Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Medien „Musik wird für das Radio an Bedeutung verlieren“
Nachrichten Medien „Musik wird für das Radio an Bedeutung verlieren“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:34 06.09.2018
„Ich sehe eine Renaissance des frei gesprochenen Wortes im Radio“: NDR-Hörfunkdirektor Joachim Knuth. Quelle: NDR
In Hamburg geht die neunte Ausgabe des Deutschen Radiopreises über die Bühne – mit Lenny Kravitz, Dua Lipa und vielen Stars. 1000 Medienmenschen feiern das älteste elektronische Medium der Welt. Aber das Radio steht vor gewaltigen Aufgaben: Streamingdienste boomen. Spotify oder Apple Music treffen den individuellen Musikgeschmack viel genauer als Chartsender mit Wetter und Verkehr. Lineare Sender gelten als altmodisch. Wie sieht die Zukunft des Radios im Zeitalter des bewegten Bildes aus? NDR-Hörfunkchef Joachim Knuth über den Reiz des Höhrens, das gute alte Radiogerät und den wachsenden Wert des Wortes

Herr Knuth, „das Radio ist noch tiefer in der Krise als Fernsehen oder Zeitungen. Bei ihm stellt sich als Erstes die Frage, ob es als Mediengattung den Tod seines physischen Trägers überlebt.“ Das ist ein Zitat des Berliner Musikwissenschaftlers Thierry Chervel. Teilen Sie seine Bedenken?

Nein, die teile ich überhaupt nicht. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist die Nutzung des Radios über alle Ausspielwege hinweg relativ stabil, was Reichweite oder tägliche Hördauer angeht. Allein bei den Unter-30-Jährigen hat sich die Hördauer in den vergangenen Jahren verringert. Wir müssen darauf achten, dass wir auch bei ihnen mit dem Trägermedium Radio erfolgreich bleiben. Das Hören an sich ist auch bei den Jüngeren populär. Hörbare Inhalte sind als Kulturgut nicht wegzudenken. Im Gegenteil: Das boomt.

Mit „Trägermedium“ meinen Sie doch aber ein eigenständiges Radiogerät? Wer braucht das noch?

Das ist der zweite Punkt, warum ich nicht an die Krise des Radios glaube: Uns muss und wird es auch jenseits des Radiogerätes gelingen, mit unseren Inhalten in die Ohren derjenigen zu kommen, die hören. Zum Beispiel mit Podcasts, mit neuen Erzählformen, subjektiver, ichbezogener, auch opulenter erzählt. Da ist sehr viel Bewegung drin. Wir müssen zusehen, dass wir mit unserem Angebot schnell und unkompliziert die Leute erreichen – etwa mit der ARD-Audiothek. Meine These ist: Eine Krise gäbe es, wenn die Leute nicht mehr hören würden. Sie hören aber. Warum würden sonst so viele Anbieter im Medienbereich Podcasts machen?

„Das Radiogerät bedient die Lust an der Überraschung“

Aber welcher Mensch unter 40 hat noch ein eigenständiges Radiogerät zu Hause? Stattdessen: Dockingstations, Bluetooth-Lautsprecher, Smartphone-Apps, Amazon Echo…

Das ist richtig. Das Radiogerät kann heute ein UKW-Empfänger sein, ein DAB+-Gerät, ein Smartphone, ein Tablet oder ein Stick, auf den man sich interessante Radioinhalte heruntergeladen hat. Nicht das Gerät, sondern der Inhalt ist entscheidend! Das eigenständige Radiogerät, das auf Knopfdruck Radio abspielt und bei dem man auf Knopfdruck umschalten kann, bedient die Lust an der Überraschung und liefert das Unvorhergesehene oder Unvorhergehörte besonders gut.

Stichwort Überraschung: Ist nicht gerade im Formatradio inzwischen alles Überraschende eliminiert?

Das finde ich nicht. Auch das Formatradio macht in letzter Zeit Dinge, von denen man als Zuhörer denkt: Das habe ich so noch nicht gehört. Radio ist ein Medium mit robuster Alltagstauglichkeit, die zum Allgemeingut geworden ist. Damit das so bleibt, lautet die Kernfrage für uns: Wie gewinnen wir diejenigen, die inzwischen weniger Radio hören, für unsere Angebote zurück?

