Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Zingst setzt auf den „Q“-Faktor
Nachrichten MV aktuell Zingst setzt auf den „Q“-Faktor
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:01 29.03.2016
Gabriele Wilde, Inhaberin der Boutique „Wäschetruhe“, hat das „Q“-Siegel schon. Die Qualitätsoffensive werde sich für Zingst auszahlen, ist sie überzeugt.

Ein gutes Dutzend Gütesiegel klebt am Eingang des Hotels „Meerlust“. Bestnoten von Relax-Guide und Wellness-Verband — darauf ist Iwe Rudolph, Chef des Vier-Sterne-Superior-Hauses in Zingst, stolz. Sein Geld verdient der Geschäftsmann aber nicht mit Glanzleistungen bei Hoteltests, sondern mit zufriedenen Gästen. Mit denen, die gern wiederkommen und sein Haus bestenfalls weiterempfehlen. Damit er davon viele hat, will er es Urlaubern so schön wie möglich machen. „Dafür muss sich jeder im Team in die Rolle des Gastes hineindenken“, sagt der 36-Jährige. Meistens klappt das, manchmal nicht. Fehler und Nachlässigkeiten ärgern Rudolph. Vor allem, wenn sie vor den Augen der Gäste passieren.

Mit verbesserter Qualität im Service wollen Betriebe auch in der Nebensaison Gäste locken / Dafür lassen Hoteliers und Einzelhändler ihre Mitarbeiter schulen

Erfolg wird online ausgewertet

63 Betriebe in MV tragen das Siegel „ServiceQualität“ . Ein Jahr lang ist es gültig. Danach muss es verlängert werden. Ob die Unternehmen vereinbarte Standards erfüllen, müssen sie online mittels des Auswertungstools „Q-Zertifizierung.de“ nachweisen.

„Kein Betrieb ist so perfekt, dass man nicht noch etwas verbessern könnte“, sagt Unternehmensberater Dietrich Eder. Er hilft Chefs und ihren Mitarbeitern dabei, die Kundenbrille aufzusetzen. Das sei, sagt der 61-Jährige, der Schlüssel zum Erfolg in der Urlaubsbranche. „Zertifikate sind dem Gast egal. Für ihn zählt, dass er sich wohlfühlt. Dann kommt er wieder.“ Auch in der Nebensaison. Zum tadellosen Gastgeber soll Eder jetzt einen ganzen Ort machen: Zingst will die erste „ServiceQualität“-Gemeinde im Land werden. Mit dem Gütesiegel bescheinigt der Deutsche Tourismusverband Orten und Betrieben hervorragende Gastfreundlichkeit. Das Prädikat „Q“ gibt‘s nur, wenn sich mindestens 15 Unternehmen in puncto Service schulen lassen. Dabei sollen Dienstleister erkennen, wie sie ihre Angebote verbessern und so die jährliche Bettenauslastung erhöhen können.

Guter Service wird für Orte, die vom Tourismus leben, immer bedeutender. Reiseanalysen belegen, dass den Deutschen Gastfreundlichkeit besonders wichtig ist, wenn sie ein Urlaubsziel auswählen. Erst danach kommen Kriterien wie Landschaft, Unterkunft und Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Zeiten, in denen Ostseenähe allein genügt habe, seien vorbei, ist Anne Crämer, Marketingleiterin der Kur- und Tourismus-GmbH Zingst, überzeugt. Schöne Strände hätten andere auch. Wer wirtschaftlichen Erfolg wolle, müsse schon mehr bieten. „Die Gäste werden anspruchsvoller. Dem wollen wir gerecht werden.“

Dafür müssten alle im Ort an einem Strang ziehen.

Das sieht Dietrich Eder genauso. „Es nützt nichts, wenn der Gast mit seinem Hotel hochzufrieden ist und an der Tankstelle kriegt er sein Fett weg.“ Schlechte Erlebnisse bleiben haften und sprechen sich rum. Negativ-Werbung, auf die Zingst zu gern verzichten will. Deshalb gibt die Gemeinde 24000 Euro für die „Q“-Initiative aus, aufgestockt durch Fördergelder von Land und Bund. Deshalb machen schon 31 Unternehmen mit. 40 sollen es bis zum Sommer sein.

