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Jagd auf die Boston-Bomber: Eine Stadt im Ausnahmezustand

Boston Jagd auf die Boston-Bomber: Eine Stadt im Ausnahmezustand

Die Fahndung nach den Terroristen entwickelt sich zur größten Verbrecherjagd in der US-Geschichte. Zwei Brüder aus Tschetschenien sollen das Attentat begangen haben. Einer wurde erschossen, einer flüchtete.

Boston. „Seid vorsichtig!“ ruft ein Polizist den Journalisten zu. Mit einer Maschinenpistole in der Hand läuft der Uniformierte auf Kameraleute und Fotografen zu, winkt sie hektisch zurück. Er eilt von einem Bürgersteig zum anderen. Schließlich bleibt er stehen, blickt verzweifelt auf den Pulk von Berichterstattern und brüllt: „Geht in Deckung, verdammt. Verschwindet!“

Es geht chaotisch zu in dem Bostoner Vorort Watertown. Mehrere tausend Polizisten und Militärs durchkämmen jedes einzelne Haus, um den Mann zu fassen, der für den Bombenterror von Boston verantwortlich sein soll. Es ist die größte Verbrecherjagd in der amerikanischen Geschichte. Die gesamte Großstadt wird abgesperrt, der öffentliche Verkehr liegt lahm. Selbst den unteren Luftraum lassen die Behörden sperren. Es wimmelt von Polizeifahrzeugen, Panzerwagen und schwer bewaffneten Uniformierten.

Das Terror-Duo hat auch

einen Polizisten erschossen Der Bruder und Komplize des Flüchtenden wurde in der Nacht zum Donnerstag getötet. Kurz zuvor hatte das Duo einen Polizisten erschossen. Der verantwortliche Arzt gibt am gestern Vormittag zu Protokoll, dass die konkrete Todesursache des Täters schwer feststellbar sei: „Die Zahl der Schusswunden lässt sich nicht zählen.“

Die geballte Macht der amerikanischen Sicherheitsbehörden schlägt zurück. Wer sich ihr jetzt in den Weg stellt, hat schlechte Karten. In diesen Stunden scheint sich die Wut der Großmacht zu entladen, die sich in den vergangenen Tagen aufgestaut hatte.

Der Terroranschlag in Boston hat das Land tief getroffen. Dass ausgerechnet der traditionsreiche Marathon-Lauf, der weltweit als Symbol des Friedens gilt, von den Verbrechern heimgesucht wurde, erschüttert viele Amerikaner. Doch schon am Tag danach gingen von den Trauergemeinden bemerkenswerte Signale aus. Bei den Gedenkfeiern sangen sie „Gott schütze Amerika“, und in den Ansprachen der Angehörigen kam schnell zum Ausdruck, was jetzt der erste Schritt sein sollte: die Täter fassen und zur Rechenschaft ziehen.

Dass die beiden Kochtopfbomber so schnell identifiziert werden konnten, wäre wohl ohne die breite Unterstützung aus der Bevölkerung kaum möglich gewesen: Die Zuschauer des Marathons gaben bei der Polizei mehrere tausend Videofilme ab, um bei der Suche nach den Tätern zu helfen. Die kurzen Filmsequenzen, die laienhaft mit Smartphones gedreht wurden, erwiesen sich als wichtige Quelle — ebenso wie die Materialien der unzähligen Fernsehkameras und der Überwachungsanlagen an den Supermärkten. Am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) veröffentlichte das FBI die ersten Fotos der Verdächtigen. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Die Hinweise verdichten sich, dass es sich bei den Verdächtigen um Tamerlan und Dschochar Zarnajew handelt, zwei Brüder, die ursprünglich aus der russischen Krisenregion Tschetschenien stammen und seit gut zehn Jahren legal in Amerika leben. Tamerlan hat eine Green Card, Dschochar ist US-Bürger.

Kaum hatte sich Präsident Barack Obama am Donnerstagabend aus dem Gedenkgottesdienst in Boston verabschiedet, eskaliert die Lage. Die Verdächtigen werden schnell ausfindig gemacht. Noch sind viele Details des Hergangs unklar, aber offensichtlich halten sich die Zarnajew-Brüder zunächst auf dem Campus des berühmten "Massachusetts Institute of Technology" (MIT) auf, als sie von einem Sicherheitsbeamten erkannt werden und sofort die Waffen ziehen. Mehrere Schüsse fallen, bis der Polizist getroffen wird und später im Krankenhaus stirbt.

Die Flüchtigen kapern ein Auto, drücken den Fahrer gewaltsam zur Seite und rasen Richtung Watertown. Kurz bevor eine wilde Verfolgungsjagd beginnt, lassen sie den Autobesitzer an einer Tankstelle frei. Der Sender CNN berichtet, dass sich die Männer ihm gegenüber als die "Boston-Bomber" bezeichnet hätten. Kaum werden sie von der Polizei entdeckt, schiessen sie auf die Streifenwagen und werfen mehrere Sprengsätze. Ein Polizist wird in dem Kugelhagel verletzt, Tamerlan Zarnajew getötet. Die Behörden lassen den Vorort Watertown abgesperren, später sogar die gesamte Großstadt Boston. Deval Patrick, Gouverneur von Massachusetts, ruft die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben und nicht auf die Straße zu gehen. Wörtlich sagt Patrick: "Wir müssen das Feld jetzt der Polizei überlassen."

Tatsächlich aber greifen nicht nur Polizeibeamte ein, sogar das Militär rückt an: Unzählige Panzerfahrzeuge der Nationalgarde patrouillieren durch die Stadt und sperren die Ausfallstraßen ab, zahlreiche Hubschrauber sind im Einsatz. Eine Verbrecherjagd, die in ihren Ausmaßen kaum zu überbieten ist.

Vater: „Warum haben sie Tamerlan getötet?“

In Washington lässt sich Präsident Obama an diesem Freitag in kurzen Abständen über das Verfolgungsdrama unterrichten. Hektische Nachforschungen gibt es allerdings auch in Russland. Ramsan Kadyrow, Präsident der teilautonomen Republik Tschetschenien, lässt in Grosny versichern, dass die Täter keinerlei Beziehungen zum Kaukasus mehr hätten: „In den vergangenen zehn Jahren sind sie in Amerika aufgewachsen, nicht bei uns“, sagt Pressesprecher Alwi Karimow. Schon als Kinder hätten sie ihre alte Heimat verlassen. Wie russische Medien berichten, sollen sie zunächst im benachbarten Dagestan die Schule besucht haben, bevor sie 2002 und 2003 zunächst nach Kasachstan und schließlich in die USA übersiedelten.

Laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax meldete sich gestern auch der Vater der Täter zu Wort. Vor Journalisten in Machatschkala sagte er: „Warum haben sie Tamerlan getötet? Sie hätten ihn lebend fassen müssen.“ Den jüngeren Sohn Dschochar erwarte er in den Ferien. „Nun weiß ich nicht, was geschieht.“

Stefan Koch

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