Sie sprechen vor allem über internetgestützte Systeme. Warum soll man dann 600 Millionen Euro in das digitale terrestrische Radio DAB+ stecken? Heißt die Zukunft nicht schlicht: Internetradio?

Wir werden irgendwann erleben, dass das analoge Radio die letzte Station seiner Reise erreicht hat. Wann genau das sein wird, kann ich nicht sagen. Und dann wird an die Stelle des analogen Radios etwas Anderes treten. Im Bereich der digitalen Terrestrik wird dieser Nachfolger DAB+ heißen, davon bin ich überzeugt. Wir stellen fest, dass immer mehr Radioanbieter auf DAB+ setzen. Weil sie zu der Erkenntnis gelangen, dass das doch ein relevanter Ausspielweg werden wird, der – was für Öffentlich-Rechtliche wichtig ist – Reichweite generiert oder – was für Private wichtig ist – Werbeinnahmen.

„Bei DAB+ muss noch ein Schub kommen“

Ich zitiere aus einer Goldmedia-Studie zum Zustand des Mediums Radio im Jahr 2025: Bis 2025 werden nur 42 Prozent der Haushalte und 35 Prozent der PKW über ein DAB+-Gerät verfügen. Das reicht ja noch nicht, um UKW abzuschalten.

Klar, da muss noch ein Schub kommen. Immerhin lag die Zahl von fest verbauten DAB+-Empfängern in neu verkauften Autos schon 2017 bei 40 Prozent. Und das wächst weiter. Aber wie schnell es wächst, ist die große Frage. Ich glaube, dass es verschiedene technische Wege geben wird, Radio zu empfangen. Einer davon ist DAB+.

Noch ein Zitat aus der Studie: „Der mögliche Erfolg von DAB+ ist stark von der Formulierung einer Förderpolitik abhängig. Ansonsten droht eine kostenintensive, langfristige Doppel-Versorgung.“ Wenn man diese Brückentechnologie subventionieren muss, um sie überhaupt in den Markt zu drücken, ist sie dann nicht faktisch tot?

Neue Technologien benötigen ja – auch in anderen Branchen – in aller Regel einen Anschub.

Goldmedia sagt, das Smartphone wird am Ende „Endgerätesieger“ auch für Radiomacher sein. Nicht das DAB+-Gerät. Und klassisches Radio wird an Reichweite verlieren – Streaming-Angebote gewinnen an Relevanz.

Zurzeit ist das nach unseren Zahlen nicht absehbar. Ich tue mich sowieso schwer mit Prognosen, die über zwei bis drei Jahre hinausreichen. Wir haben uns schon oft getäuscht. Das Radio verändert sich nicht von heute auf morgen. Das verändert sich langsam, so wie sich auch Hörgewohnheiten langsam verändern.

„Musik wird für das Radio an Bedeutung verlieren“

Radio hat es schwer im Reigen der modernen Medien. Was kann denn nur Radio?

Radio kann schnell und präzise Stimmungen, Begleitung, Unterhaltung und Information schaffen – und Überraschung. Das kann Radio, und zwar auf Knopfdruck! Und wenn Sie ein kundiger Hörer sind, dann wissen Sie auch, in welchem Sender der Überraschungseffekt größer ist als anderswo.

Sehen Sie denn die Zukunft des Radios auch in der Musik? Wofür brauchen wir von Werbung und Wetter unterbrochenes Chartradio, wenn doch Spotify, Apple Music oder Amazon Music den individuellen Geschmack viel besser spiegeln?

Musik bleibt schon dominant – ist aber kein so wesentlicher Faktor mehr wie vor zehn oder 20 Jahren. Die Unterscheidbarkeit von Radiosendern wird nicht mehr so stark durch die Musikauswahl geprägt sein, sondern mehr durch Parasozialität, durch die Ansprache der Moderatoren, durch die klare Konturierung von Persönlichkeiten des Senders, durch intelligente Inhalte und durch etwas, das man „Geborgenheit“ nennen könnte.

Das heißt, die Musikfarbe ist nicht mehr so bedeutend wie die Senderfarbe?

So ist es. Die Senderfarbe wird wichtiger. Die Musikfarbe muss schon dazu passen, das bleiben kommunizierende Röhren. Aber als großer Treiber dafür, dass Menschen einen bestimmten Sender hören, wird Musik wohl an Bedeutung verlieren. Auch wenn die multiplizierende Distributionsmacht des Radios in Sachen Musik bestehen bleibt.

