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Medien „Ein Geschenk?? Nein, die AfD ist kein Geschenk“
Nachrichten Medien „Ein Geschenk?? Nein, die AfD ist kein Geschenk“
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20:43 16.09.2018
„Man selber hält sich für das Zentrum der Geschmackssicherheit“: Klaas Heufer-Umlauf bei „Late Night Berlin“. Quelle: Pro7
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Zwölf Folgen seiner Show „Late Night Berlin“ hat er hinter sich - Schluss soll noch lange nicht sein. Klaas Heufer-Umlauf will das zarte Pflänzchen der deutsche Late Night über die Zeit retten. Am Montag um 23.10 Uhr startet die zweite Staffel

Herr Heufer-Umlauf, lassen Sie uns mal nicht über das Frisörhandwerk und Joko Winterscheidt sprechen.

Gerne.

Ihre Show „Late Night Berlin“ geht am Montag in die zweite Staffel. Außer montags gibt’s künftig auch an vier Donnerstagen eine Sendung. Ein erfreuliches Bekenntnis von Pro7, oder?

Absolut, ja klar. Ich bin sehr guter Dinge. Ansonsten versuche ich mit jeder Menge Taschenspielertricks, die Sache über die Zeit zu retten (lacht). Das, was wir am Anfang gesagt haben, hat sich bewahrheitet: So eine Sendung braucht Zeit. Eine Late-Night-Show lebt nicht davon, dass es eine erste Ausgabe gibt. Die lebt davon, dass es sie schon immer gibt. Da haben wir jetzt die ersten Meter hinter uns gebracht.

Die Show hat also trotz übersichtlicher Zuschauerzahlen eine Zukunft?

Ja. Ich tue alles dafür. Ich kann mich erinnern, dass das bei „Circus Halligalli“ genauso war. Auch da war ich froh, als die Show schon eine Weile lief – dann hat man einfach ein besseres Gefühl für die Sendung. Eine solche Sendung hat ein ganz anderes Grundgefühl als eine Samstagabendshow. Ich muss mich an so etwas immer erst gewöhnen. Es dauert eine Weile, bis ich bereit bin, das anzunehmen. Ich denke, jetzt ist es so weit.

„23.10 Uhr ist für Menschen mit richtigen Berufen ganz schön spätabends“

Ich lese Ihnen ein Zitat vor: „Wir werden uns vom Quotendruck nicht abhängig machen. Die Show braucht eine Anlaufzeit und einen Sender mit einem breiten Kreuz.“ Wer hat das gesagt?

Das war der Herr Rosemann.

Der Pro7-Chef? Nein. Das war der damalige Sat.1-Chef Roger Schawinski 2004 zur Zukunft von Anke Engelkes „Anke Late Night“.

Ah ja. Schawinski. Na ja. Den kenne ich nur aus Geschichten, persönlich bin ich ihm noch nicht begegnet.

Anke Engelke hat damals gesagt: „Gebt mir ein halbes Jahr.“ Aber nach fünf Monaten war Schluss.

Anke hat aber auch den schönen Satz gesagt: „Man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist – aber nach der ersten Folge haben wir uns nicht getraut.“

Sie ist am Montag ihr erster Gast. Traumbesetzung, oder?

Ja, Anke ist ein phantastischer Gast. Alle paar Jahre beehrt sie uns mal, und es ist immer toll und immer sehr erkenntnisreich – hinter und vor der Kamera. Darauf freue ich mich. Sie wird da sein, und Bausa wird singen. Oder wie er das nennt.

Kann es sein, dass die Show einfach noch nicht ihr Publikum gefunden hat? Das „Halligalli“-Publikum vermisst ab und zu mal ein Saufgelage mit Matthias Schweighöfer, aber für das gereifte Volk gibt’s dann doch zu viel über die Kardashians.

