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Unverletzt, aber nicht gesund - die vergessenen Terror-Opfer

Anschläge in Brüssel Unverletzt, aber nicht gesund - die vergessenen Terror-Opfer

Ein paar ausgetauschte Bodenfliesen, die stärker glänzen als die alten - viel mehr zeugt am Brüsseler Flughafen nicht von den Anschlägen vom März 2016. Das Leben der Opfer prägt der Terror jedoch bis heute. Auf Entschädigung warten viele noch immer.

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Katia Socquet (r) und Nicole Brion sind Opfer der Anschläge.

Quelle: Violetta Kuhn

Brüssel. Als sie die erste Explosion hört, beginnt Katia Socquet zu rennen. Die Druckwelle der zweiten Explosion schleudert sie gegen einen Ticketschalter in der Abflughalle des Brüsseler Flughafens.

Socquet rappelt sich auf und versteckt sich in einem Büro hinter einem Fotokopierer. Dort wartet sie voller Angst.

Es ist der 22. März 2016 - der Tag, an dem islamistische Terroristen in der Brüsseler Metro und am Flughafen mehrere Anschläge verüben. 35 Menschen sterben bei den Explosionen, darunter drei Attentäter. Mehr als 300 werden verletzt.

Socquet überlebt ohne äußeren Schaden. Aber heute sei sie eine andere, sagt die hagere 40-Jährige. Entschädigung vom Staat oder von der Versicherung habe sie auch ein knappes Jahr nach den Attacken nicht bekommen - auch weil sie sich lange nicht als Opfer gesehen habe. Von möglichen Rechten auf finanzielle Entschädigung habe sie erst spät erfahren.

Das belgische Justizministerium teilt mit, bis Anfang März hätten 387 Menschen offizielle Anträge auf Finanzhilfen gestellt. Erst rund 160 haben demnach die sogenannte Soforthilfe vom Staat bekommen. Die Prüfung der Anträge laufe nach gesetzlichen Vorschriften ab, heißt es beim Ministerium. Wenn alle notwendigen Nachweise erbracht würden, dauere es vier bis sechs Wochen bis zur Entscheidung. Danach werde das Geld ausgezahlt. Man bemühe sich, bei aller Bürokratie Menschlichkeit zu zeigen. Aber Wartezeiten seien normal, vor allem, wenn Versicherungen ins Spiel kämen.

Socquet hat nach eigenen Angaben nie einen Antrag auf Soforthilfe gestellt. Nach den Attentaten funktionierte sie einfach. Sie kehrte zurück zum Flughafen, arbeitete monatelang in ihrem Job als Sicherheitsangestellte und kontrollierte die Pässe von USA-Reisenden. Im Dezember jedoch brach sie zusammen. Sie nahm erst einen Monat Urlaub und ließ sich dann krankschreiben.

Was sie am Tag der Anschläge im Flughafen gesehen habe, verfolge sie bis heute, erzählt Socquet bei sich zu Hause, in einem Dorf ein paar Kilometer östlich der belgischen Hauptstadt Brüssel. Wie ein Kriegsschauplatz habe die Abflughalle ausgesehen, als Soldaten sie schließlich aus ihrem Versteck hinter dem Kopierer befreiten: Staub in der Luft, ein Chaos aus Trümmern und Koffern. „Man sieht alle möglichen Dinge“, erzählt Socquet und ihre Stimme bricht. „Leute, die tot sind, Blut überall, Leute, die dich anschauen, aber mit einem leeren Blick.“

Eine Frau bittet sie um Hilfe, sagt, sie spüre ihre Beine nicht mehr. Socquet hakt sie unter, doch als sie hinter sich Schreie hört, lässt sie die Frau fallen und rennt um ihr Leben. Draußen läuft sie weiter, bis ins nahegelegene Zaventem, wo ihre Schwester sie abholt. „Ich habe an meine Tochter gedacht“, sagt Socquet weinend. „Ich will nach Hause! Ich will sie in die Arme schließen!“

Wenn sie heute von ihrem Schicksal erzählt, braucht sie den Beistand ihrer Kollegin Nicole Brion, die ebenfalls am Tag der Anschläge arbeitete. „Auch wenn wir keine körperlichen Verletzungen davongetragen haben, ist es auch für uns schwer. Das verstehen die Leute nicht. Und das tut weh“, sagt Socquet.

Was die Opfer heute am dringendsten bräuchten, sei staatliche Anerkennung, sagt Philippe Vansteenkiste. Der 48-Jährige verlor seine Schwester bei dem Anschlag am Flughafen und gründete einige Monate später den Opferverein V-Europe, dem sich seinen Angaben zufolge mehr als 100 Betroffene angeschlossen haben.

Er betont: Opfer seien eben nicht nur Tote und körperlich Verletzte, sondern auch Menschen, die mit psychischen Spätfolgen kämpften oder Angehörige verloren hätten. Das lange Warten auf Hilfe lasse sie verzweifeln. „Man fühlt sich mehr und mehr im Stich gelassen“, sagt er. Im Februar, elf Monate nach den Anschlägen, brachte die belgische Regierung nun ein Gesetz auf den Weg, das Betroffenen einen offiziellen Status als Opfer zusichern soll - ähnlich wie Kriegsveteranen.

Socquet und Brion haben inzwischen gute Nachrichten bekommen. Ihre Sicherheitsfirma und die Versicherung erklärten sich bereit, die Anschläge als Arbeitsunfall anzuerkennen. Damit können die beiden Frauen nun leichter Hilfen beantragen. Ihnen stehen wohl eine Pension und die Erstattung der Kosten für Sitzungen beim Psychologen zu.

Nicole Brion will nicht zum Therapeuten gehen. Das liege ihr nicht, sagt die 51-Jährige. Sie arbeitet weiter am Flughafen. „Aber jedes Mal, wenn ich jemanden sehe, der ein bisschen anders ist, stelle ich mir Fragen.“ Erst wenn sie nach Hause komme, falle die Anspannung von ihr ab.

Socquet dagegen leidet unter schweren Ängsten und Panikattacken. Bei jedem lauten Geräusch draußen krampfe sich ihr Magen zusammen. Wenn sie einkaufen gehe, taxiere sie die Menschen in ihrer Umgebung, auf die Waren achte sie hingegen kaum. Erst seit kurzem mache sie sich nicht mehr „vor Angst in die Hose“, wenn ihrer Tochter beim Spielen ein Luftballon platze. Wann sie wieder arbeiten gehen kann, weiß sie nicht. „Für Leute, die die Anschläge nicht erlebt haben, geht das Leben weiter“, sagt sie. „Bei uns geht das nicht so schnell.“

dpa

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