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Panorama New Yorker entdecken das Radfahren
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00:00 29.03.2014
New York

„Go!“ brüllt ein Junge mit Baseballkappe — und Dutzende Männer und Frauen stürzen zu ihren Rädern und rasen los. Diego Gerena-Quiñones ist einer von ihnen. Fast dampft sein Atem schon an diesem kalten Frühlingstag in einer Seitenstraße im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Vor ihm erhebt sich in rostroter Eleganz die Williamsburg Bridge. Gerena-Quiñones quetscht sich und sein Rad zwischen die rollenden Autos. „Das ist gefährlich, ihr Idioten!“, brüllt ein Mann aus seinem Autofenster. Aber Gerena-Quiñones tritt in die Pedale. Für ihn existiert im Moment nur der nächste Checkpoint.

Der Fahrradkurier fährt bei einem sogenannten „Alleycat“ (auf Deutsch etwa „streunende Katze“) mit, einem inoffiziellen Radrennen. Es gibt keine abgesperrten Straßen, keine Teams. Lediglich einen Treffpunkt, eine Liste der anzufahrenden Orte und ein Ziel: Als erster alle Checkpoints zu erreichen.

Das Ganze ist auch eine Art Training. „Noch vor ein paar Jahren sahen die Leute die Radfahrer in New York als wilde, gesetzlose Adrenalinjunkies an, immer auf der Suche nach Gefahr“, sagt Gerena-Quiñones, der seit rund zwei Jahren als Fahrradkurier arbeitet. „Heute sind die Gründe, warum sich jemand in New York aufs Rad schwingt, statt die U-Bahn oder den Bus zu nehmen, vielfältiger — auch die Leute, die sich immer mehr trauen.“

600 Kilometer Radwege

Zu verdanken ist das nicht zuletzt Citi Bike, dem von vielen als längst überfällig angesehenen Fahrrad-Verleihsystem, das New York im vergangenen Frühjahr eingeführt hat. In anderen Metropolen wie Paris oder Hamburg gibt es so etwas schon seit längerem. „New York wollte von anderen Städten lernen, um dann das größte und beste System Nordamerikas auf die Beine zu stellen“, sagt Dani Simmons, Marketing-Chefin des Citi Bike-Betreibers.

Fast 600 Kilometer Radwege hat New York in den vergangenen sieben Jahren gebaut — und der seit Anfang des Jahres amtierende Bürgermeister Bill de Blasio will in diesem Punkt die Politik seines Vorgängers Michael Bloomberg fortsetzen. Die Westseite Manhattans am Hudson River entlang ist inzwischen fast durchgängig befahrbar, und auch viele Teile Brooklyns sind gut abgedeckt. Das Magazin „Bicycle“ sieht die einst als gefährlichste Radfahrer-Stadt der Welt verschriene Millionenmetropole in puncto Fahrradfreundlichkeit inzwischen sogar auf Platz sieben in den USA. Wer kein eigenes Rad hat, kann an 330 Stationen eines von insgesamt rund 6000 Leihrädern nutzen.

Radfahren ist noch ungewohnt Fahrradfahren ist für die Mehrzahl der New Yorker völlig ungewohnt. Viele haben es seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr gemacht, andere nie gelernt.

Bislang trauten sich fast ausschließlich Kurierfahrer in das Verkehrschaos der Häuserschluchten. Und immer noch gibt es Stadtviertel, in die das Fahrradnetzwerk nicht vordringt. Abstellmöglichkeiten für Räder sind Mangelware. Und auch die Angst, von einem rücksichtslosen Taxifahrer umgefahren zu werden, ist bei vielen groß. Auf zahlreichen Straßen müssen sich Autofahrer und Radler Spuren teilen — mit chaotischen Konsequenzen. „Die Polizei könnte Verkehrsregeln strikter und besser durchsetzen, damit Fahrer keine illegalen und gefährlichen Fahrmanöver riskieren“, sagt Simmons von Citi Bike.

„Aber auch die Radfahrer selbst könnten ihren Beitrag leisten, indem sie sicher und vorhersehbar fahren.“

Die ersten Monate des Citi Bike- Programms deuten darauf hin, dass sich New York vielleicht doch noch zu einer echten Radfahrer- Stadt entwickeln könnte: Mehr als sechs Millionen Trips sind laut den Betreibern seit Beginn des Programms im vergangenen Mai unternommen worden. Anders als von vielen Kritikern im Vorfeld befürchtet, gab es dabei zwar ein paar verletzte Leihrad-Fahrer, aber keine Todesfälle.

Das Fahrrad ist auf dem besten Weg zum Kult-Objekt in New York. Zahlreiche Promis wie Schauspieler Leonardo DiCaprio und Model Gisele Bündchen wurden schon auf Citi Bikes gesichtet. Die „New York Times“ erklärte das Hochzeitsfoto auf dem Fahrrad gar zum „Must-Have“ für jedes frisch verheiratete Ehepaar. Und auch für diejenigen, die noch einen Partner suchten, sei das Rad die beste Lösung, sagt eine Single-Expertin.



Lisa Maria Hagen

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