Das kann sein. Es läuft halt auch relativ spät, das liegt in der Natur einer Late-Night-Show. 23.10 Uhr ist für Menschen mit richtigen Berufen ganz schön spätabends. Und unsere Late-Night-Kultur setzt sich ja überwiegend aus Talkshows und Hitlerdokumentationen zusammen. Das ist das, was die Leute spät gucken. Oder wie ein Teil von einem Windkraftrad quer durch Deutschland gefahren wird. Das sehen die gern. Davon muss man sich emanzipieren. Wir versuchen, eine Fernsehkultur zurückzubringen, die es Deutschland schon mal kurz gab, die aber in anderen Ländern eine viel längere Geschichte hat. Die Leute haben sich in ihrem Fernsehrythmus seit Jahrzehnten darauf eingestellt.

„Ich hatte nie etwas gegen Unterhaltung“

Vielleicht wären Windräder und Hitler auch ein Thema für Sie?

Vielleicht sollte man einfach eine „Windrad-Hitler-Late-Night-Show“ machen – einfach cold reinstarten mit einer halben Stunde Windrad, und dann ein paar Gags hinterher. Vielleicht muss man die Leute da ein bisschen an die Hand nehmen.

Sie werden immer mal leicht nölig als der Typ mit dem pubertären Quatsch bezeichnet, als der Kerl, der sich den Donut in die Stirn spritzen ließ. Ich frage mich ja: Was ist an pubertärem Quatsch eigentlich so schlimm?

Das ist auch meine Haltung. Ich hatte nie etwas gegen Unterhaltung. Man muss eher aufpassen, dass man in so brisanten Zeiten wie jetzt, in denen die Haltung einer Sendung oder einer öffentlichen Person wie mir im Kontext bestimmter Ereignisse in den letzten Jahren immer wichtiger wird, die Unterhaltung nicht vernachlässigt. Dass man das Entertainment weiter ernst nimmt und sich bewusst macht: Es geht in dieser Sendung nicht nur darum, eine Stunde lang aufzuzählen, was alles schief läuft in der Welt. Sondern es geht darum, die Menschen zu unterhalten, wenn auch aus einer bestimmten Position heraus. Wenn ich eine Late-Night-Show gucke, dann möchte ich mir nicht ausschließlich anhören müssen, was Markus Söder diese Woche so getrieben hat.

Das wäre das Modell Jan Böhmermann.

Das wäre zu stark runter gebrochen, und trotz aller politischen Inhalte ist das ja trotzdem eine lustige Show. Aber klar: Sein Schwerpunkt ist eher ein anderer. Auch wenn es sich im Kern ähnelt. Das ist eben auch wichtig: Man darf sich ja von diesen ganzen Idioten da draußen nicht auch noch die Unterhaltung kaputt machen lassen.

„Helene Fischer hat viele im Publikum überrascht“

Sie unterstützen die SPD, Sie haben sich mehrfach politisch klar geäußert – gegen Rechts, gegen Hass, gegen Ausgrenzung. Nun hat das auch Helene Fischer getan. Bei Twitter nennen Sie sich seitdem kurzzeitig „Klaas Helene Umlauf“. Gute Aktion von ihr?

Ja. Ganz klar. Wenn jemand wie ich, der politisch etwas klarer verortet ist, öffentlich etwas kritisiert, dann haben das viele vielleicht schon mal gehört. Es ist ein bisschen wie „preaching to the converted“ - man erreicht nur die, die ohnehin schon derselben Meinung sind. Trotzdem muss man dranbleiben, denn Nachhaltigkeit ist das Wichtigste bei öffentlichem Engagement. Wenn aber Helene Fischer auf einem Konzert klar und deutlich Stellung bezieht, dann überrascht das viele im Publikum. Die wussten vielleicht gar nicht, wie sie politisch denkt. Auch wenn mancher Titel aus ihrer Playlist ja nicht nur mit dem Zaunpfahl, sondern mit dem ganzen Vorgarten gewunken hat. Wenn ein Song heißt „Wir brechen das Schweigen“, dann muss man das halt auch mal machen.

Das kam zur rechten Zeit.

Und das bewegt sicher auch deshalb viele, weil sie aus ihrer persönlichen Geschichte heraus eine ganz andere Glaubwürdigkeit mitbringt als jemand, der diesen Hintergrund nicht hat.

Sie kam als Tochter russlanddeutscher Eltern 1988 als Vierjährige aus der Sowjetunion nach Deutschland.

