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Nachrichten Noch zwei Schritte bis zum Tod
Nachrichten Noch zwei Schritte bis zum Tod
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02:00 25.08.2014
Aleppo , August 2014 — der Alltag des Terrors: Ein Mann sitzt weinend auf den Trümmern seines Wohnhauses nach einem Bombenangriff der Regierungstruppen. Quelle: AFP/Baraa al-Halabi

Der Tod ist jetzt ganz nah. Zwei Schritte trennen den jungen Mann noch von der Stelle, an der gleich die Granate einschlägt. Ein gewaltiger Knall, Steinbrocken, Staub, Schreie. Eine Hausecke schützt ihn. Er reißt sich aus der Schockstarre, hilft, Verletzte zu bergen, schleift Leichen von der Straße. Es ist November 2012 — und Ariha, die Kleinstadt im Nordwesten Syriens, ertrinkt im Chaos.

August 2014 — Möwengeschrei dringt durch die offen stehende Balkontür. Abid Azis, heute 27 Jahre alt, sitzt in T-Shirt und Jeans auf der Couch. Die kleine Wohnung im Rostocker Stadtteil Lütten Klein ist mit dem Nötigsten eingerichtet, ein paar Möbel, eine Küchennische. Unter dem Tisch lehnt ein Rucksack, sonst kaum Persönliches. Er hat alles zurückgelassen.

Abid gestikuliert in Richtung der Dolmetscherin, die seine Worte übersetzt. Worte, bei denen seine Hände wirbeln. Die Finger rutschen über den Tisch, zeigen: hier die Ecke, dahinter die Granate und die Leichen. Nur zwei Schritte.

Abid Aziz ist nicht sein richtiger Name. Der soll lieber nicht veröffentlicht werden. Zu groß ist die Angst um die Eltern, die noch in Ariha leben, oder: überleben. Und um den Bruder, der in der Regierungsarmee dient, zwangsverpflichtet.

Elend und Tod regieren im November 2012 den Alltag in der von Olivenhainen umgebenen Trümmerlandschaft. Es gibt keinen Strom mehr. Trinkwasserleitungen sind zerstört, Entführungen und Raubüberfälle an der Tagesordnung. Jeder Gang zum Einkaufen kann der letzte sein. In Arihas Straßen und Gassen kämpfen Regierungstruppen des Diktators Baschar al-Assad gegen die freie Armee der Revolutionäre, dazwischen radikale Milizen — und jeder schießt auf jeden.

Das syrische Drama begann schleichend. Chronisten nennen als ein Initial den 4. Februar 2011. Beflügelt von Aufständen in Tunesien und Ägypten, dem „arabischen Frühling“, rufen Assad-Gegner einen „Tag des Zorns“ aus. Verhaltene Resonanz. Im März dann weitere Demonstrationen, es beginnt zu brodeln.

In Ariha noch nicht. Die Stadt mit 60 000 Einwohnern liegt im Bezirk Idlib, der an die Türkei grenzt. Revolution? In Ariha waren viele Menschen zunächst skeptisch. Nicht weil man Assad unterstützte, „nein, weil wir Angst hatten, es könnte noch schlimmer kommen“. Abid war für eine Revolution — und ist es noch immer, wie er betont — aber nur friedlich. Keine Gewalt.

Wirtschaftswissenschaften studiert er zu der Zeit in der 70 Kilometer entfernten Metropole Aleppo. Er ist 24 Jahre alt, in einem Jahr stehen die Abschlussprüfungen an. Dann einen Job finden, vielleicht in einer staatlichen Bank, Devisenhandel. Oder sich selbstständig machen. Noch scheint alles möglich. Aber bald nicht mehr.

Allmählich schwappen die Aufstände nach Ariha. Im Juni 2011 wollen von dort aus etwa 1000 Menschen in die Bezirksstadt Idlib marschieren. Friedlich, mit Olivenbaumzweigen in den Händen. Auf halber Strecke wird der Marsch im Dorf Almastumah von Soldaten gestoppt. Plötzlich fallen Schüsse. Ein Mensch stirbt, der erste Tote aus Ariha. Die Schraube der Gewalt dreht sich weiter. Die Demonstranten ziehen nach Ariha zurück und überfallen eine Polizeistation. Waffen werden gestohlen, das Gebäude brennt nieder.

