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Panorama Sinkende IQ-Werte: Werden wir wieder dümmer?
Nachrichten Panorama Sinkende IQ-Werte: Werden wir wieder dümmer?
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09:18 08.09.2018
Der Intelligenzquotient in den westlichen Ländern stagniert Quelle: Daniel Reinhardt/dpa
Hannover

Sie hätten gerne, dass Ihr Kind hochbegabt ist, doch leider ist es nur durchschnittlich intelligent? Trösten Sie sich! Wer heutzutage bei einem Intelligenztest einen durchschnittlichen Intelligenzquotienten (IQ) von 100 vorweisen kann, hätte vor einem Jahrhundert einen IQ von 130 gehabt und hätte als hochbegabt gegolten. Denn die Menschen sind über die Jahrzehnte hinweg immer intelligenter geworden: Um 30 Punkte höher lag 2013 der Gesamt-IQ der Bevölkerung als noch im Jahr 1909.

Rückblick auf das Jahr 1984. James Flynn, Politologe von der University of Otago in Neuseeland, grübelte schon länger über einem Problem. Flynn wusste von einer Untersuchung, die amerikanische Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg miteinander verglichen und große Zuwächse bei den IQ-Werten festgestellt hatte. Er fragte sich nun, ob man die ganze Zeit vielleicht ein bedeutendes Phänomen übersehen hatte und solche Zuwächse eventuell weltweit anzutreffen wären.

Der Politologe trug alle Daten zusammen, die er in die Finger bekommen konnte. An einem eher langweiligen Sonnabend im November des Jahres hatte er dann eine echte „Bombe im Briefkasten“, wie er sich in einem seiner Bücher erinnert. Bei der „Bombe“ handelte es sich um die Daten einer dänischen Studie, die frappierende Intelligenzzuwächse dokumentierten. Im folgenden Jahr wurde er förmlich überschüttet mit Zahlen aus insgesamt 13 Nationen. Danach war für Flynn klar: Der Nachwuchs überflügelte jeweils im Schnitt seine Eltern in Sachen IQ, zumindest in den Industriestaaten.

„In den westlichen Ländern ist das Plateau erreicht“

Der sogenannte Flynn-Effekt wurde in den folgenden Jahrzehnten immer wieder bestätigt und fand sich schließlich auch in sich entwickelnden Staaten. Jahrzehntelang kannte die Entwicklung der Intelligenzwerte – mit kleinen Unterbrechungen – nur eine Richtung: nach oben. Doch mittlerweile scheint ein Ende der Fahnenstange erreicht. „Es gibt einige Studien, die eine Stagnation oder sogar Umkehrung des Flynn-Effekts zeigen“, sagt der Psychologe und Intelligenzforscher Heinrich Rindermann von der TU Chemnitz.

„Zumindest in den westlichen Ländern ist das Plateau erreicht, und in einigen findet sich gar ein leichter Rückgang des Effekts.“ Dem dänischen Psychologen Tom Teasdale fiel das als Erstem auf, nachdem er sich die Testergebnisse einer halben Million dänischer Soldaten zwischen 1959 und 2004 vorgeknöpft hatte. Der durchschnittliche IQ stieg bis zum Ende der Neunzigerjahre kontinuierlich an, stagnierte dann aber nicht nur, sondern fiel sogar um zwei IQ-Punkte ab.

Heutzutage gehen Intelligenzforscher davon aus, dass sich zumindest auch in Großbritannien, Frankreich, der Schweiz, Österreich und Deutschland das kleine „Intelligenzwunder“ abschwächt. In den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern dagegen steigt der durchschnittliche Intelligenzquotient weiterhin. „Die Möglichkeiten der Verbesserungen durch eine gut gestaltete Umwelt sind mittlerweile einfach erschöpft“, sagt Heinrich Rindermann mit Blick auf die Indus­triestaaten.

Eltern mit höherem IQ bekommen weniger Kinder

„Irgendwann sind die Menschen einer Gesellschaft gut ernährt, medizinisch versorgt und haben ausreichend Jahre an Bildung genossen.“ Jens Asendorpf, emeritierter Psychologe von der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin, sieht Parallelen zur Entwicklung der Körpergröße. „Diese hat ja auch im Laufe der Jahrzehnte zugenommen, was ebenfalls mit besserer Ernährung, medizinischer Versorgung und weniger Fehlentwicklungen in der Schwangerschaft zusammenhängt.“ Doch auch da sei mittlerweile ein Ende erreicht.

