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13:35 25.01.2019
Saskia Schritt leitet die Werft seit zwei Jahren. Quelle: OVE ARSCHOLL
Stadtmitte

Die Frühjahrsstürme haben Saskia Schritt (40) regelrecht mit Arbeit überflutet. Das Wasser, das auf dem Hof ihrer Bootsbaufirma hüfthoch stand, ist zwar inzwischen zurück in die Warnow geflossen. Dafür kommen immer neue Aufträge rein. Kaum hat die Werftchefin das Telefon aufgelegt, schon klingelt der nächste Kunde und will sein Boot zur Reparatur anmelden. „Wir haben alle Hände voll zu tun“, sagt Saskia Schritt.

Schon als Mädchen schraubt sie an Mopeds rum

Wenn es stürmisch zugeht, ist die quirlige Blondine in ihrem Element. Sie gibt gern Vollgas. Als Kapitänin auf ihrem Boot und als Boss in ihrem Betrieb. Den hat Saskia Schritt vor drei Jahren von ihrem Vater übernommen. Seither verschafft sie Freizeitskippern den passenden Untersatz, um in See zu stechen. Für sie mehr als ein Job. „Wenn ich ein Boot verkaufe, ist das nicht nur ein Gegenstand, sondern ein Lebensgefühl. Die Freiheit auf dem Wasser hat etwas Zauberhaftes.“

Dem Zauber ist Saskia Schritt seit ihrer Kindheit erlegen, klar, wenn der eigene Vater Bootsbauer ist. Dass sie eines Tages in Papas Kielwasser schwimmen würde, war für sie allerdings nicht so klar. „Das ist schließlich eine Männerdomäne.“ Doch Klischees umschifft Saskia Schritt schon als Mädchen: Mit Puppen kann sie wenig anfangen, lieber schraubt sie an alten Mopeds rum. „Ich bin mit zwei Brüdern auf dem Dorf großgeworden und in meinem Umkreis gab’s kaum Mädels. Deshalb ist Technik voll mein Ding.“ Trotzdem habe ihr die Familie zu einem Beruf geraten, der vermeintlich besser zu einer Frau passt „als ölverschmierte Finger“. Saskia Schritt wird Versicherungskauffrau, studiert anschließend Vertriebswesen. Dann holt sie ihr Vater doch mit ins Boot: Für ihn kümmert sich Saskia Schritt um die Buchhaltung. 2016 löst sie ihn schließlich an der Firmenspitze ab. Aus Pflichtbewusstsein und dem Willen, die Familientradition am Leben zu halten, wie sie sagt.

Die Werft ist das Lebenswerk ihres Vaters

Die Werft hat ihr Opa 1950 gegründet. Als der Bootsbauer 1962 überraschend stirbt, springt dessen Sohn, Lothar Schritt, ein. Der baut wie sein Vater Boote und kleine Motoryachten aus Holz. Als sich das nach der Wende nicht mehr lohnt, sattelt er auf den Verkauf und Ausbau von Sport- und Angelbooten aus Glasfaserkunststoff um. Die sind bis heute Kerngeschäft der Werft am Mühlendamm, die sich nun „Bootswerft & Motorenservice Saskia Schritt“ nennt.

Das Ruder im Betrieb hat Saskia Schritt 2016 übernommen. Ihr Vater, inzwischen Ü70, hat sich zum Jahreswechsel aus der Firma zurückgezogen. Das sei ihm nicht leicht gefallen, sagt Saskia Schritt. „Es ist sein Lebenswerk.“ Aus Respekt davor wirft sie nicht alles über Bord, lässt aber frischen Wind durch die Werft wehen: Saskia Schritt baut bei laufendem Betrieb die Werkstatt um und stürzt sich auf den Vertrieb.

Zunächst halten viele Kunden sie für die Sekretärin

Bootsbauer Frank Spänich streicht den Kiel eines Boots. Quelle: OVE ARSCHOLL

Familiär geht es auch nach dem Abschied des Seniors zu. Kein Wunder: Die Mitarbeiter kennen Saskia Schritt, seit sie ein kleines Mädchen war. Weil das den Stammkunden ebenso geht, tut sich mancher Seebär zunächst schwer damit, in der Lütten von damals die Weftchefin zu sehen. Saskia Schritt macht sich einen Spaß daraus. Zu Beginn habe sie jene, die sie für die Sekretärin hielten, erstmal an ihren Bruder – seit 30 Jahren Chefmechaniker – verwiesen. Wenn der dem Kunden dann erklärte, dass seine Schwester hier der Boss ist, „haben sich viele ertappt gefühlt“, erinnert sich Saskia Schritt und lacht. „Als Frau muss ich immer etwas mehr tun, um zu beweisen, dass ich mich auskenne.“ Inzwischen sei aber bei den meisten Bootseignern durchgesickert, dass sie von Außenbordern und Co. Ahnung hat.

Ihr privater Heimathafen liegt zwischen Schwaan und Bützow. In einem 80-Seelen-Dorf lebt Saskia Schritt mit ihrem Mann und ihrem Sohn Karl-Leo. Der wird demnächst fünf Jahre alt. „Ein kleiner Haudrauf“, scherzt Saskia Schritt. Aus Sorge, dass ihr der kleine Mann über Bord gehen könnte, hat sie in letzter Zeit auf Ausfahrten mit dem eigenen Boot verzichtet. „Dieses Jahr soll es wieder auf’s Wasser.“

U2 zum Feierabend

So sehr sie für die Werft auch brennt, Saskia Schritt ist froh, wenn’s nach Feierabend mal nicht um Boote geht. Die lässt sie hinter sich, sobald sie sich ins Auto setzt. Statt Werkstattgeräusche gibt’s Hits von U2 auf die Ohren. „Ich dreh’ die Musik volle Lotte auf und komme eine halbe Stunde später mit einem Lächeln zu Hause an.“ Daheim weiß sie die Ruhe zu schätzen. Haus und Hof liegen abseits vom Schuss. Und wird’s ihr dort doch mal zu still, setzt sie sich die Kopfhörer vom Smartphone auf und spaziert durch die Natur. Noch lieber lauscht sie der tosenden Ostsee, vor allem jetzt im Winter. „Das ist genau meine Zeit. Je stürmischer desto besser.“

Beruflich brechen für sie und ihre Crew spätestens im März wieder stürmische Zeiten an. Dann wollen viele Skipper ihre Boote für die neue Saison flottmachen lassen. Die Werftchefin ist bereit und ihre Crew mit allen Wassern gewaschen.

Wirtschaftsfaktor Bootsbau

Die Schiff- und Bootsbaubranche in Mecklenburg-Vorpommern zählt dem Landeswirtschaftsministerium zufolge etwa 160 Unternehmen mit insgesamt rund 6500 Mitarbeitern. In den sechs größeren Unternehmen – den MV Werften in Wismar, Rostock-Warnemünde und Stralsund, der Neptun Werft in Rostock-Warnemünde, der Peene-Werft in Wolgast und der Tamsen Maritim in Rostock – waren zu Jahresbeginn 2018 etwa 3510 Mitarbeiter und rund 350 Auszubildende beschäftigt.

Antje Bernstein

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