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Panorama Seine Heiligkeit im Schneidersitz
Nachrichten Panorama Seine Heiligkeit im Schneidersitz
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01:20 25.08.2014
Der Dalai Lama bei seinem Vortrag im Congress Centrum Hamburg. Über die Kopfhörer hört er die übersetzten Fragen von Moderator und Publikum. Quelle: Bodo Marks/dpa

Während sein deutscher Übersetzer spricht, lockert der Dalai Lama die Schnürsenkel seiner etwas klobigen, roten Halbschuhe, streift sie ab und zieht die Füße hoch, bis er im Schneidersitz auf seinem Sessel hockt. Ihm gegenüber sitzen 7000 Leute, die den Saal im Congress Centrum Hamburg bis auf den letzten Platz füllen. Die Security-Männer vor der Bühne lassen ihre misstrauischen Blicke routiniert über die Menge schweifen.

Der Besuch des Dalai Lama hat etwas von einem Spektakel. Mönche und Nonnen, die die gleichen weinrot-orangenen Roben tragen wie der Dalai Lama, stehen vor Beginn in Gruppen in der Vorhalle. Anhänger des buddhistischen Shugden-Kults, die gut eingeübt vor dem CCH demonstrieren, prangern den „falschen Dalai Lama“ an und zeigen ein Bild von ihm mit muslimischer Gebetskappe. Es gibt Werbung für einen esoterischen Kongress und für eine „spirituelle Buchhandlung“. Die „Christen in Altona“ warnen vor dem Buddhismus überhaupt.

Warten auf Seine Heiligkeit

Es hat ein bisschen gedauert, bis Seine Heiligkeit der Dalai Lama auf die Bühne kam. Er wurde angekündigt, 7000 Leute standen auf, warteten und schwiegen. Fünf Minuten lang war nichts zu hören als leises Husten, Flüstern und selten Gemurmel. Dann kam er, lächelte, winkte, verneigte sich und schritt die ganze Breite der Bühne ab, als wolle er jeden einzeln begrüßen. Die Menge begrüßte ihn mit vorsichtigem Applaus, als wage sie nicht, ihm zuzujubeln.

Jetzt sitzt er im Schneidersitz vor der Menge und plaudert; ein wenig so, als sitze er im Kloster im Kreis seiner Schüler und erteile eine spirituelle Unterweisung. Er spricht frei, ohne Notizen. Das Thema ist „säkulare Ethik“. Im Wesentlichen besagt sie, dass die Menschen einander lieben und respektieren sollen, und dass es besser ist, sie reden miteinander, als dass sie einander umbringen.

Dafür brauche man keine Religion. Er wolle niemanden zum Buddhismus bekehren. „Bleibt bei eurer eigenen Tradition!“

Nicht so sehr das, was er sagt, nimmt die Menschen für ihn ein, sondern das, was er ist. Das, was in vielen Kleinigkeiten zum Vorschein kommt. Einem kleinen Jungen, der mit einer Spiegelreflexkamera vor der Bühne steht, lässt er einen Bonbon reichen. Er erträgt es stoisch, dass ein Mann an ihm herumnestelt, um die Kopfhörer und Kabel zu richten, und scherzt über die beiden Verteilerboxen an seinem Oberkörper: „Mein Gehirn wird von diesen Maschinen kontrolliert. Von dort kommen alle diese Gedanken.“ Der Moderator fragt ihn nach dem Für und Wider von Waffenlieferungen in den Irak. „Ich bin nicht der Richtige für solche politischen Fragen“, sagt der Dalai Lama und legt sich zur Kühlung ein nasses Handtuch auf den kahlen Kopf. Die Fragen des Moderators ignoriert er meistens mit unbezwingbarer Freundlichkeit. Sie dienen ihm nur als Stichworte für seine Ausführungen über das Überwinden negativer Gefühle, religiöse Toleranz und den Weltfrieden.

Erst den Zuschauern, die am Ende des zweiten zweistündigen Vortrags zu Wort kommen, gelingt es, den Dalai Lama mit ihren Fragen ein wenig aus der Reserve zu locken. Ein Mann fragt, woher das Böse komme. Der Dalai Lama antwortet mit einem Scherz, den er einem Gottgläubigen gegenüber gemacht habe: „Wenn Gott die Hölle geschaffen hat, dann muss es auch Leute geben, die dort hingehen.“ Ein Kind will wissen, wie man sich verhalten solle, wenn man angegriffen werde. Der Dalai Lama empfiehlt: „Wenn du dich verteidigen kannst, verteidige dich. Wenn nicht, lauf weg.“ Wovor er Angst habe, fragt eine Frau. Vor Turbulenzen beim Fliegen, antwortet er, und vor Haien im Meer. „Wirkliche Angst hatte ich am 17. März 1959, als ich aus Tibet entkam. Ich musste einen Fluss überqueren“, und auf der anderen Seite war die Chinesische Befreiungsarmee.

„Ihr habt aufmerksam zugehört“, sagt er zum Abschied. „Daran merke ich, dass ihr mit Ernst bei der Sache seid. Wenn es euch nützlich erscheint, denkt darüber nach und redet mit euren Freunden darüber. Wenn nicht, vergesst es einfach.“

Der letzte seiner Art?
Der Dalai Lama („Ozean der Weisheit“) ist das geistliche Oberhaupt der Tibeter. Gläubigen gilt er als die Verkörperung des Buddhas der Barmherzigkeit.
Bis zum Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Tibet 1950 war er auch das weltliche Oberhaupt seines Volkes. Den Anspruch auf diese Funktion gab er 2011 an den Premierminister der Exil-Tibeter, Lobsang Sangay, ab.
Seit seiner Flucht aus dem besetzten Tibet während eines Aufstands von 100 000 Landsleuten im Jahr 1959 lebt der Dalai Lama in Indien, wo er eine Exilregierung aufbaute. Er hat wiederholt vor der Gefahr eines „kulturellen Völkermordes“ in Tibet gewarnt und sich für den friedlichen Widerstand eingesetzt. 1989 erhielt er den Friedensnobelpreis.
Geboren wurde er unter dem Namen Lhamo Dhondrup am 6. Juli 1935 im Dorf Taktser im Nordosten von Tibet.
1937 wurde er als Reinkarnation seines Vorgängers entdeckt. Die Reihe seiner Vorgänger reicht zurück zum Ende des 14. Jahrhunderts. Mit 15 Jahren wurde Tenzin Gyatso, wie sein Mönchsname lautet, Staatsoberhaupt von Tibet.
Ob es einen Nachfolger geben wird, lässt der 14. Dalai Lama noch offen. 2011 kündigte er an, wenn er „ungefähr 90“ sei, werde er entscheiden, ob die Institution weiterbestehen werde.
Vortragsreihe mit dem Dalai Lama: Heute von 9.30 bis 11.30 und 13.30 bis 15.30 Uhr und morgen von 9 bis zirka 11.30 Uhr im Congress Centrum Hamburg (CCH). Für beide Tage sind noch Karten erhältlich. Das Thema heute: „Das Leben meistern durch Geistesschulung“. Morgen leitet der Dalai Lama von 9 bis 11.30 Uhr einen buddhistischen Initiationsritus. Die Karten für heute kosten 60 Euro, die Karten für morgen 40 Euro. Wer an beiden Tagen dabei sein möchte, zahlt 80 Euro. Erhältlich am Ticket-Schalter. Infos: www.dalailama-hamburg.de



Hanno Kabel

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