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Medien Die „taz“: 40 Jahre und ein bisschen leiser
Nachrichten Medien Die „taz“: 40 Jahre und ein bisschen leiser
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18:00 26.09.2018
Stachel im Pelz der Konsensrepublik: Blick in den Redaktionsraum der „taz“ in Berlin. Quelle: dpa
Berlin

Ein „verlässliches Ärgernis“. So hat die frühere Chefredakteurin Ines Pohl die „taz“ mal genannt. In diesen zwei Worten steckt die ganze Widersprüchlichkeit der kleinsten überregionalen Zeitung Deutschlands. Denn wie soll das bitte zusammenpassen: Verlässlichkeit und Ärgernis? Klingt das nicht schwer nach dem alten Bonmot, wonach der Deutsche, wenn er sich aufmacht zur Revolution, vorher brav eine Bahnsteigkarte löst?

Aufruhr und Stabilität, Risiko und Vernunft, Krawall und Kontrolle – es sind die beiden Pole, zwischen denen die „taz“ auch nach vier Jahrzehnten noch pendelnd ihren Platz sucht. Inzwischen hat man sich in die Verhältnisse eingedreht wie ein Schneehund in seine kalte Kuhle. Aber ganz ohne Hader, ohne Zank, ohne Widerborstigkeit würde die „taz“ ihren Markenkern verlieren.

40 Jahre alt wird das verlässliche Ärgernis, entstanden als Spätblüte des „Tunix-Kongresses“ im Januar 1978 in West-Berlin, der heute als Geburtsstunde der Alternativbewegung gilt. Am 27. September 1978 erschien die 16-seitige „Null-Nr. 1“ der „tageszeitung“ – allerdings mit dem Datum 22. September 1978. Fünf Tage hatte es gedauert, in einer Wohnung in Berlin-Wedding die Bleiwüste zusammenzuschrauben. Der Preis: eine D-Mark.

Gegen „Verlautbarungs-Dünnsäure“

Das Zeitungsprojekt gegen „Propaganda-Müll und Verlautbarungs-Dünnsäure“ (Eigenwerbung 1987) war auch ein Produkt des Deutschen Herbstes: Als sich die bundesdeutsche Presse nach den Morden der RAF 1977 aus vermeintlicher Staatsräson der Nachrichtensperre der Regierung unterwarf, stemmte sich ein kleines Häuflein linker Nichtkommunisten dagegen, um zu „schreiben, was sonst keiner schreibt“. Man wollte zweierlei: weg von der verrauchten K-Gruppen-Behaglichkeit und Mao-Sentimentalität. Und eine „Gegenöffentlichkeit“ bilden zum angeblichen konservativen Ungeist der Mainstream-Medien von Springers verhasster „Bild“ bis zur stocksteifen „FAZ“ – quasi dem rechtsversifften Mainstream der BRD.

Das klingt heute sehr vertraut. Tatsächlich spiegelt sich da auf das Herrlichste die Gegenwart, in der Pegida, AfD und ihre krakeelende Gefolgschaft aus ihrem geschlossenen Weltbild heraus gegen den „linksversifften Mainstream“ wettern. Die Mechanismen im Kampf um die Deutungshoheit sind immer dieselben: Die anderen unterdrücken die Wahrheit, nur wir haben den Mut, sie auszusprechen. Gegen die Lüge!

Politik, Sex und Crime für Liegeradfahrer

Die Titelthemen: das Ende des Bürgerkriegs in Nicaragua, die Festnahme der RAF-Terroristin Astrid Proll. Im Heftinnern: ein Gespräch mit einer Peepshow-Tänzerin und Infos zu zivilem Ungehorsam gegen den Uranbergbau im Schwarzwald. Das war tatsächlich etwas Neues: Politik, Sex und Crime für Hausbesetzer und Liegeradfahrer.

Die „taz“ – Linker Klassiker mit treuer Leserschaft

Die „tageszeitung“ („taz“) wurde 1978 als linksalternatives Blatt gegründet. 250 Mitarbeiter arbeiten in Verlag und Redaktion. Die Auflage der „taz“ beträgt 49 737 Exemplare, ein Minus von 14,9 Prozent seit 1998. Sie ist damit stabiler als die der Konkurrenz. Der Abo-Anteil liegt bei 80,8 Prozent, drei Viertel der Leser zahlen freiwillig den Standardpreis oder die erhöhte Solidarabgabe. Seit 1995 ist die „taz“ online.