Die Reaktion des Militärs lässt nicht lange auf sich warten. Beim Einmarsch in Ariha erschießen die Soldaten fünf Menschen, halten sie vielleicht für Heckenschützen. Wer weiß das schon. Auch ein Freund von Abid stirbt. Häuser werden durchsucht. „Friedlich und gesittet“ seien die Soldaten dabei vorgegangen, erklärt Abid. Gesittet? Friedlich? Solche Attribute klingen wie Fremdkörper im Zusammenhang mit einer Militäroperation. Abid schiebt eine Erklärung nach: „Wir setzten das Militär nicht mit dem Staat gleich.“ Fast jeder Syrer habe einen Angehörigen in der Armee, einen Sohn, einen Cousin, einen Freund — oder, wie Abid, einen Bruder. „Deshalb ist das Militär für uns nicht einfach gleichbedeutend mit dem Feind!“ Obwohl Oberbefehlshaber Assad Städte in Schutt und Asche legen lässt. Obwohl gefoltert wird. Obwohl der Diktator Giftgas eingesetzt hat in einem Krieg, der bislang mehr als 190 000 Todesopfer gefordert hat; die meisten sind Zivilisten.

Eineinhalb Jahre dauert der reguläre Militärdienst in Syrien. Als der Krieg beginnt, muss Abids Bruder nur noch drei Monate abdienen. Der gelernte Friseur steht zwar nicht im Waffendienst, dennoch wird die Familie von der Opposition unter Druck gesetzt. Die Assad-Gegner bedrängen die syrischen Väter, die Respektspersonen: Dein Sohn muss desertieren! Eines Tages hat jemand an das Haus von Abids Familie gesprüht: „Das ist die letzte Warnung!“

Der Bruder desertiert nicht. Sein Vater will das nicht. Weil Deserteuere ermordet werden. Weil Familien ausgelöscht werden, wenn das Militär der geflohenen Söhne nicht habhaft wird.

Abid versucht, weiter zu studieren und findet ein Wohnung in Aleppo. Die Miete zahlt er für ein Jahr im Voraus: 1400 US-Dollar (1050 Euro). Kaum ist er eingezogen, flammen Kämpfe auf. Jagdflieger donnern über die Dächer. Überall Leichen. Maschinenpistolen. Panzer dröhnen. Abid flieht mit Verwandten aus dem Chaos. Zurück nach Ariha. Er beschließt, mit dem Studieren aufzuhören. Vorerst. Bis der Krieg vorbei ist.

Der geht weiter. Eines Nachts, es ist jetzt Frühjahr 2012, hämmert jemand gegen Abids Haustür. Soldaten durchsuchen die Zimmer, verhören die Familie. Unten auf der Straße rollen Panzer heran. Neun Tage dauert die Häuserschlacht. Neun Tage, in denen Abid, seine Eltern und die Familie seiner Schwester im Keller kauern. Kaum etwas zu essen, kaum etwas zu trinken.

Kaum noch Hoffnung.

Nach dem Gefecht leben im zerstörten, fünfstöckigen Haus noch drei Familien, auch die von Abid, der nun ein weiteres Problem hat: Als Studienabbrecher kann er zum Militär eingezogen werden. Den Dienst seines Bruders hat man auf unbestimmte Zeit verlängert. Kriegsdienst. Auch als Friseur.

Und dann kommt der Tag, an dem Abid zwei Schritte vom Tod entfernt ist, als hinter der Ecke die Granate explodiert. Genug ist genug. Er beschließt zu fliehen. Die Eltern wollen im Chaos ausharren.

Trotz allem. Es ist ihre Heimat.

Abid wird Flüchtling, so wie neun Millionen Syrer. Viele irren im eigenen Land umher, drei Millionen Syrer sind bislang außer Landes geflohen: Türkei, Libanon, Irak, Jordanien. Oder Ägypten.

Er rafft seine Ersparnisse zusammen, fliegt von Aleppo nach Ägypten, wo er Arbeit findet. Hunderttausende Syrer sind nach Ägypten geflohen. Die Stimmung wird aggressiver: „Ihr nehmt uns die Arbeit weg!“, rufen Ägypter. Es kommt zu Gewalt, Schlägereien.

Abids Odyssee geht weiter.

