Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Niels H. soll 84 weitere Menschen getötet haben

Patientenmörder Niels H. soll 84 weitere Menschen getötet haben

Niels H. sitzt wegen siebenfachen Mordes in Haft: In Kliniken tötete er seine Patienten. Doch die Zahl der Todesfälle, für die der Krankenpfleger verantwortlich ist, ist wahrscheinlich um ein Vielfaches größer. Das Ausmaß seiner Verbrechen macht selbst die Ermittler sprachlos.

Patientenmörder Niels H.

Quelle: dpa

Oldenburg. Der verurteilte Patientenmörder Niels H. könnte nach Angaben der Ermittler für die größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich sein. Der heute 40-Jährige soll mindestens 84 weitere Menschen an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst in Niedersachsen umgebracht haben. Das ist das Ergebnis fast dreijähriger Ermittlungen, die Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag in Oldenburg vorstellten. Wegen sechs Taten sitzt der Ex-Pfleger bereits lebenslang in Haft. Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres will die Staatsanwaltschaft erneut Anklage erheben.

Niels H. hatte gestanden, Patienten eine Überdosis von Medikamenten gespritzt zu haben, um sie anschließend wiederbeleben zu können. Damit wollte er sich vor Kollegen als heldenhafter Retter beweisen. Mehr als 130 frühere Patienten der beiden Kliniken ließ die eigens dafür eingerichtete Sonderkommission der Polizei in den vergangenen drei Jahren ausgraben und auf Rückstände von Medikamenten testen. „Die Erkenntnisse, die wir dabei gewinnen konnten, erschrecken noch immer - ja, sie sprengen jegliche Vorstellungskraft“, sagte Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme.

„Nur die Spitze des Eisberges“

Bei 48 Patienten in Delmenhorst und 36 in Oldenburg wurden die Ermittler fündig. Bei 41 Toten stehen die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung noch aus. Die tatsächliche Zahl der Verbrechen von Niels H. liege aber um ein Vielfaches höher, sagte Soko-Leiter Arne Schmidt. „Die Morde, die wir belegen können, sind nur die Spitze des Eisberges.“ Allein am Klinikum Delmenhorst seien mehr als 130 Patienten, die während einer Schicht von Niels H. starben, eingeäschert worden. Ein Nachweis sei bei ihnen nicht mehr möglich. Die Polizei löst die Sonderkommission jetzt auf, die Ermittlungen laufen aber noch weiter.

In Verhören im Gefängnis hat Niels H. die Taten in Delmenhorst und Oldenburg eingeräumt. Offen bleibe, ob er im vollen Umfang geständig sei und ob er sich überhaupt an alle Taten erinnern könne, sagte Schmidt. So bestreite Niels H., dass er auch Patienten an anderen Arbeitsstätten - als Rettungssanitäter und als Pfleger in Altenheimen - eine Überdosis Medikamente gespritzt habe. Diesen Verdacht würden aber Zeugenaussagen nahelegen. Die Patienten starben in diesen Fällen aber nicht.

Morde hätten verhindert werden können

Fest steht nach Ansicht der Ermittler, dass ein großer Teil der Morde hätte verhindert werden können. Schon am Klinikum Oldenburg gab es eine Statistik, die zeigte, dass während der Schicht von Niels H. die Sterberate und die Zahl der Reanimationen stieg. Diese Statistik sei auch der damaligen Geschäftsführung bekannt gewesen, sagte Schmidt. Wären die Verantwortlichen damals schon zur Polizei gegangen, wäre es zu den Morden an der späteren Arbeitsstelle in Delmenhorst nicht gekommen, betonte Schmidt.

Anonymes Meldesystem fehlt weiterhin

Stattdessen trennte sich das Klinikum Oldenburg von dem verdächtigen Pfleger und stellte ihm sogar ein gutes Arbeitszeugnis aus. Eine Warnung an das Klinikum Delmenhorst blieb aus. Auch am Klinikum Delmenhorst gab es bald Gerüchte, weil auffällig viele Patienten während der Schicht von Niels H. starben. Später lagen auch handfeste Beweise vor: Zwei frühere Oberärzte und der Stationsleiter werden deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht stehen. Die Ermittlungen gegen Verantwortliche am Klinikum Oldenburg laufen noch.

Von einem großen Versagen sprach die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Tätern würde es in Krankenhäusern und Pflegeheimen immer noch zu leicht gemacht, teilte Vorstand Eugen Brysch mit. „In vielen der bundesweit 2000 Krankenhäusern wurden die Kontrollmechanismen nicht verschärft. So fehlt für die meisten Kliniken weiterhin ein anonymes Meldesystem.“

Eine Chronologie der Ereignisse

1999-2002: Niels H. arbeitet im Klinikum Oldenburg.

2003-2005: Der Pfleger arbeitet auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst.

Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt den Mann im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat, als er einem Patienten ein Mittel verabreichen will, das dieser gar nicht bekommen soll.

2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.

Juni 2008: Im Revisionsprozess verurteilt das Landgericht Oldenburg den Mann zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs.

Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen den Mann, der Prozess beginnt im September.

November 2014: Eine Sonderkommission der Polizei ermittelt. Sie geht inzwischen mehr als 200 Verdachtsfällen nach.

Januar 2015: Niels H. gesteht vor Gericht etwa 90 Taten. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.

Februar 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft.

Juni 2016: Die Ermittler geben bekannt, dass Niels H. für mindestes 33 Todesfälle am Klinikum Delmenhorst verantwortlich ist. Niels H. habe gestanden, auch am Klinikum Oldenburg Patienten getötet zu haben.

August 2017: Die Polizei gibt Details zu den Ermittlungen und dem weiteren Verfahren gegen Niels H. bekannt.

Von RND/dpa

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.