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Ohne Berührungsängste - Königin Silvia im Kinder-Feriencamp

Heroldsbach Ohne Berührungsängste - Königin Silvia im Kinder-Feriencamp

Hackfleischspieße mit der schwedischen Königin: Den Kindern im oberfränkischen Feriencamp Schloss Thurn macht das Spaß. Auch wenn manche von ihnen es sonst nicht leicht haben.

Heroldsbach. Ein Mädchen schaut aus dem gezimmerten Cowboy-Saloon hinaus in den Regen, zu den vielen anderen Kindern, die als Chor aufgereiht warten. Zunächst sehen sie alle nur einen Pulk aus Fotografen - und dann sie: die Königin.

„Oh mein Gott, ich wusste nicht, dass die Königin so aussieht“, sagt das Mädchen. „Und schon interessiert sie mich nicht mehr.“ Als die anderen Kinder draußen anfangen zu singen für Königin Silvia von Schweden, geht das Mädchen weg von der Tür.

Die Monarchin ist zu Besuch im Feriencamp Schloss Thurn, im oberfränkischen Heroldsbach - sie ist auf PR-Tour für ihre Kinderschutzorganisation World Childhood Foundation, zusammen mit der Deutschen Fernsehlotterie. Einige von den 160 Jungen und Mädchen, die hier eine Woche Ferien verbringen, kommen aus Familien, die sich kein Zeltlager für die Kinder leisten können; oder haben keine Eltern, die mit ihnen fahren könnten. Die deutsche Soziallotterie schenkt ihnen die Reise, und die Stiftung der schwedischen Königin unterstützt die Betreuer im Camp in ihrem Umgang mit den Kindern - für den Fall, dass sie bemerken, dass eines der Kinder Opfer von Gewalt geworden ist. Von verbaler, von physischer oder von sexueller Gewalt.

Vor vielen Jahren war es, da kam ein Kind nach zwei Tagen auf einen Betreuer zu. „Mein Vater hat meine Mutter erschossen, und deshalb bin ich im Heim“, habe der Junge gesagt - so erzählt es Marcus Slany. Er leitet das Camp mit seiner Frau Nina, die die Kinderschutzbeauftragte ist. „Wie reagiert da ein normaler Betreuer?“, fragt Slany. Inzwischen werden die Erwachsenen hier geschult, sensibilisiert dafür, was zu tun ist, wenn ein Kind sich auffällig verhält - auch mit Hilfe der Childhood Foundation.

Deshalb singen die Ferienkinder für die Königin, deshalb folgen einige ausgewählte Kameraleute der Monarchin auf Schritt und Tritt. Es soll viele Bilder geben von diesem Besuch. Das Mädchen hinter der Bretterwand aber darf nicht mitsingen und nicht mit auf die Bilder. Ihre Eltern haben ihr Einverständnis dazu nicht gegeben. Drei anderen Kindern geht es genauso, sie schieben ihre Unterlippen nach vorn und hören schweigend zu. Aber, das tröstet das forsche Mädchen dann eben doch etwas: An der Königin gibt es nicht so viel zu sehen. „Ich dachte“, sagt das Mädchen, „dass sie ein Prinzessinnenkleid anhat.“

Eine Krone hat sie auch nicht auf. Das überrascht Jenny etwas, die auch mit im Feriencamp ist. Aber wirklich schert sich Jenny darum nicht, sie kocht nämlich mit der Königin, und ist damit sehr zufrieden. „Ich finde es ganz spaßig“, sagt Jenny. Und das geht ja vielleicht gerade deshalb, weil Königin Silvia auf kein Prinzessinnenkleid und keine Krone achten muss.

Die 70-Jährige hat sich eine Schürze überziehen lassen, knetet eine Mischung aus Hackfleisch und Senf in einer Plastiktüte und schnippelt Gemüse. Sie hat auch sonst keine Berührungsängste. „Bist du zufrieden damit?“, sagt sie zu einem Jungen, der ihr einen Holzspieß entgegenhält, auf den sie die Hackfleischmischung gedrückt hat.

Noch immer müssten Kinder auch in Deutschland mit traumatisierenden Schocks umgehen, sagt Kinderpsychiater Joest Martinius. Er arbeitet viel als Sachverständiger vor Gericht, aber ist auch ehrenamtlich für die Childhood Foundation tätig. Rund 15 Prozent aller Jungen und Mädchen haben ihm zufolge eine Missbrauchserfahrung. „Das sind enorm viele.“ Es gebe Nachholbedarf an Schulen und Internaten, in Vereinen und Ferienlagern. „Dafür ist der Staat nicht zuständig“, sagt Martinius.

„Nicht nur die Politiker, sondern die Allgemeinheit, wir alle - Eltern, Lehrer - wir alle müssen aufmerksam sein“, sagt Königin Silvia. „Früher war sexueller Missbrauch ein Tabuthema, und ist es vielerorts auch heute noch.“ Es sei einfach geschwiegen worden. „Das fand ich so furchtbar, dass ich darüber sprechen wollte. Das war ein Schock für manche.“

dpa

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