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MV aktuell Zweifelhafte Kriminalfälle machen der Polizei zu schaffen
Nachrichten MV aktuell Zweifelhafte Kriminalfälle machen der Polizei zu schaffen
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00:01 08.04.2016
Oberstaatsanwalt Stefan Urbanek Quelle: Kettler

Aufregung in Warnemünde: Wegen des Verdachts einer Vergewaltigung werden Polizei und Rettungskräfte Mittwochabend in einen kleinen Park gerufen. Eine junge Frau sagt, ein Mann hätte sie gezwungen, auf einer Parkbank sexuelle Handlungen vorzunehmen. Der flüchtige Vergewaltiger sei syrischer oder pakistanischer Herkunft, vermutlich Asylbewerber, berichtet die 20-Jährige. Mit oberflächlichen Verletzungen an Hals und Armen wird sie im Krankenhaus behandelt. Die Polizei sichert Spuren, setzt Spürhunde ein. Ergebnis: starke Zweifel. „Es kann nach derzeitigem Ermittlungsstand nicht sicher gesagt werden, ob tatsächlich eine sexuell motivierte Straftat vorliegt“, formulierte das Polizeipräsidium Rostock ungewohnt deutlich. Nach OZ-Informationen sagte die Frau mehrfach aus — und schilderte jedes Mal eine andere Version der Geschichte.

Was auch immer geschah — sollte die Tat tatsächlich nur ausgedacht sein, wäre es nicht der einzige zweifelhafte Fall in jüngerer Zeit. Im Januar erstattete eine Studentin aus Greifswald Anzeige. Zwei Männer hätten sie in einem Club vergewaltigt. Erst im Herbst hatte die Vergewaltigung einer Studentin für Unruhe gesorgt. Doch diesmal stutzten die Ermittler. Inzwischen gehen sie davon aus, dass an den Vorwürfen nichts dran ist. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob nun gegen die Frau ermittelt wird. Vorwurf: Vortäuschung einer Straftat.

„Wir haben es in diesem Bereich leider immer öfter mit erfundenen Geschichten zu tun“, hatte der Rostocker Kriminaldirektor Mainka bereits im September der OZ gesagt. Manchmal, weil Fehltritte vertuscht werden sollen. Manchmal, weil das vermeintliche Opfer Aufmerksamkeit bekommen möchte. Die Dunkelziffer tatsächlicher Sexualdelikte sei trotz dieser Schwindel-Fälle hoch. „Jeder Fall muss angezeigt werden, doch es muss auch klar sein, dass die Vortäuschung von Straftaten Folgen hat“, so Mainka.

Gut ein Dutzend Anzeigen wegen Vortäuschens einer Straftat werden in einem Monat allein im Polizeipräsidium Neubrandenburg bearbeitet. In der Mehrzahl geht es um weniger schwere Taten. „Zum Großteil Nachbarschaftsstreitigkeiten“, sagt Polizeisprecherin Nicole Buchfink. Aber nicht immer: Eine 16-Jährige von der Insel Rügen, die im Oktober die Polizei und Rettungskräfte mit einer ausgedachten Vergewaltigung narrte, muss jetzt strafrechtliche Folgen fürchten — wie auch Linken-Nachwuchspolitiker Julian Kinzel. Der 18-Jährige soll im Januar einen Messerangriff von Rechten in Wismar erfunden haben. Die Ermittlungen laufen noch, sagt Stefan Urbanek von der Staatsanwaltschaft Schwerin. Auch im Skandal um den Schweriner Jugendverein „Power for Kids“ sind möglicherweise falsche Beschuldigungen im Spiel: Ein neuer Zeuge, der von weiteren Tätern sprach, ist wenig glaubwürdig: Der einschlägig verurteilte Sexualstraftäter ist laut NDR selbst in Sicherungsverwahrung in einer Klinik.

Für die Opfer von Sexualstraftaten sind Schwindel-Fälle fatal, sagt Lena Melle, Leiterin der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt in Rostock. „Viele haben ohnehin schon Angst, dass man ihnen nicht glaubt“, meint die Beraterin. Ein Großteil der Taten werde erst gar nicht angezeigt. Weil oft Beweise fehlen, haben es Ermittler schwer. „Wenn ein Verfahren eingestellt wird, bedeutet das nicht automatisch, dass nichts dran ist“, sagt ein Staatsanwalt aus Mecklenburg-Vorpommern.

Wenn der Nachbar die Polizei ruft

34 Anzeigen wegen Vortäuschung einer Straftat gingen im ersten Quartal des Jahres im Polizeipräsidium Neubrandenburg ein.

Meist geht es um harmlose Dinge, etwa den klassischen Nachbarschaftsstreit.

200 Menschen suchen jedes Jahr Hilfe bei der Beratungsstelle gegen sexualiserte Gewalt in Rostock, die auch für den Landkreis Rostock zuständig ist. Die Berater vermittelt auch Kontakt zu anderen Stellen in ganz MV: ☎ 0381 / 4 40 32 90.

Von Gerald Kleine Wördemann

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