Wenn man biografische Anknüpfungspunkte hat, hat man automatisch ein emotionaleres Verhältnis zu den Themen. Das war sicher auf bestimmte Weise auch bei Angela Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik so. Man muss nicht zwei oder drei Generationen zurückgehen, um zu merken, dass jemandem, der aus einem anderen Land hierher kommt, nicht dieser Wind entgegen blasen sollte, der im Moment bläst.

Von Viva zu Pro7: Klaas Heufer-Umlauf

Klaas Heufer-Umlauf(34) startete zumeist an der Seite von Joko Winterscheidt bei Viva und MTV, bevor das Duo 2010 zu Pro7 wechselte. („Circus Halligalli“, „Duell um die Welt“). Beide erhielen 2012 den Deutschen Fernsehpreis. Seine Late-Night-Show „Late Night Berlin“ startet heute um 23.10 Uhr in die zweite Staffel. Klaas Heufer-Umlauf ist liiert, hat eine Tochter und lebt in Berlin.

„Da war nichts mehr mit Lachen“

Ist die AfD für Sie als Entertainer eher eine Art Geschenk oder ein Ärgernis?

Ein Geschenk? Überhaupt nicht. Das ist kein Geschenk. Ich weiß auch gar nicht, ob das Darüberlachen so der richtige Weg ist. Das konnte man exemplarisch ganz gut in den USA sehen: Als Jon Stewart 2016 in die „Daily Show“-Rente gegangen ist, kamen gleich darauf die Präsidentschaftsvorwahlen mit Donald Trump. So ein Ärger! Aber in den Monaten danach konnte man sehen, wie das breite Grinsen aller Late-Night-Moderatoren immer kleiner wurde, als die erkannten: Da passiert jetzt richtig viel Müll. Da war nichts mehr mit Lachen.

Lachen hilft nicht?

Lachen hat als Nebeneffekt, dass man sich mit einem Thema emotional wenigstens mal beschäftigt. Aber Satire ist auch dafür da, etwas zu ändern. Das heißt: Besser als ein Ärgernis, über das man lachen kann, wäre es doch, wenn es erst gar keinen Anlass gäbe, etwas ändern zu müssen.

Macht Sie das aktuelle Hoch des Rechtspopulismus eher traurig oder kämpferisch?

Kämpferisch! Ganz klar. Total. Diese Dummheit, die Ignoranz, die Menschenfeindlichkeit, die Verantwortungslosigkeit, die Fahrlässigkeit. Als ich gesehen habe, wie Martin Schulz im Bundestag als Reaktion auf die AfD kurz explodiert ist – das war toll und es spricht mir aus der Seele. Ernsthaft. Ausgerechnet Schulz, mit seiner Geschichte. Das zeigte ganz kurz mal, dass es die SPD überhaupt noch gibt.

So ein Moment tut Ihnen gut?

Ja, weil es manchmal notwendig ist, die Dinge beim Namen zu nennen, und nicht ständig auf der Suche nach Konsens, ohne dass man es merkt, die eigenen Werte verrät oder verschiebt. So wird eine Partei oder eine politische Richtung unsichtbar, und das ist gefährlich. Hinter jeder Zahl steht ein Schicksal. Das klingt vielleicht pathetisch, ist aber in all der technischen, ideologische Debatte etwas, auf das man immer wieder aufmerksam machen muss. Daher freue ich mich, wenn es jemand schafft, emotional zu werden ohne dabei die Präzision zu verlieren. Mit bestimmten Menschen kann man nicht reden. Da hilft es all den anderen aus der Seele zu sprechen, die noch für die menschliche Komponente an großer Politik aktivierbar sind.

„Die Landtagswahlen in Sachsen werden nicht schön“

Sie haben mal gesagt, die Ignoranz der Mehrheit mache sie wahnsinnig. Viele glauben, der Irrsinn gehe vorbei wie ein Schneesturm.

