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Stabwechsel in der „Badejunge“-Molkerei

Bergen Stabwechsel in der „Badejunge“-Molkerei

Christina Rausch (36) wird Werkleiterin / Wolfgang Lüth (65) geht in Ruhestand

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Generationswechsel in der „Badejunge“-Molkerei: Christina Rausch löst Wolfgang Lüth als Werkleiter ab.

Quelle: Foto: C.rödel

Bergen. 44 Jahre lang war die Bergener Molkerei ein Stück seines Lebens. Als junger Absolvent der Berliner Humboldt-Universität stieg Wolfgang Lüth 1973 als Produktionsleiter in den Betrieb ein, seit 1991 ist der gebürtige Rüganer Werkleiter. In dieser Woche geht der in der deutschen Meiereiwirtschaft hochgeschätzte Fachmann in den Ruhestand.

Die Nachfolge ist geregelt: Das Ruder übernimmt Christina Rausch, die in Hamburg Ernährungswirtschaft studiert hat und wie ihr Vorgänger von der Insel Rügen stammt. Auf den Job ist sie gut vorbereitet. Vor drei Jahren wechselte die 36-Jährige aus dem Sassnitzer Euro-Baltic-Fischwerk in die „Badejunge“-Molkerei. Als Controllerin und stellvertretende Werkleiterin konnte sie sich von Wolfgang Lüth viel „abgucken“, wie sie sagt. „Trotzdem sind es große Fußstapfen, in die ich trete“, meint die Mutter einer 11-jährigen Tochter.

Lüth hat mit der Genossenschaftsmolkerei, die heute zum Deutschen Milchkontor (DMK) gehört, wechselvolle Zeiten erlebt. Dass der Betrieb trotz seines abgelegenen Standortes seit 1990 vier Fusionswellen überstand, ist nicht selbstverständlich. Andere Molkereien im Land wurden dichtgemacht, wie die Rostocker Küstenland-Molkerei. Bützows Milchwerk war viele Jahre geschlossen.

Auch der „Rügener Badejunge“ stand – wie nach der Wende viele Ostprodukte – vor dem Aus. Doch die Markenspezialisten der Rotkäppchen Peter Jülich GmbH Dortmund (Nordrhein-Westfalen) retten die einstige DDR-Marke. Sie nahmen den Camembert in ihr bundesweites Vertriebsnetz auf. 26 Jahre lief die Kooperation, bis die DMK-Group im vorigen Jahr den Vertrag kündigte.

Es gab Gerüchte, der „Badejunge“ könnte künftig in Thüringen produziert werden. Lüth aber ist zuversichtlich: „Es wird einen neuen Vertrag geben, das Grundgerüst dafür steht.“ Allerdings: „Der Markt verändert sich rasant“, weiß der Diplom-Ingenieur für Milchwirtschaft. Die jüngste Milchkrise machte auch um die Insel keinen Bogen. Alle Agrarbetriebe, aus deren Milch der „Badejunge“ entsteht, kündigten 2016 aus Protest über den niedrigen Milchpreis ihre Lieferverträge. Denn das Preistief traf alle DMK-Molkereien gleichermaßen.

Harald Nitschke, Mitglied im Vorstand der Genossenschaftsmolkerei, bestätigt das. „Ich kaufe den Rügener Camembert gern“, sagt der Landwirt, der in Ramin (Vorpommern-Greifswald) selbst einen Milchkuh-Betrieb leitet. „Aber das Entscheidende für die Landwirte ist der Milchpreis.“ Wolfgang Lüth beweist Gelassenheit. Die Milchlieferverträge würden noch bis Ende 2018 laufen. „Da ist genug Zeit für die Bauern, sich die Kündigung noch einmal zu überlegen.“

Mit der Bergener Molkerei überlebte übrigens noch ein zweites Ostprodukt, die „Frische Sahnige“, früher als Rahmbutter bekannt. Wolfgang Lüth hatte 2002 nach der Schließung der Rostocker Molkerei das Patent samt Technik nach Rügen geholt. „Das Produkt hat eine treue Stammkundschaft.“ Außerdem will die DMK-Group ihr „Milram“-Sortiment weiterentwickeln. Beim Milchkontor „gibt es bisher keine Camembert-Marke“, sagt Lüth. Eine Aufgabe für seine Nachfolgerin? Christina Rausch lächelt. „Möglicherweise, aber noch ist nichts spruchreif.“

Bergens Bürgermeisterin, Anja Ratzke (41) ist froh, dass der Generationswechsel so gut klappt. Denn die Molkerei sichert der größten Inselstadt Industrie-Arbeitsplätze. „Andere Betriebe in der Backwaren- und Fleischbranche sind längst verschwunden“, bedauert die Kommunalpolitikerin. Die Molkerei hat sich auch in anderen Bereichen bereits personell „verjüngt“, in den Positionen der Produktionsleiterin und des technischen Leiters zum Beispiel.

Freizeit-Skipper Wolfgang Lüth freut sich, dass er künftig mehr Zeit für seine große Familie – fünf Kinder und zehn Enkel – hat. „Im Betrieb werden die jungen Leute sicher manches anders lösen“, meint er. Er ist sich nach 44 Jahren aber sicher: „Ich mische mich nicht mehr ein.“

Inselkäserei überlebt mit einstigen DDR-Marken

56 Mitarbeiter beschäftigt die Bergener Molkerei. Pro Jahr werden 45 Millionen Liter Milch zu 3400 Tonnen „Rügener Badejunge“-Camembert, 280 Tonnen „Frischer Sahniger“ sowie Milchkonzentrat verarbeitet. Außerdem produziert das Werk 400 Tonnen Bio-Camembert. Seit 2011 gehört die Inselkäserei zu Deutschlands größtem Milchkonzern, der DMK-Group.Ursprünglich wurde der Camembert im heute zu Polen gehörenden Stolp unter dem Namen Stolper Jungchen hergestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte der Hersteller Karl Wilhelms das Rezept in die Molkerei Bergen. Der Name Stolper Jungchen war geschützt, so dass der Käse fortan Rügener Badejunge hieß.

Elke Ehlers

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