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Teurer Jakobsweg: Der Kommerz wandert mit

Santiago de Compostela Teurer Jakobsweg: Der Kommerz wandert mit

Werbetafeln, fliegende Händler, überteuerte Unterkünfte: Viele wollen an den Pilgern nach Santiago verdienen.

Santiago de Compostela. Idyllisch schmiegt sich Saint-Chély-d‘Aubrac ins Flusstal ein, charaktervolle Steinhäuser säumen den Weg. In dem 545 Einwohner zählenden Dörfchen der südfranzösischen Region Midi-Pyrénées ist es mit der Ruhe aber vorbei: Der Ort liegt an der Via Podensis, dem vor allem bei Pilgern beliebten Jakobsweg. Inzwischen fallen Jahr für Jahr 25 000 Wanderer in Saint- Chély-d‘Aubrac ein.

Dort ist — wie auch in anderen Orten entlang des Jakobswegs bis nach Santiago de Compostela in Nordwest-Spanien — die Schlacht um das lukrative Geschäft mit den Pilgern voll entbrannt. „Wir haben Glück, auf dem Weg nach Santiago de Compostela zu liegen“, sagt Bürgermeister Jean-Claude Fotanier mit Stolz in der Stimme. In dem Örtchen gibt es neben der Grundschule eine Post und sogar ein Polizeirevier — keine Selbstverständlichkeit in einem Landstrich, aus dem immer mehr Menschen wegziehen. Früher sei es den Kommunen nicht wichtig gewesen, am Jakobsweg zu liegen, sagt der Bürgermeister: „Heute aber würden ihn viele gerne zu ihren Gunsten umlenken und von seinem unbestreitbaren wirtschaftlichen Segen profitieren.“

Manche halten Pilger für

„wandelnde Brieftaschen“

Quer durch Europa führen mehrere Jakobswege bis nach Santiago de Compostela. Der seit dem Mittelalter berühmte katholische Pilgerort erlebt seit einigen Jahren einen neuen Boom. Doch der Pilgeransturm bringt entlang des Jakobswegs viele kommerzielle Auswüchse mit sich: Werbetafeln — oft illegal angebracht — flankieren idyllische Landwege, Händler bieten Softdrinks feil, und einige Herbergenbetreiber suchen sich ihre Gäste direkt auf der Strecke. „Manche halten die Pilger für wandelnde Brieftaschen“, sagt Sébastien Pénari von der Association de coopération interrégionale (ACIR), der sich um die Erschließung des Jakobswegs kümmert. „Unter diesen Bedingungen verschwimmt die spirituelle Botschaft des Weges“, kritisiert er.

Die Pilger sprechen über ihre Wanderung meist mit Inbrunst. Sobald sie aber ihrer Begeisterung gebührend Ausdruck verliehen haben, klagen viele auch über „Tempelhändler“ entlang der Strecke, die „sich weigern, ein Glas Wasser umsonst zu geben“ oder „einfache Matratzen zu horrenden Preisen“ vermieten. Deshalb nehmen viele Pilger ihr Schicksal und ihre Iso-Matte selbst in die Hand:

Ihre Suche nach Genügsamkeit grenze manchmal an Knausrigkeit —, schimpfen wiederum diejenigen, die mit dem Weg ihren Lebensunterhalt bestreiten. Im Konkurrenzkampf geht es manchmal auch wenig fromm zu: „Jemand hat mein Werbeschild abgerissen und miese Gerüchte über meine Unterkunft verbreitet“, beklagt sich eine Vermieterin an der Pilgerstrecke.

Viele Hotels liegen zudem im Streit mit Herbergen auf Spendenbasis, die von den Pilgern nur einen freiwilligen Beitrag erbitten. Sie sprechen von unlauterem Wettbewerb. „Unter dem Deckmantel christlicher Solidarität horten manche beträchtliche Einkünfte, ohne Steuern und Gebühren abzuführen“, sagt Pénari von der ACIR. Das Geschäft mit dem Spirituellen umfasst auch All-Inclusive-Angebote für Pilger, Gepäckdienste und Merchandising-Artikel. Inzwischen wirkt sich der Massentourismus auch auf die Einstellung einiger Wanderer aus: Um anderen Pilgern zuvorzukommen, schicken sie sogar einen Fahrer voraus, der Betten am nächsten Reiseziel sichern soll. All das gefährdet laut Pénari die „Poesie des Weges“. Der Jakobsweg laufe Gefahr, „seinen einzigartigen Charakter zu verlieren und zum Allerweltsausflug zu werden“, sagt er und warnt: „Eines Tages wird der Eintrag als Weltkulturerbe der Unesco nicht mehr Bestand haben.“

 

OZ

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