Das haben die Leute früher auch schon mal gedacht. Man darf nie vergessen, dass die allermeisten faschistischen Regimes in aller Welt vom Volk gewählt wurden. Aus einer Stimmung heraus, aus Ignoranz, auf einem Nichtbegreifenwollen heraus. Einem NIcht-wahrhaben-wollen. Man muss jetzt wirklich aufpassen. Die Landtagswahlen in Sachsen werden nicht schön.

Sie haben 1,8 Millionen Follower bei Twitter, über Sie ergießt sich täglich der Zorn irgendwelcher Schreihälse. Wie soll man reagieren?

Die werden alle hart weggeblockt. Warum sollte ich mich an solchen Leuten abarbeiten? Das bringt doch nichts. Ich habe besseres zu tun, als mich mit solchen Amöben herumzuschlagen. Die erreichst du sowieso nicht mehr. Ich will mich auch gar nicht mit jemandem auseinandersetzen, der die Ansicht über grundsätzliche Menschenrechte nicht mit mir teilt. Wozu soll ich mich mit dem unterhalten? Oft ist es ja so, dass man diesen Leuten mehr Aufmerksamkeit und Zeit widmet als denjenigen, mit denen zu reden sich vielleicht noch lohnen würde. Oder eben mit denen, die das Unglück erlebt haben, in Strukturen und Gegenden groß zu werden, in denen sie ganz allein waren, ohne jede Hilfe. Stattdessen geht die ganze Zeit dafür drauf, sich mit Menschen anzuschreien, die dir sowieso nicht zuhören wollen. Diese falsche Annahme, solche Leute seien irgendwie an der Sache interessiert, ist auch ein politisches Problem: Wenn man als Politiker glaubt, man könnte mit der Reform eines Einwanderungsgesetzes auf humanitärer Grundlage einen Hitlergruß verhindern, ist man schief gewickelt.

Sie meinen, manchmal sollte man nicht diskutieren.

Manchmal ist das sinnlos, erst recht bei Twitter. Es hat mal jemand gesagt, bei Twitter Parolen mit Argumenten entkräften zu wollen, ist, als lese man in einem voll besetzten Fußballstadion ein Gedicht vor. Das kann man sich auch schenken.

„Ich finde ja grundsätzlich gut, was ich so mache"

Sie sind jetzt 34. Das Prädikat „junges Talent“ haben Sie hinter sich gelassen. Blödes Wort, aber man muss schon von „Reifeprozess“ reden, oder?

Ja, schon. Dazu gehört eben auch die Erfahrung, dass „Late Night Berlin“ kein Waldspaziergang wird. Das ist wohl so, wenn man erwachsen ist. Irgendwann ist diese unsichtbare Hand, die dir da zehn Jahre lang vor den Arsch gehalten wurde, nicht mehr da. Und das ist auch gut so. Wie soll man sonst andere Erfahrungen machen?

Gibt es eigentlich Tage, an denen Sie sich als Norddeutscher die gute Laune abringen müssen?

Also, ich finde ja grundsätzlich alles gut, was ich so mache (lacht). Die gute Laune kommt, wenn sie kommen soll, von selbst. Weil ich mir das, was ich hier tue, ja irgendwann mal ausgesucht habe.

Man braucht aber auch nicht zwingend gute Laune, um lustig zu sein.

Genau. Und man darf Lustigsein nicht mit Fröhlichsein verwechseln. Das ist so ein deutsches Humor-Missverständnis.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es Sie überhaupt ins Rampenlicht zieht?

Keine Ahnung, was der Antrieb war. Wahrscheinlich habe ich mir vom Leben drumherum mehr versprochen. Es war halt der einzige Weg, bei dem ich das Gefühl hatte, ich kann auf etwas aufbauen, was ich in mir habe und ein bisschen schon kann. Alles andere hätte ich lernen müssen. Wenn man zum Beispiel Frisör lernt...

„Unterhaltung war der leichteste Weg"

Wir wollten doch nicht über das Frisörhandwerk sprechen...

Ich weiß, aber es ist ein gutes Beispiel. Wenn man Frisör lernen will und spürt, dass man eigentlich kein Talent dafür mitbringt, dann ist das schwer. Dann kann man das üben, aber mit Biegen und Brechen. Wenn man aber vom Start weg das Gefühl hat: Das könnte etwas sein, dass ich mit etwas Praxis weiterentwickeln kann, ist es leichter. So war es bei mir und der Unterhaltung. Es war der leichteste Weg.

