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Panorama Boston: Jubel trotz Ermittlungspanne
Nachrichten Panorama Boston: Jubel trotz Ermittlungspanne
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00:00 22.04.2013
Von Stefan Koch
Washington

Das Meer aus Stars- and-Stripes-Flaggen scheint sich unendlich zu erstrecken. Es bewegt sich durch ganz Boston. Anwohner eilen auf die Straßen und schwenken Fähnchen und Fahnen, ehren die Polizisten und das Militär und wollen wohl das gesamte Land mit aufrichten, das in der vergangenen Woche so gelitten hatte. Mit einem spontanen Volksfest feiert die Bevölkerung von Watertown das Ende der größten Verbrecherjagd in der US-Geschichte.

Fünf Menschen verloren in den zurückliegenden Tagen gewaltsam ihr Leben, mehr als 180 wurden verletzt, aber die Stadt zeigt sich in der Nacht zum Sonnabend so ausgelassen wie bei einer Baseballmeisterschaft. Nachbarn tanzen, Passanten, die sich eigentlich wildfremd sind, liegen sich in den Armen, und immer und immer wieder klopfen sie den Uniformierten auf die Schultern. Amerika ist wieder mit sich im Reinen.

Die vergangenen Stunden glichen einem Krimi, den Millionen Zuschauer direkt an den Fernsehschirmen verfolgten: Das Land bietet mehr als 10 000 Sicherheitskräfte auf, um einen verletzten 19-Jährigen zu fassen. Die US-Medien sprechen von einer „Jagd“. Der Mann, der mit seinem Bruder einen blutigen Anschlag auf den traditionsreichen Boston-Marathon verübte, soll keine Chance haben. Koste es, was es wolle.

Unter Bootsplane versteckt

Der Mittäter ist bereits tot. Nach all den Verbrechen, denen unter anderem der 26-jährige Polizist Sean Collier zum Opfer fiel, sitzen die Waffen der Beamten locker. Der entscheidende Tipp kommt aus der Bevölkerung: Ein Anwohner entdeckte an einem Boot, das auf einem Trailer im Garten steht, Blutflecken und alarmiert die Behörden. Schon nach wenigen Minuten knattert ein Helikopter über der Einfamilienhaussiedlung. Mit Wärmebildkameras findet die Polizei schließlich den Flüchtenden, der sich unter der Bootsplane versteckt.

Was dann geschieht, lässt sich noch nicht vollständig rekonstruieren. Aber entgegen erster Angaben stammen die schweren Verwundungen des Bombenlegers nicht allein aus der ersten Nacht, als im Feuergefecht mit der Polizei sein Bruder Tamerlan starb. Wie auf privaten Filmaufnahmen von Anwohnern deutlich zu sehen ist, setzt die Polizei Blendgranaten ein, um dem Täter die Sicht zu nehmen und schießt dann mit automatischen Sturmgewehren. Der Flüchtige soll blutüberströmt gewesen sein, als die Beamten ihn festnahmen. Anwohner berichteten gestern, dass das Boot regelrecht durchlöchert worden sei. Andere Quellen berichten von einem möglichen Selbstmordversuch des jungen Mannes. Er liegt derzeit im Krankenhaus, sein Zustand ist kritisch.

Attentäter droht Todesstrafe

Sollte Dschochar Zarnajew wieder genesen, wartet auf ihn ein langes Gerichtsverfahren, das nach ersten Einschätzungen voraussichtlich mit einem Todesurteil endet. Ähnlich wie bei dem Oklahoma-City- Bomber dürften im Fall des jungen Zarnajew die Bundesbehörden das Verfahren an sich ziehen, da es sich um einen Terrorakt handelt.

