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Der Geburtstag des Zopfträgers

Berlin Der Geburtstag des Zopfträgers

Wird er 78? Oder doch 80? Egal, Modezar Karl Lagerfeld feiert heute Geburtstag — mit enger Jeans und Mozartzopf.

Berlin. Mit 65 oder 70 Jahren hätte sich der Modezar und Multimillionär bequem zur Ruhe setzen können. Karl Lagerfeld hätte sich an seinen Kunstschätzen und Antikmöbeln ergötzen können. Bei den mehr als 300 000 Büchern seiner Hausbibliothek wäre ihm wahrscheinlich nicht langweilig geworden. Die Appartements und Luxusvillen in Europa und den USA wären endlich ausgiebig bewohnt worden. Private Diätköche und seine Chauffeure hätten dem Modemann und Unternehmer einen angenehmen Ruhestand verschafft.

Vielleicht wäre auch mal seine Muse Claudia Schiffer mit den Kindern vorbeigekommen und Lagerfeld hätte sein Teddybär-Double verschenken können. Auch hätte er die knackengen Hosen gegen bequeme Beinkleider austauschen können.

„Ich hasse Geburtstage“

Mit 80 Jahren aber ist es dazu wohl zu spät. Die Intuition sagt dem gertenschlanken Herrn, der sich aufrecht hält wie ein Stock, dass Nachlassen energetisch fatal wäre. „Warum sollte ich aufhören zu arbeiten? Wenn ich das tue, werde ich sterben und es wird alles vorbei sein“, sagte er unlängst in einem TV-Interview. Wer Lagerfeld auf seinen heutigen 80. Geburtstag anspricht, bekommt zu hören:

„Ich hasse Geburtstage, ich feiere nie! Aber gut, wenn ich tatsächlich 80 werden sollte, fühle ich mich dafür ehrlich gesagt ganz gut.“

Das ist ein bemerkenswertes Eingeständnis, denn sein wahres Alter hat der Modemann viele Jahre lang in Nebelkerzen gehüllt. Seinen Arbeitgebern und der Öffentlichkeit machte er vor, 1938 geboren zu sein. Vor ein paar Jahren veröffentlichte ein großes Boulevardblatt Auszüge aus dem Hamburger Taufregister und Aussagen einer früheren Lehrerin, die 1933 als Geburtsjahr angab. Anfang Juli 2013 berichtete „Welt am Sonntag“ über das zufällige Auffinden einer Karte von Lagerfelds Eltern, die mit einem blauen Seidenschleifchen rührend versehen ist, und als Ankunftsdatum „Karl Ottos“ „Sonntag, 10. September 1933“ angibt.

Eigentlich klar, dass einer wie Lagerfeld ein Sonntagskind ist. Während Deutschland und die Welt die Wirtschaftskrisenfolgen zu verdauen hatten, verlebte er seine Krabbeljahre in einem luxuriösen Landsitz, dem Gut Bissenmoor bei Bad Bramstedt, später zog die Familie zurück nach Hamburg. Sein Vater hat vor 100 Jahren die Dosenmilch in Europa eingeführt und damit ein Vermögen gemacht. Mit der Mutter ging Lagerfeld Anfang der fünfziger Jahre nach Paris, um den Horizont zu erweitern. Die Mitteilung, dass er schwul sei, nahm die freigeistige Frau angeblich so auf: „Ach, das ist wie mit der Hautfarbe, es gibt Schwarzhaarige und Blonde, und so gibt es auch Homosexuelle“. In Paris arbeitete der junge Modeschöpfer für Pierre Balmain und Jean Patou und bald für die Häuser Chloé und Fendi.

Viele Jahre später, nachdem sein Lebensgefährte an Aids gestorben und Lagerfeld in eine Schaffenskrise geraten war, tauchte er daraus mit doppelter Energie hervor und verlieh dem angestaubten Altdamen-Label Chanel jugendlichen Putz. Daneben war sich der Modepapst, den seine Fans auch „Kaiser Karl“ nennen, nicht zu schade, seinen Namen für Billigketten herzugeben — er war der erste Haute-Couture-Designer, der für H&M Kleider entwarf.

Dandy und Biker

Wechselndes Glück hatte Lagerfeld mit eigenen Labels und Läden. Als Zeichen ungebrochener Pionierfreude hat der Verrentungsverweigerer diesen Juli in Berlin-Mitte einen schicken Concept Store „Karl by Karl Lagerfeld“ eröffnet, in Kürze folgt ein weiterer Laden in München. Schon im Schaufenster grüßen Lagerfeld-Maskottchen und hochhackige Pumps gibt es mit Absätzen im Eiswaffeldekor. Der merkwürdige Name der Läden rührt daher, dass der notorische Selbstvermarkter seinen Nachnamen zu Markte getragen hat und ihm bloß noch das „Karl“ geblieben ist. Hätte Mozart das getan, müsste man über die „Zauberflöte“ Wolfgang by Wolfgang Amadeus Mozart schreiben.

Lagerfelds Altersstil ist angesiedelt zwischen Dandy und Biker. Zur dunklen Brille trägt er Mozartzopf, die Biker-Handschuhe helfen, Altersflecken zu kaschieren. Inzwischen kombiniert er knackenge Jeans auch schon mal mit Totenkopf-Jackets. Noch mit 80 Jahren ist der Modemann eisern auf schlanke Linie bedacht. Der alte Herr möchte Jeansgröße 30 behalten und unterzieht sich dabei einer, wie er selber sagt, „autofaschistischen Behandlung der eigenen Person“. Der Greis wetteifert am Kühlschrank mit den Magermodels, die er über die Laufstege hetzt.

Damit ja keiner auf die Idee kommt, die Schaffenskräfte ließen nach, entwarf der Workaholic kürzlich ein rabenschwarzes Punk-Dirndl mit Lederschürze und revolutionierte die Strandtasche. Seine Hula-Hoop-Tasche kann man in den Sand stecken und auf dem Bügel den nassen Bikini aufhängen. Lagerfeld bleibt auch im achten Lebensjahrzehnt Design-Drohne und Modemaschine. Und ist dabei selbst zu einer künstlichen Kreation geworden. Wobei die Meinungen auseinandergehen, ob es sich um eine coole Kunstfigur oder um eine tragische Gestalt handelt.

 

 

Johanna di Blasi

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