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Wo liegt die Inkompetenz der Ingenieure?

Wo liegt die Inkompetenz der Ingenieure?

Professor Franz Spychala vom Verein Deutscher Ingenieure über den Niedergang der P+S Werften

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Prof. Franz Spychala vom Verein Deutscher Ingenieure

Dass sich die Stralsunder Werft (vormals P+S Werft) mit dem Bau der beiden Fähren „Berlin“ und „Copenhagen“ für die deutsch-dänische Reederei Scandlines 2012 verhoben hatte, ist aus der Presse hinreichend bekannt. Bemerkungen zu fehlender Ingenieurskompetenz oder gescheiterter Ingenieurskunst waren damals nicht zu übersehen. Aber ist es denn so, dass heutige Ingenieure solche Schiffe nicht mehr bauen können? Haben sie ihre Kenntnisse von früheren Fährschiffsbauten auf der Schiffswerft Neptun für die Verbindungen Warnemünde – Gedser sowie Sassnitz – Trelleborg oder auf der Werft in Wismar (ursprünglich VEB Mathias-Thesen-Werft) für die Route Mukran – Klaipeda verloren?

Die gegenwärtigen Beratungen des Landtages MV zum Bericht des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses (PUA) bezüglich der P+S Werften sollen der Anlass sein, diese Frage speziell aus Sicht von Ingenieuren aufzugreifen. Der Übergang der Werft Stralsund von Möller Maersk zu Hegemann war verbunden mit dem Wechsel vom Containerschiffbau mit wenigen Typen und relativ hohen Stückzahlen zum Spezialschiffbau mit hoher Typenvielfalt und relativ geringen Stückzahlen pro Typ. Das erforderte die kurzfristige Aufstockung der Konstruktionskapazität um etwa 60 Konstrukteure – allerdings mit unterschiedlichem Erfahrungsstand.

Wenn das Know-How vorhanden war, die Routine aber nicht gegeben sein konnte, bedeutete die gleichzeitige Planung und Ausführung der Aufträge – laut Orderbuch die Bearbeitung von bis zu zehn Projekten gleichzeitig – eine enorm hohe Belastung. So wurden Verlagerungen von Konstruktionen an externe Unternehmen bis in osteuropäische Länder erforderlich. Nun sind derartige Vorgänge nicht unüblich, sie setzen allerdings eine wirksame Steuerung der Vergaben sowie Kontrolle und Koordinierung voraus. Daran jedoch ließ es das Management erheblich fehlen. Es hatte die Werft mit seinen Plänen überfordert. Hinzu kam, dass konkrete Vorgaben durch das Management in unzureichender Weise erfolgten. Für die Bearbeitung der Fährschiffe wurden für die Konstruktion 120 000 Stunden und für die Fertigung 350 000 Stunden vorgegeben. Experten betrachteten indes Vorgaben in Höhe von 160000 Stunden für die Konstruktion und 550 000 Stunden für die Fertigung als notwendig. Das alles drängte die Abläufe derart zusammen, dass keine sinnvolle Zusammenarbeit zustande kam. Daran änderte auch das neu eingeführte System der Objektmanager nichts.

Als sehr problematisch stellten sich die Änderungen während des Baus heraus. Dazu gehörten sowohl die Änderungen der Brandschutzvorschriften durch die dänischen Behörden als auch Detailänderungen auf Forderungen des Auftraggebers und Änderungen infolge Forderungen der Klassifikationsgesellschaft. Es gibt Hinweise aus dem Ausschuss, die dokumentieren, dass Zeichnungen vorhanden waren, auf denen der 21. Änderungszustand vermerkt war.

Als ein weiterer heikler Punkt stellte sich die unzulängliche Gewichtskontrolle – dafür gibt es ein eigenes Gewichtsmanagement – heraus. Die fehlende Klarheit des realen Ist-Zustandes führte zum herausragenden Problem. Das Gewicht ist entscheidend für die Stabilität des Schiffes und erteilt Auskunft über den Tiefgang.

Nun stellt sich die Frage: Hat das alles niemand bemerkt und kritisiert? Wurden die Ingenieure ihrer Verantwortung nicht gerecht? Dazu möchte ich nur aus dem Ausschussbericht zitieren: „ der Geschäftsführer leistete einen großen Arbeitsumfang, aber er machte Druck, anständigen Druck, und wenn das nicht spurte, gab's Feuer, aber reichlich. Sein Führungsstil wurde als ,patriarchalisch’

bezeichnet. Und er war beratungsresistent. Er ließ keine Problemerörterung zu.“ Der darauffolgende Geschäftsführer der P+S-Werften ergänzte, dass die Ingenieure der verschiedenen Ebenen froh gewesen seien, als er mit ihnen die Probleme besprach. Wo liegt nun die Inkompetenz der Angestellten? Dazu ein Ingenieur: „Wir alle, die an diesem Projekt beteiligt waren, haben es letztlich nicht gut hinbekommen, aber nicht, weil wir es nicht konnten, sondern weil uns die Rahmenbedingungen fehlten. Man kann das Ingenieurteam mit einem Orchester vergleichen. Wenn man diesem Orchester ständig neue Dirigenten vorsetzt, die Notenblätter wechselt, dem Konzertsaal den Strom abschaltet, dann entstehen Misstöne, obwohl jeder Musiker sein Instrument beherrscht.

Mittlerweile trägt die Werft nach der Zwischenetappe Nordic Yards die Bezeichnung Lloyd Werft Stralsund GmbH und gehört zum Unternehmen Genting Hong Kong. Aufgabe wird sein, in diesem Verbund Kreuzfahrtschiffe zu liefern. Wünschen wir den Kollegen eine sachgerechte Ingenieurtätigkeit und der Werft insgesamt viel Erfolg.

Zur Person

Professor Franz Spychala ist ein international anerkannter Experte im Schiffbau und Mitglied im Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Der 1935 im brandenburgischen Ketzin an der Havel Geborene studierte ab 1954 an der Rostocker Universität Schiffsmaschinenbau. Später wirkte er über Jahrzehnte hinweg an norddeutschen Hochschulen. Dabei befasste er sich unter anderem mit der Verbrennung von Schiffstreibstoffen sowie ihrer Auswirkung auf die Natur und die in Küstennähe lebenden Menschen. Zuletzt setzte er sich für einen elektrischen Ladeanschluss für Kreuzfahrtschiffe in Warnemünde ein: „Dieser könnte helfen, die Emissionen zu vermindern.“

OZ

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