Die ausgelassene Volksfeststimmung, die auch am Wochenende in Boston anhielt, täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass unangenehme Fragen auf die Behörden warten. Wie das FBI am Wochenende bestätigte, wurde die Bundespolizei bereits 2011 von russischen Terrorismusexperten auf den Fall Tamerlan Zarnajew aufmerksam gemacht. Der junge Mann lebte zwar seit 2003 in den Vereinigten Staaten, heiratete eine Amerikanerin und wurde Vater einer Tochter. In all diesen Jahren soll er aber enge Kontakte zu seiner alten Heimat gehalten haben. Wie so viele junge Menschen, die zwischen Ost und West pendeln, schrieb Tamerlan im Internet. Spätestens ab 2008 beschäftigte er sich offenbar intensiv mit dem Islam und näherte sich nach Einschätzung der Ermittler auch tschetschenischen und islamistischen Extremisten an. Auf seinen Webseiten fand sich demnach eine wilde Mischung von Filmen, in denen der „Heilige Krieg“ gegen Ungläubige gepriesen und der Kampf für die Unabhängigkeit Tschetscheniens gefordert wurde.

FBI ließ Bruder laufen

Die Bundespolizei nahm die Warnungen aus Moskau zunächst durchaus ernst, ließ Tamerlan nach einem Gespräch mit ihm und seinen Eltern jedoch unbehelligt. Der junge Mann wiederum ließ sich vom FBI nicht weiter beeindrucken und reiste 2012 für mehrere Monate nach Südrussland. Die Polizei in Boston konnte gestern noch keine genauen Angaben darüber machen, mit welchen Kreisen Tamerlan dort in Berührung kam.

Besuchte er nur seine Eltern in Machatschkala am Kaspischen Meer, oder knüpfte er auch Kontakte zu den Extremisten in der unsicheren Bürgerkriegsregion? Sicher sind sich die Fahnder allerdings in der Einschätzung, dass der Ältere seinen jüngeren Bruder „mitgezogen“ habe.

Wie es heißt, wollen die FBI-Experten zunächst die Lebenswege der Täter akribisch nachzeichnen: Tamerlan und Dschochar Zarnajew stammen aus einer tschetschenischen Familie, die zur Stalin-Zeit — ebenso wie viele Wolgadeutsche — nach Zentralasien deportiert wurden. Wie eng die Beziehungen zur alten Heimat blieben, zeigt sich an der Namensgebung: Dschochar wurde nach dem ersten tschetschenischen Präsidenten Dschochar Dudajew benannt, der 1996 von russischen Militärs getötet wurde.

Die Zarnajews lebten zunächst in Kirgisien und zogen vor 13 Jahren nach Machatschkala in der russischen Republik Dagestan. Da ihnen die Weiterreise nach Tschetschenien verweigert wurde, wanderten sie ein Jahr später in die USA aus und wurden in Boston als Bürgerkriegsflüchtlinge anerkannt. „Sie hatten auf ein unabhängiges Tschetschenien gehofft und mussten nun in der Fremde ihr Glück suchen“, sagt ein Terrorismusexperte. Verstehen lasse sich dieses Verbrechen nicht: „Aber es ist zu erkennen, dass wir es mit jungen Tätern zu tun haben, die völlig entwurzelt sind.“

Chronik
15. April: Beim Boston-Marathon explodieren zwei Sprengsätze. Ein achtjähriger Junge und zwei Frauen sterben. 180 Menschen werden verletzt


16. April: US-Präsident Barack Obama spricht von einem „Terrorakt“.


18. April: Die Polizei veröffentlicht Fotos zweier verdächtiger Männer in dunkler Kleidung mit Rucksäcken.


19. April: Ein Verdächtiger wird nach einer Verfolgungsjagd getötet. Zuvor war auf dem Gelände des Massachusetts Institute of Technology ein Wachmann erschossen worden. Die Polizei verhängt eine Ausgangssperre. Abends wird der zweite Verdächtige gefasst.

Schatten über Marathons
Läufer, Zuschauer und Organisatoren haben die schrecklichen Bilder aus Boston noch vor Augen — trotzdem wurden gestern die Marathons in London, Hamburg und im japanischen Nagano gestartet. Zuvor war lange beraten worden, ob sie überhaupt stattfinden sollten.

Nach verstärkten Sicherheitsmaßnahmen und einem falschem Alarm in Hamburg gingen die Wettbewerbe ohne Zwischenfälle aus. Viele Sportler gedachten der Boston-Opfer mit Schweigeminuten und schwarzen Armbinden.

Stefan Koch

Helfer kommen nur mit Mühe in die verschütteten Gebiete.

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