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Fernsehen „Tatort: Weiter, immer weiter“: Irreführung der Zuschauer
Nachrichten Medien Fernsehen „Tatort: Weiter, immer weiter“: Irreführung der Zuschauer
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21:41 06.01.2019
Mirko Pohl (Vincent Redetzki) will Rache: Er hat erfahren, wer am Tod seines Bruders Pascal Schuld ist. Szene aus „Tatort: Weiter, immer weiter.“ Quelle: dpa
Köln

Selten so viele Kamerabilder in einem Spielfilm gesehen, die Pkw-Parkplätze von oben zeigen. Sie sollen wohl den Überblick symbolisieren, der in dem „Tatort: Weiter, immer weiter“ allen Beteiligten fehlt – nur die Zuschauer wissen offenbar, was sich da in Köln abgespielt hat. Man hat es schließlich, anders als die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär), selbst gesehen: die bewaffneten Männer im SUV, die den jungen Mann verfolgt haben, der dann in Panik unter die Räder einer Straßenbahn gerät; den russischen Informanten des Streifenpolizisten Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker), der weiß, dass es bei der Polizei einen Maulwurf, also Verräter, gibt; letztlich auch den Revolvermann, der dem auf eigene Faust ermittelnden Lorenz in einer Autowaschanlage nach dem Leben trachtet.

Russen gelten als Bösewichter

Und dass die Russen, die in dem Fall da und dort auftauchen, gemeinhin als Bösewichter und Dunkelmänner gelten und noch gefährlicher sind als die Albaner oder die italienische Mafia, das ist Grundlagenwissen jedes Krimikonsumenten – und damit spielt die Geschichte des Regisseurs Sebastian Ko und seiner Drehbuchautoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf ganz unverfroren.

„Das war alles nur in seinem Kopf“

Dass am Ende nichts so gewesen sein soll, wie es den Zuschauern präsentiert wurde, das darf man mit Fug und Recht als gemeine Irreführung bezeichnen. „Das war alles nur in seinem Kopf“, resümiert Freddy Schenk, der Kriminalfall existierte nur im Hirn des Kollegen Lorenz. Es gab zwar zwei Tote, aber keine Verfolgung des Straßenbahn-Opfers durch Bewaffnete, keine Schießerei in der Waschanlage, keinen allwissenden Spitzel und auch keine Russen-Mafia. Es mag einerseits beruhigend sein, dass die Großstadtwelt einmal besser erscheint als in Krimis üblich. Andererseits wurde die innere Glaubwürdigkeit von „Tatort“-Bildern geopfert für eine ziemlich dürftige Pointe.

Michael Berger