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Züchter zweifeln an Stallpflicht

Rostock Züchter zweifeln an Stallpflicht

Normalerweise würden die Halter von Rassegeflügel längst schon Eier ausbrüten lassen. Die Vogelgrippe verhindert das.

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Hahn und silberhalsige holländische Zwerghühner aus der Zucht von Rassegeflügelzüchter Karl Studier im kleinen Notstall. FOTOS (2): JENS BÜTTNER/DPA

Rostock. Vogelgrippe und Stallpflicht bremsen in diesem Jahr die Rassegeflügelzüchter aus. Eigentlich sammeln sie ab Januar in ihren Beständen Bruteier ein, um rechtzeitig Jungvögel aufziehen zu können. „Aber wenn die Tiere geschlüpft sind, wo soll ich dann mit ihnen hin?“, fragt Züchter Lothar Schröder. „Sie brauchen Auslauf, um optimal heranzuwachsen.“ Wegen der weiter grassierenden Vogelgrippe hat der Chef des Rassegeflügel- und Vogelvereins in Satow (Landkreis Rostock) den Saisonstart wiederholt verschoben.

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Normalerweise würden die Halter von Rassegeflügel längst schon Eier ausbrüten lassen. Die Vogelgrippe verhindert das.

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Schröder und seine Partnerin halten ganz unterschiedliche Arten. Besonders stolz ist er auf seine Strichelfasane: Die Art sei weltweit äußerst selten und nur durch intensive Zucht vorm Aussterben bewahrt worden. Sollten seine Tiere der Vogelgrippe zum Opfer fallen oder getötet werden müssen, „dann würden einzigartige, kaum ersetzbare Genreserven verlorengehen“, gibt der Tischler im Ruhestand zu bedenken. Dabei beobachtet er, wie sich eine Henne unter einem in der Voliere stehenden Baum versteckt. „Die ist vor dem Hahn geflüchtet. Die Zuchtsaison ist längst in vollem Gange“, erklärt Schröder.

Wie ihm geht es Hunderten Rassegeflügelzüchtern im Land. Aufgrund der angespannten Lage wegen der Vogelgrippe lassen viele ihr Hobby ruhen. Mehrere haben die Zucht bereits aufgegeben. Karl Studier gehört zu jenen, die mit dem Gedanken spielen, ebenfalls aufzugeben oder die Zucht spürbar einzuschränken. Der Dummerstorfer hält Tauben der Rasse Wiener Tümmler und organisiert stets im Januar die traditionelle Ostseerassetaubenschau in Rostock. Die ist diesmal ausgefallen. „Es ist eine unerträgliche Situation“, sagt er. „Man steckt das ganze Jahr über Herzblut und viel Zeit in die Zucht. Und wenn es endlich soweit ist, die schönsten Tiere vorzustellen, dann geht das wegen der Vogelpest nicht“, klagt der Taubenzüchter.

„Für uns ist der Winter quasi Erntezeit“, erläutert der Verbandschef der mehr als 2000 Rassegeflügelzüchter im Land, Martin Piehl, die Situation. „Im Winter finden die Ausstellungen statt und die Züchter fahren den Lohn ihrer Arbeit ein. Aber die Präsentationen sind diesmal nahezu alle ausgefallen.“ Jeweils von September bis in den Januar hinein stellen Züchter Juroren ihre Tiere zur Bewertung vor, präsentieren sie der Öffentlichkeit. Wer für Ente, Huhn, Gans, Taube oder Fasan ein „sehr gut“ oder gar „vorzüglich“ als Bewertung bekommt, kann besonders stolz sein. Fällt diese Bewertung aus, schwindet oft der züchterische Ehrgeiz.

Auch schwindet unter Geflügelhaltern die Einsicht in die Notwendigkeit der Stallpflicht. Schröder vermisst wissenschaftliche Erkenntnisse über die Ausbreitung der Vogelgrippe. Allein den Vogelzug dafür verantwortlich zu machen, reiche ihm nicht. Eher sehe er menschliches Versagen als Grund dafür, dass auch in großen geschlossenen Stallanlagen wiederholt die Geflügelpest festgestellt wurden.

„Die Stallpflicht kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, um die Gefahr einzudämmen“, argumentiert er.

Agrarminister Till Backhaus (SPD) hält an der Stallpflicht fest, auch wenn Niedersachsen und weitere Bundesländer Landkreisen empfohlen haben, die Schutzmaßnahmen zu lockern oder gar aufzuheben. „Für die Tierhalter ist das sicher eine gute Nachricht. Mir persönlich bereitet das große Bauchschmerzen“, sagt Backhaus. Er fordert bundesweit einheitliche Regeln.

Piehl als Chef der Rassegeflügelzüchter im Land kennt die Kritik der Verbandsmitglieder. Viele könnten die seit bald drei Monaten anhaltende Stallpflicht nicht mehr nachvollziehen. Gleichwohl verstehe er auch die Empfehlung des Friedrich-Loeffler-Instituts, die Tiere weiterhin vor Wildvögeln abzuschirmen.

Schröder hat sich entschlossen, jetzt die ersten Eier ausbrüten zu lassen. „Wenn ich es jetzt nicht tue, kann ich gleich für immer mit der Zucht aufhören“, befürchtet er. Bald sei es zu spät: „Dann können sich die Jungtiere bis zum Herbst nicht mehr komplett für die Ausstellungen entwickeln.“

Vogelgrippe – deutschlandweit in 75 Geflügelhaltungen

Unvermindert intensiv grassiert die Vogelgrippe in Deutschland. Bislang gebe es noch keine Anzeichen für ein Abklingen der Geflügelpest-Fälle, sagte die Sprecherin des Bundesinstituts für Tiergesundheit auf der Insel Riems, Elke Reinking. Seit November ist die Vogelgrippe mit den Erregern H5N8 und H5N5 deutschlandweit in rund 75 Geflügelhaltungen, davon mehr als 40 Großhaltungen, ausgebrochen. In 19 Fällen waren Hobby- und Kleinhaltungen, in 15 Fällen Zoos und Tierparks betroffen.

Erst gestern teilte der Landkreis Cloppenburg (Niedersachsen) mit, dass in einem Betrieb mit 13 000 Putenhennen und 18 000 Putenküken Vogelgrippe-Erreger nachgewiesen wurden. Die Tötung aller Tiere des Bestands werde bereits vorbereitet. Die Fälle bei Wildvögeln sowie Ausbrüche bei gehaltenen Vögeln haben ein nie zuvor erfasstes Ausmaß angenommen, schreibt das Friedrich-Loeffler-Institut in seiner aktuellen Risikoanalyse. Täglich gehen beim Institut mehrere mit dem H5N8-Erreger belastete Proben ein.

Geflügelhalter hoffen auf ein Abklingen der Epidemie durch steigende Temperaturen, weil sich so die Überlebensbedingungen des Erregers verschlechtern. Reinking sagt, entscheidend für die Überdauerungsfähigkeit des Erregers sei das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Bei Wärme und Trockenheit werde das Virus relativ schnell inaktiv. Auch stärkere UV-Strahlung sorge dafür.

OZ

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