„Ich sehe eine Renaissance des frei gesprochenen Wortes“

Die liegt aber ja eher im Interesse der Plattenfirmen und Künstler als der Hörer. Die haben davon nichts.

Die haben etwas davon – sie hören nämlich zum Beispiel einen neuen Song das erste Mal im Radio, sie werden auf Lieder und Künstler aufmerksam.

Das alles bedeutet doch aber, dass der Wortanteil im Radio dringend gestärkt und gesteigert werden müsste. Warum gibt es dann so wenige Livereportagen?

Wir sind ja viel mit dem Ü-Wagen unterwegs, suchen Schwerpunktthemen heraus, brechen dabei auch mal ein Format. Es stimmt: Die Livereportage ist eine Kunstform des Radios, die wir unbedingt pflegen müssen.

Ein Zitat von Carmen Thomas, der WDR-Moderatorin von „Hallo Ü-Wagen“, von 1987. Sie schrieb, schon damals, sie fühle sich mit ihrer Sendung „wie eine Art Fossil“. So alt ist das Gefühl der Wortradiomacher, aus der Zeit gefallen zu sein.

Ich sehe im Moment eine Renaissance des frei gesprochenen Wortes im Radio. Es hat eine besondere Grandezza. Die Reportage als packende Schilderung, als mit den Mitteln von Sprache und Modulation erfolgte kunstvolle Verfertigung von Themen und Ereignissen aus Sport, Politik, Kultur oder Wirtschaft ist eine wichtige Darstellungsform im Radio.

„Wir hatten so viele Einreichungen wie noch nie“

Auch im Zeitalter des Bildes – mit Youtube, Instagram, Selfies?

Ja. Wer die freie Reportage beherrscht, schafft besondere Bilder im Kopf seiner Zuhörer. Es ist ein emotional und intellektuell hochspannender Prozess, etwas in den Köpfen unserer Hörerinnen und Hörer in Gang zu setzen.

Sie meinen, dem Kopfkino gehört die Zukunft?

Absolut. Das konterkariert übrigens auch diesen Begriff des Radios als Nebenbei- und Begleitmediums. Denn es bleibt in hohem Maße phantasie- und stimmungsstimulierend.

Das Fernsehen rüstet bei den großen Galas in eigener Sache gerade massiv ab. Der Deutsche Fernsehpreis war 2014 zum letzten Mal live im Fernsehen zu sehen, der „Echo“ ist nach dem Skandal um die Rapper Kollegah und Farid Bang faktisch tot. Der Radiopreis dagegen zeigt keine Schwäche.

Die Medienpreise sind derzeit tatsächlich unterschiedlich stabil. Der Deutsche Radiopreis wächst. Wir hatten in diesem Jahr 385 Einreichungen von 133 Sendern, so viele wie noch nie. 69 Wellen übertragen live, das ist Rekord; und wie seit vielen Jahren sind das NDR Fernsehen und die anderen Dritten dabei. Die Verleihung in Hamburg war schon zwei Wochen vor Ende der Anmeldefrist ausgebucht.

„Ich denke nicht, dass Proporz eine Rolle spielt“

Worauf führen Sie das zurück?

Wir haben eine gesunde Mischung der Kategorien. Und das Besondere ist: Durch die Gala bekommt das Hörmedium Radio ein Gesicht. Nicht nur durch die, die gewinnen, sondern auch durch die, die dem Radio einmal im Jahr ihre Reverenz erweisen. Das sind nicht nur internationale Stars wie in diesem Jahr Lenny Kravitz oder Dua Lipa, die natürlich auch wissen, dass sie damit eine gewaltige Aufmerksamkeit bekommen. Das sind auch die Laudatoren, die ein bisschen die Vielfalt des Mediums widerspiegeln: Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, Ingo Zamperoni, Matze Knop, Norbert Blüm. Und was den Radiopreis noch zu etwas Herausragendem macht, ist die Unabhängigkeit der Preisvergabe. Nicht Programmdirektoren und Senderverantwortliche entscheiden, sondern das macht das Grimme-Institut völlig unabhängig – von der Zusammenstellung der Jury bis zur Auswahl und Organisation. Das erhöht die Glaubwürdigkeit.