Sie haben das schon als Kind gespürt?

Ja. Ich hab das auch immer schön rumposaunt, dass ich mal ins Fernsehen komme.

Das war bei Oliver Pocher auch so.

Aber der ist zusätzlich noch durch das Stahlbad der Zeugen Jehovas gegangen! Der kennt das auch, dass 14 Türen zugehen und erst die fünfzehnte dann vielleicht offenbleibt. Das ist aber normal in dem Job. Man muss den Leuten erst mal auf den Sack gehen. Es weiß ja vorher kein Mensch, dass du überhaupt existierst. Mir fiel auch nichts ein, mit dem ich sonst hätte in der Zeitung stehen sollen.

Stehen Sie gern in der Zeitung?

Natürlich. Bei mir ist es aber immer wichtiger, dass ich in Oldenburg in der „Nordwest-Zeitung“ stehe als in der „Süddeutschen“. Das finde ich immer schön. Das ist halt die Zeitung, mit der ich groß geworden bin.

„Ich fand's immer schön, in der Zeitung zu stehen"

Steht da dann auch „der Blödelbarde“ und so?

Nee, da steht dann immer „der Oldenburger“. Es gibt auch einen plattdeutschen Teil, da stand auch mal etwas über mich. Ich glaube, es stand auch mal „Blödelbarde“ drin. Ich kriege aber keine Sonderbehandlung bei der „NWZ“. Da steht auch drin, wenn ich mal was Dummes gemacht habe. Ich fand’s aber immer schön, in der Zeitung zu stehen, die bei uns auf dem Tisch lag. George Michael hat mal gesagt: Man will eigentlich nur prominent werden, um es den 30 Leuten zu zeigen, die bei einem nebenan wohnen. Meine Oma wohnt immer noch in Oldenburg. Die sagt dann: „Klaas, du standst in der Zeitung“.

Otto Waalkes hat neulich dem alten Verdacht widersprochen, man müsse eine traumatische Kindheit durchlitten haben, um lustig zu sein. Wie war das bei Ihnen?

Ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Ich habe neulich erst alte Kindheitsvideos von mir gesehen, weil meine Schwester mir die digitalisiert und auf DVD geschenkt hat. Es hätte schöner nicht sein können.

Das heißt, der Satz „Der Witz wohnt als Parasit auf dem Leid“ ist unzutreffend?

Auf mich jedenfalls. Ich glaube, dass Lustigsein auch ohne Leid funktioniert. Man muss halt so sein. Es gibt ja auch Leute, die nie einen Witz machen. Das ist für mich unvorstellbar, dass man nicht den Hang dazu hat, eine Situation, die man erlebt, daraufhin zu verwerten, ob irgendetwas daran lustig war. Das ist ein Automatismus, den ich nicht abstellen kann. Mit elf Jahren habe ich mir mal die Kamera geschnappt, bin in die Küche gegangen und habe meine Schwester gefilmt, die gerade Erdbeeren geschnitten hat. Und die hat gesagt: „Geh weg, du Arschloch.“ Da habe ich sehr gelacht.

„Wer weiß denn schon, wer hier recht hat?“

Die erste Straßenumfrage Ihrer Karriere.

Und direkt ne Abfuhr!

Macht schlechte Comedy Sie eher wütend oder traurig?

Manchmal fesselt mich so eine gewisse Anti-Ästhetik. Wenn so gar kein Ball ins Tor geht. Das kann ich mir auch schon mal zwei Stunden angucken. Aber manchmal sitzen dann halt 15.000 Leute in einer Comedyshow und gucken sich das an, und ich denke: Wer weiß denn schon, wer hier recht hat? Es ist wie in diesem Witz: „Wie – ein Geisterfahrer? Hunderte!“ Man selber hält sich für das Zentrum der Geschmackssicherheit, aber da sitzen eben 15.000 Leute, die sich einpullern vor Lachen. Objektiv unlustig kann es also nicht sein.

Wer gehört für Sie denn zu den ganz Großen der Zunft?

