Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Zwölf Kliniken erprobten Medikamente für den Westen

Rostock/Greifswald Zwölf Kliniken erprobten Medikamente für den Westen

Studie: Bei Arzneitests in der DDR wurden internationale Standards eingehalten

Rostock/Greifswald. Nicht nur die Universitätskliniken in Greifswald und Rostock, sondern auch das Zentralinstitut für Diabetes Karlsburg oder das Bezirkskrankenhaus Neubrandenburg sowie das Kreiskrankenhaus Kühlungsborn waren zu DDR-Zeiten an Arzneimittelstudien im Auftrag westlicher Pharmaunternehmen involviert. Insgesamt zwölf medizinische Einrichtungen im Nordosten beteiligten sich an Pharmatests. Allerdings, so das Fazit der Untersuchung „Klinische Studien in der DDR im Auftrag westlicher Pharmafirmen“, seien die Tests nach geltenden internationalen Standards durchgeführt worden.

 

OZ-Bild

Der Skandal ist ausgeblieben.“ Der Berliner Medizin- historiker und Leiter der Studie, Prof. Volker Hess.

Quelle: dpa

Vorwürfe von „menschlichen Versuchskaninchen“ haben die Forscher unter Leitung des Berliner Medizinhistorikers Volker Hess nicht nachweisen können. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte Geschichten über Menschenversuche im „Versuchslabor Ost“ mit „unerprobten Arzneien“ veröffentlicht. Auf der Suche nach Devisen-Einnahmequellen seien Patienten als Pharmaprobanden an den Westen „verkauft“ worden. „Der Skandal ist ausgeblieben“, sagte Hess, dessen Team umfangreiche Akten studiert hatte, in DDR-Archiven bis hin zur Stasi-Unterlagenbehörde sowie in westlichen Pharmaunternehmen. Ob bei jedem der vielen tausend Tests die Patienten auch aufgeklärt wurden und ob sie ihre Einwilligung gaben, ließe sich allerdings nur lückenhaft nachweisen. Viele schwer kranke Patienten hätten die Westpräparate jedoch gerne angenommen, meinte Hess.

Die Forscher fanden Hinweise zu über 900 Arzneitests im Auftrag westlicher Konzerne zwischen 1960 und 1989 in der Ex-DDR. 321 klinische Auftragsstudien wurden näher untersucht. Dass solche Tests ausgerechnet in der DDR durchgeführt wurden, sei nichts Außergewöhnliches gewesen, sondern zeige nur, wie eng das DDR-Gesundheitswesen, trotz Mauer und Kaltem Krieg, mit westlichen Pharmaunternehmen verbandelt war. Dabei seien die Testreihen im Osten nicht billiger gewesen als in westeuropäischen Ländern. Die Konzerne zahlten in harten Devisen. Die Einnahmen wurden beim Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) von Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski verbucht. Allein in den 80er Jahren etwa 2,5 Milliarden Valutamark.

Die Pharmaunternehmen schätzten die Akribie, mit der die Tests im Osten vorgenommen wurden. Auch war die zentrale Steuerung der Arzneimittelstudien durch das beim Gesundheitsministerium in Ost-Berlin angesiedelte „Beratungsbüro für Arzneimittel (Import)“ — BBA — ein Garant für rasches und effizientes Arbeiten. Die Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), sagte der OZ: „Die Untersuchung zeigt, dass der Kontrollapparat des totalitären DDR-Regimes, der eine zügige Durchführung der Studien sicherstellte, Westfirmen zupasskam.“ In der DDR konnte man mit dem BBA alle vertraglichen Regelungen vereinbaren, während man in Westdeutschland mit gleich mehreren Chef- oder Oberärzten verhandeln musste. Und bei aller Kritik dürfe man nicht vergessen, dass die Arzneiprüfungen „auch zu einer Verbesserung der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung“ beitrugen, meinte Gleicke. Und selbstverständlich saß die Staatssicherheit mit im Boot. Ein Netz von hauptamtlichen und informellen Mitarbeitern beobachtete die beteiligten Ärzte und ihre Kontakte zu den westlichen Partnern.

Von Reinhard Zweigler

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus MV aktuell
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.