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Wirtschaft Zäune gegen Wölfe: Schäfer klagen über hohe Kosten
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07:30 26.01.2019
Die Zahl der Wölfe in Deutschland wächst. Im Wildpark Güstrow (Foto) ist das Rudel imposant anzuschauen, in freier Natur bereiten die Raubtiere vor allem Bauern mit Weidetieren Sorgen. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa
Langsdorf

Beim Thema Zäune reagiert Ingo Stoll inzwischen genervt. Der Schäfer aus Langsdorf bei Grimmen (Vorpommern-Rügen) hat gerade 50 Rollen neuen Weidezaun bestellt, 60 hat er schon montiert. Er will seine Herden besser vor Wölfen schützen. Mehr als 20 Angriffe auf Weidetiere meldete das Schweriner Agrarministerium im vorigen Jahr.

Zahl der Wölfe verdoppelt sich in drei Jahren

Rund um Grimmen durchstreifen bisher zwar nur Einzeltiere die Region. Doch die Zahl der Rudel in Mecklenburg-Vorpommern wächst, erst 2018 kamen zwei neue hinzu. Experten gehen davon aus, dass sich der Wolfsbestand in Deutschland innerhalb von drei Jahren durch die Geburt viele Welpen verdoppeln kann. „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann auch bei uns mehr Wölfe sind“, weiß Stoll.

Deshalb muss er Vorsorge treffen. Mit neuen, höheren Elektrozäunen. Noch sind die meisten seiner Koppeleinzäunungen 90 Zentimeter hoch, 30 Zentimeter höher sollten sie künftig schon sein und mehr stromführende Drähte besitzen. Stoll hat ausgerechnet: 225 Rollen Litze brauchte er dafür, auf jeder Rolle 600 Meter. Außerdem müssten sämtliche Weidezaunpfähle ersetzt werden, insgesamt 3500 Stück. „Ein Riesenaufwand“, stöhnt Stoll. Rund 60 000 Euro kostet das Umrüsten der Zäune, hat er überschlagen. „Allein das Material, da ist noch keine Stunde Arbeit drin.“

Zuschüsse für Zäune decken Aufwand nicht

Immerhin hat die EU-Kommission angekündigt, dass Landwirte mit Weidetieren ihre Aufwendungen für den Schutz vor Wölfen ab 2019 zu 100 Prozent ersetzt bekommen. Bisher erhalten sie dafür eine Förderung, die bei 75 Prozent liegt.

Schäfer Stoll winkt ab. Frühestens Mitte des Jahres soll die neue Richtlinie greifen. Außerdem sei vieles noch offen. „Wenn das für Material und Technik gilt, ist der zusätzliche Aufwand für den Wolfsschutz noch lange nicht bezahlt“, meint der 59-Jährige, der sich 1992 mit seinen Schafen selbstständig machte. Rund 2300 Schafe hat der Mecklenburger derzeit auf der Weide: trächtige Mutterschafe, „Teenager“, Böcke, Lämmer aus dem Vorjahr. Alle drei bis vier Tage wechselt die Koppel, weil das Futter abgefressen ist. Heißt: Zweimal pro in der Woche müssen Zäune ab- und wieder aufgebaut werden. Doch je größer Draht und Pfähle sind, desto schwerer lassen sie sich transportieren. „Da brauchen wir einen Spezialhänger.“ Außerdem einen Quad für die Wickelmaschine und den geländegängigen Mäher, der das Gras unter dem untersten Draht niedrig halten muss, „damit überhaupt Strom fließt“. Bisher gilt pro Betrieb zudem die Obergrenze von 15  000 Euro in drei Jahren. Stoll ist ratlos: „Wird die jetzt aufgehoben?“ Sonst würde ihm die neue Richtlinie nichts nützen. Für Schäfer Stoll steht jedenfalls fest: Für die nächsten 50 Rollen Weidezaun muss er noch kräftig dazu zahlen.

Sein Kollege Maik Gersonde, Schäfermeister in Schlesin (Landkreis Ludwigslust-Parchim) ist ebenfalls unzufrieden. „Die 100-prozentige Förderung des Materials ändert nichts daran, dass meine Arbeit schwerer und der Personalaufwand höher wird.“ Allein seine Herdenschutzhunde kosten pro Jahr rund 2500 Euro Unterhalt. „Das muss man erst mal stemmen“, sagt Gersonde.

Kühe und Pferde wolfssicher einzäunen?

Auch Volker Schleusner aus Dänschenburg (Vorpommern-Rügen) hegt Zweifel, ob die Ankündigung aus Brüssel ihm etwas bringt. Pferde und Rinder sind zwar wehrhafter als Schafe. Doch auch Kälber können für Wölfe eine leichte Beute sein, vor allem wenn eine Mutterkuh Zwillinge hat. Der Biobauer hat etwa 1000 Rinder auf der Weide, außerdem hochkarätige Pferde. „1000 Hektar Grünland wolfssicher einzäunen – das geht gar nicht“, meint der Landwirt. „Viel zu teuer.“ Und wer solle die Zäune ständig kontrollieren und in Schuss halten? Würden Mutterkuhhalter überhaupt Geld für den Wolfsschutz erhalten? Eine Sprecherin des Schweriner Agrarministeriums räumt ein, dass die Kostenerstattung vor allem für Schäfer vorgesehen ist. Für Rinder- und Pferdebetriebe seien die Zuschüsse „abhängig vom Rissgeschehen“.

Zuspruch erhalten die Tierhalter auch von Umweltschützern. „Die Förderung der Tierhalter sollte auch den Zusatzaufwand umfassen, nicht nur die Materialkosten“, sagt Stefan Schwill, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes. Es müsse verhindert werden, dass Landwirte ihre Weidetiere abschaffen. Die Beweidung vieler Wiesen sei wichtig für den Naturschutz.

Elke Ehlers