Ein Freund hat es von Ägypten nach Schweden geschafft. Am Telefon warnt er Abid: „Vergiss es! Ich hatte den Tod vor Augen.“ Abid tut es trotzdem. Doch der Weg führt über ein Massengrab. Auf dem Mittelmeer sinken immer wieder mit Flüchtlingen vollgestopfte Boote. 43 000 Flüchtlinge erreichten laut italienischer Behörden 2013 die Inseln Lampedusa und Sizilien — dreimal so viele wie im Vorjahr. Die meisten sind Syrer.

Abid nimmt in der ägyptischen Küstenstadt Alexandria Kontakt zu Schleppern auf. In seinen Taschen: 6000 US-Dollar (4500 Euro), Geld, das er sich vom Mund abgespart hat. Die Schlepper verlangen 3200 US-Dollar und lassen Abid 20 Tage warten, bevor er zusammen mit 200 anderen Syrern auf Motorboote gebracht wird. Mehrmals müssen sie auf hoher See umsteigen, von Holz- auf Stahlkähne und umgekehrt.

Motoren streiken. Nahrung ist knapp, Trinkwasser mit Öl verschmutzt. Nach neun Tagen entdeckt die italienische Küstenwache die Flüchtlinge und bringt sie in einen Hafen auf Sizilien.

Doch die schwedischen Wälder sind noch fern, und die Hürden der Bürokratie hoch. Es gilt die Dublin-Regelung: Wenn ein Flüchtling in einem „sicheren Drittstaat“ wie Italien Asyl beantragt, kann er nicht mehr in einem anderen Land wie Schweden oder Deutschland angenommen werden.

Die Syrer sollen sich auf Sizilien Fingerabdrücke abnehmen lassen — was sie zu Asylantragstellern in Italien macht. Ein Teil der Flüchtlinge weigert sich, auch — so sagt Abid — als die Beamten handgreiflich werden. „Halt durch, irgendwann lassen sie dich gehen“, schreibt der Freund aus Schweden.

Und so kommt es.

Es ist eine Gruppe von sechs jungen Syrern, die mit dem Zug durch Italien nach München und weiter nach Berlin fährt, organisiert von polnischen Schleppern. Oktober 2013 — die letzte Etappe: Mit Bus und Fähre soll es von Berlin nach Schweden gehen. Im Seehafen Rostock winken Polizisten den Bus raus. „Na, wo wollt ihr denn hin?“, fragt einer die Syrer.

Vor dem Balkon in Rostock kreischen Möwen. Es ist heiß an diesem Sommertag, August 2014, dreieinhalb Jahre nach Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs. Wie er seine Zukunft sieht? „Ich möchte weiter studieren“, sagt Abid, „gern in Rostock“. In einem Sprachkurs büffelt er die deutsche Sprache. Und Syrien? Ariha? Mit seinen Eltern hält er übers Telefon Kontakt. Jedes Mal, wenn sie hoffen, jetzt wird es ruhiger, friedlicher, kommen neue Armeen, Milizen, Fanatiker, Terrorgruppen.

Abids Bruder ist noch immer beim Militär.

Der vergessene Krieg
191 369 Menschen sind im syrischen Bürgerkrieg getötet worden. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, die von März 2011 bis April 2014 reicht und jetzt in Genf veröffentlicht wurde. Die Zahl der Todesopfer habe sich innerhalb eines Jahres verdoppelt, erklärte UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay. Sie bedauere sehr, dass die Kämpfe in Syrien und ihre verheerenden Folgen auf Millionen Zivilisten wegen der weltweit zahlreichen bewaffneten Konflikte aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit geraten seien.
19 431 Personen haben im Juli beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Asyl beantragt, davon 16 191 als Erstanträge und 3240 als Folgeanträge. Das sind 75,6 Prozent mehr als im Vorjahresmonat und der höchste Monatswert seit Juli 1993 (20 658 Anträge). Die meisten Flüchtlinge kamen aus Syrien, gefolgt von Serbien, Eritrea und Irak. Mecklenburg-Vorpommern wird in diesem Jahr insgesamt rund 3600 Asylbewerber aufnehmen müssen.
Viele waren erst gegen eine Revolution — weil sie Angst hatten, dass es nach Assad noch schlimmer kommen könnte.“Abid Aziz (27), Flüchtling aus Syrien



Axel Meyer

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