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Panorama Exodus der Venezianer
Nachrichten Panorama Exodus der Venezianer
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01:22 27.08.2014
Venedig

Im Schaufenster der Moretti-Apotheke am Campo San Bartolomeo nahe der Rialtobrücke leuchten rote Digitalziffern. Sie zeigen weder die Lufttemperatur noch den Wasserpegel an, sondern die Zahl der Einwohner im historischen Teil Venedigs. Vor drei Jahren fiel diese unter 60 000. Inzwischen liegt sie bei weniger als 58 000. Damit hat die pittoreske Lagunenstadt in etwa so viele Bürger wie Stralsund. In den vergangenen 60 Jahren ist Venedigs Einwohnerzahl um 66 Prozent gesunken. Die Zahl der Touristen stieg dagegen um 530 Prozent, jährlich sind es zwischen 20 und 30 Millionen Gäste.

Für viele Venezianer ist die kritische Grenze überschritten. Hunderte Bürger ziehen jedes Jahr weg. Sie können oder wollen die absurden Mietpreise nicht mehr zahlen. Sie haben keine Lust, eine zunehmend löchrige Infrastruktur hinzunehmen. Und ihre Kinder wünschen sich andere Zukunftsoptionen, als Gondoliere, Pizzabäcker oder Verkäufer von Mini- Seufzerbrücken zu werden.

Wie Leonardo Faggian, Masken- und Bühnenbildner für das Teatro Fenice, geht es vielen. Er hat mit seiner Familie außerhalb Venedigs Quartier genommen und kommt nur zum Arbeiten in die Stadt, die zunehmend einer Kulisse gleicht. Deswegen tickt die Uhr in der Apotheke konsequent rückwärts. Ausgerechnet im häufig als „schönste Stadt der Welt“ gepriesenen Venedig schwindet die Lebensqualität.

„Die Venezianer verzichten darauf, in einer der außergewöhnlichsten urbanen Strukturen des Planeten zu leben“, klagt der venezianische Architekturprofessor und Urbanist Sergio Pascolo. Dabei sei die Stadt durch und durch „nach menschlichem Maß“ erbaut, alles sei fußläufig erreichbar, Venedig verfüge über einen zwölf Kilometer langen Strand, den Lido, liege in einer herrlichen Naturoase, den Lagunen, und habe auch sonst alles, was man sich von einer nachhaltigen Stadt heute nur wünschen könne.

Venedig ist aber auch verstopft, stinkt, modert — und ist korrupt. In diesem Sommer stürzte die Stadtregierung über einen Bauskandal. Gelder, die für das 5,5 Milliarden teure, seit elf Jahren in Bau befindliche Hochwasserschutzprogramm „Mose“ reserviert waren, sollen veruntreut worden sein. Es gab 35 Verhaftungen. Der prominenteste Häftling, Giorgio Orsoni, Venedigs Bürgermeister, trat daraufhin aus dem Amt zurück. Seither wird die Stadt kommissarisch regiert.

In der Farmacia Moretti und anderen Treffpunkten der Einheimischen herrscht Verbitterung darüber, dass die Stadtelite Geld verschleudert, aber nichts gegen den Einwohnerschwund unternimmt, ja, das Problem womöglich nicht einmal ernst nimmt.

Zum Symbol für Venedigs Dilemma sind die hochhausgroßen Kreuzfahrtschiffe geworden, die ins Zentrum hereindrängen und mit ihrer schieren Masse Kirchen und Paläste optisch erdrücken. Mal wird den Kolossen die Zufahrt verwehrt, mal ist es wieder erlaubt. Nach neuen Plänen sollen die Ozeanriesen nicht mehr auf der Giudecca-Seite hereinfahren, sondern auf der Bahnhofseite. Dafür müssten Kanäle vertieft und verbreitert werden, das aber würde die Hochwassergefahr erhöhen und möglicherweise „Mose“ ad absurdum führen.

Fast wie ein Witz klingt es, dass Museen in der von Besuchern aus aller Welt gefluteten Lagunenperle unter Besuchermangel leiden und Schwierigkeiten haben, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Für den Museumsbesuch reicht die Zeit nicht, wenn man in drei Stunden wieder auf dem Dampfer sein muss. Die Venezianer rufen nach dem Staat, dieser solle Mieten subventionieren, damit sich Cafés halten können. Städteplaner wie Sergio Pascolo sind schon einen Schritt weiter. Sie denken über „Anreize für eine Rückkehr“ nach Venedig nach. Pascolo schlägt Boot-Sharing vor. Wenn aber die Entwicklung einfach weiterläuft, ist Venedig 2030 womöglich eine Geisterstadt.



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