Doch warum sich der Flynn-Effekt sogar teilweise umkehrt, negativ wird, darüber streiten Intelligenzforscher. Einige meinen – überspitzt formuliert –, die „falschen“ Eltern würden sich fortpflanzen. Schließlich bekommen Menschen mit höherer Bildung und höheren IQ-Werten im Schnitt weniger Kinder. „Die Übertragung von Kompetenz auf die nächste Generation läuft sowohl über die Gene als auch durch das Bereitstellen von Entwicklungsumwelten“, erläutert Rindermann. „Wenn Menschen mit niedrigerer Bildung mehr Kinder bekommen, kann sich das negativ auswirken.“

Ein weiterer Faktor, den nicht nur Rindermann ins Spiel bringt: Immigration, die ebenfalls über Gene und Erziehung wirkt. „Länder wie Australien etwa profitieren von der Immigration.“ Wenn Migranten allerdings nicht wie in Australien aus eher bildungsnahen, sondern tendenziell aus bildungsferneren Schichten kommen, schneiden sie in IQ-Tests zunächst einmal schlechter ab.

Veränderung im IQ Norwegen Quelle: RND

Die Ökonomen Bernt Bratsberg und Ole Rogeberg vom Ragnar Frisch Centre for Economic Research in Oslo wollten diese möglichen Erklärungen eines negativen Flynn-Effekts nicht nur theoretisch durchspielen. Sie machten daher die Nagelprobe.

Für eine kürzlich in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ erschienenen Studie haben sich die beiden männliche Geschwister in norwegischen Familien angeschaut. Nach dem Motto: Ist der Jüngere, also der später Geborene, weniger intelligent, würde das für einen negativen Flynn-Effekt sprechen. Dafür zogen sie die Geburtsjahrgänge von 1962 bis 1991 heran und nahmen die Ergebnisse von Intelligenztests unter die Lupe, denen sich die Männer im Rahmen des Wehrdienstes unterzogen hatten.

Die Zahlen der norwegischen IQ-Tests stimmen recht gut mit den internationalen Trends überein: Stiegen die Testergebnisse bis zum Jahrgang 1975 auf mehr als 102 IQ-Punkte an, fielen sie bis zum Jahrgang 1990 ziemlich stetig auf unter 100 ab. Da sich die Veränderungen bei den Testpersonen innerhalb von Familien abgespielt hatten, liefen sie vor dem mehr oder weniger gleichen genetischen Hintergrund ab.

Einfluss von Genen und Umwelt

Da sie nun auch ohne genetische Veränderungen einen positiven und negativen Flynn-Effekt gefunden hätten, so die Logik der Forscher, könne es nicht an einer unterschiedlichen genetischen Durchmischung der Gesellschaft liegen. Alleine Umweltfaktoren könnten für die Entwicklung der IQ-Werte aufkommen. Welche das genau sein sollen, diese Antwort bleibt die Studie allerdings schuldig. Theoretisch möglich wären etwa unterschiedlich gute Bildungseinrichtungen im Laufe der Jahre.

Doch die Sache hat sowieso noch einen Haken. „Die Aussage, die gefundenen IQ-Unterschiede innerhalb der Familie wären rein umweltbedingt, ist falsch“, kritisiert Jens Asendorpf. „Denn die Forscher haben dabei unterschlagen, dass die Gene natürlich selbst zwischen Söhnen variieren – sofern sie keine eineiigen Zwillinge sind.“ Es handele sich also um einen Einfluss von Genen und Umwelt.

So oder so bleibt eine grundsätzliche Frage, die immer wieder im Raum steht. Kann man überhaupt feststellen, ob wir über Generationen hinweg wirklich erst klüger und jetzt vielleicht wieder etwas dümmer geworden sind? „Der IQ-Wert ist natürlich ein Normwert, der nur auf eine bestimmte Geburtskohorte hin normiert ist“, sagt Jens Asendorpf. Aber man könne schon das unterschiedliche Abschneiden einzelner Jahrgänge bei einem IQ-Test, der über viele Jahre hinweg verwendet wird, miteinander vergleichen. „Und diese Veränderungen kann man in IQ-Werte umrechnen.“

IQ-Tests wurden immer wieder nachjustiert

Tatsächlich mussten Psychologen die IQ-Tests im Laufe der Jahrzehnte immer wieder nachjustieren. Hatten die Teilnehmer früher im Schnitt etwa 20 Fragen eines IQ-Tests richtig beantwortet, hat man diesem Wert den IQ von 100 zugeschrieben. Wenn heutzutage im Schnitt 25 Aufgaben gelöst werden, dann weist man diesem Abschneiden auch den Wert 100 zu.

James Flynn, der Entdecker des nach ihm benannten Effekts, glaubt selbst nicht, dass sich die Leistung unserer grauen Zellen über Jahrzehnte hinweg wirklich gesteigert hätte. Unsere Vorfahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren nicht dümmer. Ihre Denkweise war nur viel weniger abstrakt. Wäre es anders, würde man auch zu äußerst merkwürdigen Schlussfolgerungen gelangen.

Ein Zeitreisender aus der heutigen Zeit wäre nicht nur um 1900 hochbegabt, was an sich schon ziemlich unglaublich klingt. Ein damals Lebender mit einem IQ von 100 würde auch umgekehrt aus heutiger Sicht bei 70 Punkten landen. Er wäre zu dumm, um wohl auch nur die Fußballregeln zu begreifen. Das erscheint dann doch allzu absurd.

Von Christian Wolf

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