Es war alles immer ein bisschen lauter, tränenreicher, überdrehter und verbissener bei der „taz“. Die Beschimpfung von Claudia Roth als „Gurke des Jahres“. Die alte Hassliebe zum früheren „Bild“-Chef und „taz“-Genossen Kai Diekmann, der sich in seiner ironischen Periode gern als lustiger Onkel inszenierte – bis hin zum, nun ja, Höhepunkt: der fünf Stockwerke großen Diekmann-Penisskulptur an der „taz“-Fassade. Dazu der putzige Zoff mit der ARD um die Titelkolumne „Verboten“, die nicht „Tagesschau“ heißen darf. Oder der Streit mit Jack Wolfskin um die Rechte am Wolfstatzen-Logo (den die „taz“ im Kern verlor). Immer wieder drohte die Insolvenz. Immer wieder bettelte Karl-Heinz „Kalle“ Ruch, Geschäftsführer der ersten Stunde, in Unterstützungskampagnen um willige Abonnenten. Auch das gehörte zur „taz“-DNA: finanziell stets am Abgrund zu tanzen. 600 Mark bekamen alle Mitarbeiter einst – egal ob in Redaktion, Technik, Verwaltung. Bis heute zahlt das Haus Gehälter weit unter Branchenniveau. Für die „taz“ arbeiten – das muss man wollen.

Noch vor der Einheit, ab Februar 1990, produzierte die Redaktion eine „taz ddr“ und veröffentlichte darin im Juni 1990 eine umstrittene Liste von 9251 Stasi-Objekten in der DDR. Im Dezember 1991 dann ging die Ost-„taz“ im Mutterblatt auf.

Die „taz“ wird zum Immobilienkapitalisten

Es war Olaf Scholz, heute Bürgermeister von Hamburg, der Anfang der Neunzigerjahre zur Gründung einer Genossenschaft riet. Inzwischen läuft es finanziell so stabil, dass die Redaktion Ende Oktober aus dem alten Gründerzeitbau in der Rudi-Dutschke-Straße mit Blick auf den Erzfeind im Springer-Hochhaus in einen nagelneues, angeblich 20 Millionen Euro teures Domizil mit Fahrradkeller in der Friedrichstraße 20-22 umziehen kann. Der alte Bau wird vermietet.

Und Ruch bereitet die Mannschaft seit Monaten auf einen noch radikaleren Bruch vor – den Verzicht auf eine wochentägliche Printausgabe. Auf einer Genossenschaftsversammlung Mitte September skizzierte Ruch intern dieses „Szenario 2022“ – ohne sich auf ein festes Datum festlegen zu wollen. „Wir wollen einen starken Mix aus Print und Digital“, sagte er. Und befleißigte sich damit jenes Hoffnungsjargons, der seit Jahren die gesamte suchende, hadernde, gelegentlich auch wild entschlossene Branche durchzieht. „Ich bin auch glücklich, wenn die gedruckte tägliche Zeitung bis 2048 bleibt.“

Glück aber ist nicht ungefährlich in diesem Gewerbe. Denn nicht Gemütlichkeit führt zu Wagemut, sondern Existenznot. Mancher im Haus trauert den radikaleren, experimentelleren „taz“-Zeiten nach.

Stachel im Pelz der Konsensrepublik

Die Kategorien „rechts“ und „links“ schienen in der Frühphase der Merkelrepublik schon ein Fall für den Müllhaufen der Geschichte zu werden. Was sollte die alte Dualität, wenn eine CDU-Kanzlerin die SPD links überholt? Es war keine schlechte Zeit für die „taz“: Sie konnte sich als Stachel im Pelz der Konsensrepublik inszenieren. Dann kamen Trump, Fake News, AfD und Pegida. Und plötzlich war alles Dissens. Alle waren laut, frech und großkotzig, nicht mehr bloß die „taz“. Sie fiel nicht mehr groß auf.

Je weiter die Republik jetzt nach rechts rutscht, je weiter die blauen Balken der AfD auf den Wahlgrafiken in die Höhe ragen, desto größer müsste doch eigentlich die Nachfrage nach einem publizistischen Sammelbecken sein für diejenigen, die den stramm rechten Geschichtsklitterern und Wutbürgern den Mut zur Freiheit entgegenhalten. Aber die Wahrheit ist: Die wichtigsten linken Stimmen gegen den „scheppernden und beklemmenden Sound von rechts“ („taz“-Chefredakteur Georg Löwisch) finden sich nicht mehr auf den Lohnlisten der „taz“.

Nur noch ein Renommierblättchen für Ökohipster?

Ist die „taz“ also noch Organ des Klassenkampfes? Oder nur noch Renommierblättchen mit lustigem Titelbild für Ökohipster, deren größte Sorge nicht Nicaragua ist, sondern die Suche nach frischen Pastinaken? So wie der „Rolling Stone“ zum Bewacher der Asche des Rock ’n’ Roll geworden ist, umweht auch die „taz“ etwas Nostalgisches. Sie macht sich gut im Einkaufskorb auf Bauernmärkten. Und Vernunft ist ja auch eine feine Sache, sie hat in Baden-Württemberg einen Grünen ins Ministerpräsidentenamt geführt. Aber es gibt Zeiten, da wünscht man sich den alten, heiligen Zorn zurück.

Von Imre Grimm

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