner ist die Zeit stehen geblieben. Der Schrank, in dem Uhrgläser, Zahnrädchen und Lager auf ihren Einsatz warten, stammt vom Urgroßvater. Antike Prunkuhren und schlichte Schätzchen, wie sie zu DDR-Zeiten wohl in jedem Wohnzimmer zu finden waren, stehen auf Regalbrettern Spalier. An der Wand zeichnen Dutzende Fotos die Familiengeschichte der Höpfners nach. „Das bin ich“, sagt Hannes (7) und tippt auf ein Babybild. Als Säugling hat er im Bettchen neben Opas Werktisch gelegen und sich vom Tick-Tack einlullen lassen.

An Schlaf ist heute nicht zu denken. Hannes hat Ferien und weil er direkt über Opas Werkstatt wohnt, ist er schon morgens da und will helfen. Die Beiden vertiefen sich in die Feinmechanik einer Damenarmbanduhr. Hannes darf die winzigen Lager mit Rinderklauenöl schmieren. Vom ewigen Ticken ringsum lässt er sich dabei nicht aus der Ruhe bringen, obwohl es ihm manchmal schon ein bisschen auf den Zeiger gehe, wie der Blondschopf einräumt. „Aber das Glockenspiel liebe ich sehr.“ Wenn er groß sei, wolle er Uhrmacher werden. „Dann lös’ ich Opa ab“, sagt Hannes. Das hört Jürgen Höpfner nur zu gern. „Arbeit gibt es genug, ich komme kaum hinterher.“ Weil er in der Gegend nur noch wenige Berufskollegen habe, kämen inzwischen auch Kunden von der Seenplatte zu ihm. Darunter auch viele junge Leute, deren Erbstücke und Flohmarktfunde er wieder zum Laufen bringt.

An diesem Wochenende muss Jürgen Höpfner an noch mehr Zeigern drehen als sonst. In der Nacht von Sonnabend zu Sonntag beginnt die Winterzeit. Die Uhren werden von drei auf zwei Uhr zurückgestellt.

Die Extra-Stunde hält die Zukunft aber nicht auf. Was die seinem Handwerk bringt, wisse er nicht, sagt Höpfner. „Aber alte Uhren wird es immer geben.“ Und hoffentlich auch einen wie Höpfner, dessen Herz für Zeitmesser schlägt.

Umstrittenes Am-Zeiger-Drehen

37 Jahre – so lange drehen die Deutschen zweimal pro Jahr an ihren Uhrzeigern. 1980 wurde die Sommerzeit, wie wir sie heute kennen, hierzulande eingeführt. Seit 2002 ist sie auch für alle Mitgliedsländer der EU verbindlich. Die Zeitumstellung ist umstritten. Umfragen zufolge lehnt die Mehrzahl der Deutschen sie ab.

Die EU-Kommission prüft derzeit Forderungen nach einer Abschaffung der Sommerzeit. Die Frage werde unter Berücksichtigung aller verfügbaren Informationen untersucht, bestätigte ein Sprecherin gestern.

Ursprünglich sollte die Zeitumstellung dazu dienen, das Tageslicht besser zu ausnutzen und somit Energie zu sparen. Der Effekt blieb aus, stellte das Bundesumweltamt fest.

Stattdessen legen aktuelle Studien nahe, dass durch die Zeitumstellung beim Menschen ein Mini-Jetlag ausgelöst wird. Sämtliche Petitionen, die Umstellung abzuschaffen, scheiterten aber bislang.

Antje Bernstein

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