Barkeeper, Bauhofmitarbeiter, Bimmelbahnfahrer — in Eders Kursen sitzen Arbeitnehmer aus sämtlichen Branchen, die Kontakt zu Urlaubern haben. Vom Unternehmensberater lassen sie sich zu Service-Coaches ausbilden — inklusive Psychologie-Exkurs: Wie besänftige ich cholerische Nörgler? Wie kann ich Feedback nutzen und wie mein Unternehmen in sozialen Netzwerken nutzerfreundlich vermarkten? Das, was Eder seinen Schülern beibringt, geben die wiederum in ihren Betrieben an die Kollegen weiter. Das Ziel: Von der Buchung bis zur Abreise sollen sich Zingst-Urlauber bestens aufgehoben fühlen. „Viele Unternehmen werden in dieser Saison zum ersten Mal eine Gästebefragung machen“, sagt Eder. Und dabei Fehler entdecken, die ihnen — auch aus Betriebsblindheit — bislang nicht bewusst gewesen seien. Um den Lerneffekt zu beschleunigen, geht Eder mit jedem Betrieb Arbeitsabläufe durch, erstellt Maßnahmepläne, feilt an Dienstleistungsketten. „Alles individuell, je nachdem, was der Einzelne leisten kann.“

Lernen sollen die Workshop-Teilnehmer auch voneinander. Erfahrungen austauschen, Kooperationen schließen. „Wir wollen einen starken Verbund“, verdeutlicht Anne Crämer. Klar, es gebe Skeptiker und solche, die mit vermeintlichen Rivalen lieber nicht gemeinsame Sache machen wollen. Doch sie sei sicher, dass auch die sich früher oder später überzeugen ließen. „Der Erfolg wird uns recht geben.“

Die „Wäschetruhe“ hat das „Q“-Siegel schon. Boutique-Inhaberin Gabriele Wilde glaubt an die Sache. „Das wird Zingst voranbringen.“ Nur wenn jeder Dienstleister den Gast an die erste Stelle setze, könne sich der Ort touristisch weiterentwickeln. Deshalb macht auch „Meerlust“-Chef Iwe Rudolph mit. Er lässt gleich zwölf seiner Angestellten zu Service-Coaches schulen. Dabei werden auch ihm Dinge wieder bewusst, die im Alltag untergegangen sind. Zum Beispiel, wie wichtig regelmäßige Mitarbeitergespräche sind. Dabei könne er Potenziale ausloten und merke schnell, wo‘s hakt. Miese Stimmung in der Belegschaft bleibt Gästen schließlich nicht verborgen. „Letztlich profitiert jeder von ,ServiceQualität‘: das Unternehmen, der Mitarbeiter und der Gast.“

Von Antje Bernstein

Mehr zum Thema

Der Wahl-Hamburger und seine Band project Île bringen am 15. April ihre neue Platte „Fasst euch ein Herz“ heraus / Die Songs stellen die Musiker Ende April in Rostock und Stralsund vor

24.03.2016

Politikwissenschaftler hat ihr Wirken untersucht / Konsequenz fehle bei Einhaltung des Schweriner Weges

24.03.2016

756 Filme dürfen in Deutschland an Karfreitag nicht in den Kinos gezeigt werden. Auch tanzen ist vielerorts nicht erlaubt. Atheisten geht derlei staatliche Bevormundung auf die Nerven. Sie sprechen von Anachronismen. Soll man sie abschaffen?

25.03.2016

Allein Rostock richtet 86 befristete Stellen ein / Viele Posten sind aber noch nicht besetzt, da Flüchtlingszahlen seit Schließung der Balkanroute sinken / 300 Asylbewerber im März

29.03.2016

Der Mann, der sich am Donnerstag auf der A 14 erschossen hat, ist offenbar kein Unbekannter. Wie die „Bild“-Zeitung berichtet, soll es sich bei dem 46-Jährigen um den Unternehmer Mario U.

29.03.2016

Vier Menschen bei Zusammenstößen schwer verletzt — darunter ein Kind (9)

29.03.2016
Anzeige