Warum haben Sie den Radiopreis 2010 überhaupt initiiert?

Das Radio ist im Alltag so normal wie das Wasser aus dem Hahn. Und einmal im Jahr brechen wir diese liebgewordene Alltagssituation auf und zeichnen das Besondere aus diesem breiten Bouquet aus, das Außergewöhnliche. Das ist eine Wertschätzung derjenigen, die diesen Preis bekommen, die wertvoller ist als jedes Preisgeld.

Aber welche Rolle spielt denn der Proporz? Es will doch jeder irgendwie glücklich werden. In der Kategorie Comedy etwa sind auch Kandidaten dabei, die dem Medium eher nicht zur Zierde gereichen.

Ich denke nicht, dass Proporz irgendeine Rolle spielt. Es sind in diesem Jahr 18 öffentlich-rechtliche Nominierte und 15 private. Aber, das ist eben Triumph und Tragik der Unabhängigkeit: Da muss nicht jeder am Ende zwingend alles gut finden, was nominiert ist. In der Gesamtschau ist das, was wir da im neunten Jahr machen, ein hochwertiger Querschnitt dessen, wozu das Medium Radio in der Lage ist.

Der Deutsche Radiopreis 2018

Der Deutsche Radiopreis wird am Donnerstag, 6. September 2018, zum neunten Mal vergeben. Bei der Gala in Hamburg treten unter anderem Lenny Kravitz, Dua Lipa, Revolverheld und Namika auf. 69 Radiosender übertragen live. Das NDR Fernsehen zeigt die Gala am Donnerstag ab 22 Uhr, das MDR Fernsehen ab 00.15 Uhr und der rbb ab 00.55 Uhr. Mehr Informationen und einen Livestream gibt es unter www.deutscher-radiopreis.de. Moderatorin ist Barbara Schöneberger.

Zu den Laudatoren gehören:

• Heikko Deutschmann

• Jasmin Tabatabai

• Laura Ludwig

• Kira Walkenhorst

• Norbert Blüm

• Ingo Zamperoni

• Mareile Höppner

• Max Giesinger

• Julia Becker

• Matze Knop

• Johannes Strate

• Esther Schweins

Als musikalische Gäste treten auf:

• Lenny Kravitz (Titel: „Low”, „Johnny Cash”, „Fly Away”)

• Max Giesinger feat. Michael Schulte (Titel: „Legenden“, „You let me walk alone“)

• Namika (Titel: „Je Ne Parle Pas Français“)

• Dua Lipa (Titel: „Homesick“)

• Glasperlenspiel („Geiles Leben“, „Schloss“)

• Revolverheld feat. Antje Schomaker („Immer noch fühlen“, „Liebe auf Distanz“)

Korrektur: In einer ersten Fassung des Interviews hieß es, der Deutsche Fernsehpreis werde in der jetzigen Form nicht weitergeführt. Richtig ist, dass die Gala seit 2014 nicht mehr live im Fernsehen übertragen wird, als Branchenevent jedoch weiterhin stattfinden wird.

Von Imre Grimm

Nach acht Wochen hirnloser Balzerei muss sich die „Bachelorette“ Nadine Klein im Finale entscheiden: Daniel oder Alexander? Was die 32-Jährige stattdessen tun sollte, warum die Show die Liebe tötet und was Aristoteles damit zu tun hat untersucht RND-Autor Imre Grimm in seiner Analyse.

04.09.2018
Medien Tatort-Blitzkritik Nr. 285, „Borowski und das Haus der Geister“, Sonntag, 2. September 2018, 20.15 Uhr - Gezielter Schuss auf den Dienstwagen

Dieser Krimi droht hin und wieder ins Übersinnliche abzudrehen. „Borowski und das Haus der Geister“ ist trotzdem ein guter und spannender „Tatort“. Das liegt auch an Borowskis erfrischender neuer Partnerin, die den Film und den Kommissar immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

02.09.2018

Das war’s für Hans Beimer: Schauspieler Joachim H. Luger steigt nach drei Jahrzehnten aus der ARD-Kultserie „Lindenstraße“ aus. Im Interview erzählt er, wie die Kollegen reagierten, warum er geht – und was er jetzt plant.

30.08.2018