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Medien Sind die „Simpsons“ rassistisch?
Nachrichten Medien Sind die „Simpsons“ rassistisch?
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18:17 12.04.2018
Hassfigur bei indischstämmigen US-Bürgern: Ladenbesitzer Apu Nahasapeemapetilon aus den „Simpsons“. Quelle: Pro7
Springfield

Apu Nahasapeemapetilon hat nicht nur einen sehr langen Nachnamen. Er hat auch sehr viele Kinder. Acht, um genau zu sein. Er spricht näselnd in einem putzigen Singsang und arbeitet, obwohl promovierter IT-Spezialist, Tag und Nacht im Kwik-E Mart, dem Supermarkt von Springfield. Apu ist einer der zauberhaftesten Charaktere in den „Simpsons“. Ein prototypischer Einwanderer, der die Hoffnung, dass sich der amerikanische Traum doch noch erfüllen könnte, selbst dann nicht verliert, wenn er nach einer 72-Stunden-Schicht halb tot ins Bett fällt.

18 Jahre lang scherte sich kein Mensch um die Tatsache, dass die „Simpsons“-Macher Apu mit allen Stereotypen ausgestattet haben, die indische US-Einwanderer vermeintlich ausmachen: Fleiß, Ehrgeiz, Neopatriotismus, braune Haut, Akzent und viele Kinder. Dann jedoch veröffentlichte der indischstämmige New Yorker Komiker Hari Kondabolu seine Dokumentation „The Problem with Apu“. In dem Kurzfilm interviewte er Kollegen und Freunde mit südasiatischen Wurzeln: Fast alle lieben die „Simpsons“ leidenschaftlich – mit einer Ausnahme: Apu. Der Grund: In ihrer Kindheit litten sie als Einwandererkinder unter Apu-Witzen. Seither ist eine Debatte über die Frage im Gang, ob die Verwendung von Rassenstereotypen in Cartoons automatisch rassistisch ist. Oder ob überzeichnete Klischees und Vorurteile auch dazu dienen können, exakt diese Vorurteile zu entlarven.

Soll man Kunstwerke dem Zeitgeist anpassen?

Kondabolus Film trifft einen Nerv. Denn sein Thema streift eine kulturelle Kernfrage der letzten Jahre: Ist es ein Zeichen für gesellschaftlichen Fortschritt, auch existierende Werke nachträglich dem Zeitgeist anzupassen und von jedem „Nigger“, „Weib“ und „Zigeuner“ zu säubern? Oder ist derlei Postzensur ein Kniefall vor einer politischen Korrektheit, die Maß und Mitte verloren hat? Und weisen nicht am Ende alle gesellschaftlichen Gruppen (und nicht nur Minderheiten) vermeintlich typische Merkmale auf? Anders gesagt: Wird die Tatsache, dass Apu als „Klischee-Inder“ dargestellt wird, nicht mehr als ausgeglichen durch die Tatsache, dass Homer Simpson als Donut-liebender, beschränkter, sackfauler Vorstadt-Dummie jedes Klischee des „White Trash“ erfüllt?

Die Comickultur ist voll mit Charakteren, deren kultureller Hintergrund grotesk überzeichnet ist. Speedy Gonzales etwa – die schnellste Maus von Mexiko – ist mit Sombrero, dunklem Schnäuzer und „¡Arriba! ¡Arriba! ¡Ándale! ¡Ándale!“-Rufen eindeutig als Latinoparodie zu identifizieren. 1999 wurde er in den USA vom Bildschirm verbannt – bis die Latino-Gemeinde ihn als „kulturelle Ikone“ umarmte und 2002 erfolgreich zurückforderte. In einer „Southpark“-Folge kommt das Wort „Nigger“ 42-mal vor. Selbst in harmlosen Kinderserien wie „Feuerwehrmann Sam“ ist etwa die italienische Restaurantbesitzerin Bella Lasagne (schon der Name!) mit gemütlicher Mammahaftigkeit, starkem Akzent und einer heftigen Kochleidenschaft das Abziehbild einer italienischen Matrone. Und warum auch nicht?

Eine harmlos-liebenswerte Hommage an die Vielfalt

Gemessen an der rassistischen Vergangenheit mancher Comicreihe erscheint Apu als harmlos-liebenswerte Hommage an die Vielfalt. Das Studio Warner Brothers etwa verbannte elf historische Kurzfilme der Reihen „Looney Tunes“ und „Merrie Meldies“ im Giftschrank – die sogenannten „censored eleven“. Darunter ist eine rein „schwarze“ Disney-Schneewittchen-Parodie namens „Coal Black and De Sebben Dwarfs“ mit sieben dunkelhäutigen Zwergen mit dicken Lippen von 1943. In „Southern Fried Rabbit“ von 1953 malt sich Bugs Bunny gar das Gesicht schwarz an, um sich als „Sklave“ zu verkleiden. Und auch die „Simpsons“ sind voll von weiteren Klischees: von Hausmeister Willie (wütender Schotte) über Fat Tony (italienischer Mafioso) bis zu Krusty, dem Clown (zynischer jüdischer Komiker).

Die Reaktion der „Simpsons“-Macher auf die Kritik an Apu fiel ungewohnt zahnlos aus: In Folge 633 („No Good Read Goes Unpunished“) sitzt Mutter Marge an Lisas Bett und liest ihr aus ihrem Lieblingskinderbuch vor, als ihr auffällt, dass es voller rassistischer Andeutungen steckt. Beim Lesen versucht Marge, die Passagen zu ändern. Lisa bemerkt das, sieht direkt in die Kamera und sagt: „Etwas, das vor Jahrzehnten noch bejubelt wurde und nicht als beleidigend galt, ist jetzt politisch inkorrekt? Was soll man da machen?“ Dann schwenkt die Kamera auf ein Foto von Apu. Eine lauwarme Rechtfertigung, die die Erregung in den sozialen Medien erst recht lodern ließ.

Übertreibung macht manchmal anschaulich

Natürlich sollten nicht Mehrheiten darüber entscheiden, was Minderheiten als verletzend empfinden dürfen und was nicht. Die „Simpsons“ sind in der 29. Staffel. Es ist die am längsten laufenden Cartoonserie aller Zeiten. Es kann schon mal passieren, dass der Zeitgeist in so vielen Jahren über ein Werk hinwegweht. Man kann die Figur des Apu aber auch als Kritik an der Mehrheitsgesellschaft lesen, die einem wie ihm den Zugang verwehrt. Übertreibung macht manchmal anschaulich.

Von Imre Grimm

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