Zu den Allerallerlustigsten? Ich war mal großer Louis C.K.-Fan. Das ist ein bisschen schwieriger geworden...

...seit den Missbrauchsvorwürfen.

Aber jetzt geht die große Debatte los: Kann man einen Künstler losgelöst von seinem Werk betrachten? Er hat ja nun aus naheliegenden Gründen länger nichts mehr gemacht. Aber das, was ich bis zu dem Zeitpunkt gesehen habe, fand ich extrem witzig.

„Der Gegensatz von Kunst ist gut gemeint"

Jerry Seinfeld definiert Kunst als „alles, was man aus dem Nichts erschafft und anderen Menschen gefällt“. Ist das, was Sie tun, also Kunst?

Gottfried Benn hat mal gesagt: „Der Gegensatz von Kunst ist nicht Natur, sondern gut gemeint.“ A propos Kunst: Wir wollen uns in der neuen Staffel von „Late Night Berlin“ mal die Offenheit gegenüber skurrilen Kunstgegenständen zu eigen machen, die in diversen Galerien in Berlin-Mitte so herrscht. Wir haben sehr viel Schrott im Büro herumliegen. Jeder Mitarbeiter hat rund um seinen Schreibtisch so ein messiartiges Chaos, weil wir was Besseres zu tun hatten, als eine „Clean Desk Policy“ durchzusetzen. Und da habe ich mir überlegt: 2018 muss man ja nicht mehr auf den Flohmarkt – man kann das Ganze auch einfach in einer Galerie ausstellen. Vielleicht kauft’s ja einer für 500 Euro. Klappt besser, als man denkt. Kleiner Vorgeschmack auf Staffel zwei.

Hat eigentlich Netflix schon angerufen? Die werfen ja ziemlich mit Geld um sich...

Nein. Aber normalerweise bin ich immer heftig interessiert, wenn einer mit Geld um sich wirft.

Gibt es eine Fernsehära, an die Sie sich mit Wehmut erinnern?

Ich habe neulich mit Olli Dittrich die neuen Folgen von „Jennifer“ für den NDR gedreht, ein ganz tolles Projekt. Das hat wahnsinnig Spaß gemacht. Und den nerve ich den ganzen Tag mit alten „RTL Samstag Nacht“-Fragen. Ich bin ihm schon lästig, weil ich natürlich alles wissen will. Das habe ich immer sehr gern geguckt. Ich hatte sogar die Karl-Ranseier-Gedenkmünze zu Hause. Wir hatten aber leider nur einen Fernseher. Mein Vater hat das dann mit mir geguckt, aber dann hat er mit einer abwehrenden Handbewegung gesagt: „Es tut mir leid, Klaas, aber es ist mir zu blöd.“

„Früher habe ich immer gedacht: Geil, Wochenende!"

Der letzte große Versuch einer neuen Samstagabendshow war „Ich weiß alles“ mit Jörg Pilawa in der ARD.

Hab ich gesehen. Wo der Österreicher immer dazwischen geschrien hat.

Genau.

In Österreich ist Armin Assinger der King. Der moderiert seit 1000 Jahren die „Millionenshow“.

Ob das schön ist, in Österreich der König zu sein?

In Österreich ist die Monarchie den Leuten einfach näher. Leider hat er in der Show an den falschen Stellen dazwischengeblökt. Das muss man dann schon hinkriegen, wenn es auch Thomas Gottschalk brav auf seinem abgedunkelten Stuhl sitzt und zweieinhalb Stunden den Schnabel hält. Daran muss man sich orientieren.

Geht es dem deutschen Fernsehen gut?

Früher als Kind habe ich immer gedacht: Geil, Wochenende – jetzt kommt was Tolles im Fernsehen. Da war ich richtig aufgeregt. Das Gefühl ist ein bisschen verlorengegangen. Ich finde, man müsste den Freitag und den Samstag wieder mehr zur Heiligen Zeit des Fernsehens machen.

Das würde dem linearen Fernsehen beim Überleben helfen?

Natürlich. Das ist ja auch keine ganz uneigennützige Forderung. Ich stehe bereit.

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