Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Panorama Was macht eigentlich Salvador Sobral?
Nachrichten Panorama Was macht eigentlich Salvador Sobral?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:10 10.05.2018
Sieger wider Willen: der ESC-Gewinner des Jahres 2017, Salvador Sobral. Quelle: imago
Lissabon

Dass etwas nicht stimmte, das konnte jeder sehen und spüren an diesem 13. Mai 2017. Jeder der 7000 Zuschauer in der Arena in Kiew. Jeder der 180 Millionen TV-Zuschauer in ganz Europa. Da stand dieser schmächtige, zauselbärtige junge Portugiese mit Pferdeschwanz auf der Bühne des Eurovision Song Contest. Er stand etwas schief, er lief etwas wackelig, er wirkte etwas verloren in seinem Jackett. Aber was er sang, sackte ungefiltert direkt in die Herzen der Zuschauer. Mit dem Liebeslied „Amar Pelos Dois“ aus der Feder seiner Schwester Luísa löste der 27-Jährige einen kontinentalen Schutzreflex aus, der ihn am Ende des Abends zum Rekordsieger machte: Sobral gewann mit 758 Punkten – der höchsten je erzielten Punktzahl beim ESC.

Was folgte, war eine einzige Überforderung. Mehr als 50 Jahre hatte Portugal seit seiner ersten ESC-Teilnahme im Jahr 1964 auf den ersten Sieg gewartet. Nun stürzte die geballte nationale Freude den schmalschultrigen Sieger in eine tiefe Sinnkrise. Schon in der Nacht von Kiew hatte er gehadert mit dem Zirkus, hatte für „echte Musik“ geworben, wollte sein Lied als Gegenmodell zu den Plastikpopprodukten manches Konkurrenten verstanden wissen. Nun stand er selbst im Fokus des schrillen Kommerzspektakels, das der ESC in seiner jetzigen Form ist.

Attacke auf die „Fast-Food-Musik“

„Musik ist kein Feuerwerk, Musik ist ein Gefühl“, sagte er direkt nach seinem Sieg. „Wir aber leben in einer Welt voller austauschbarer Fast-Food-Musik ohne jede Bedeutung.“ Es war der Versuch, daran zu erinnern, worum es ihm ging: nicht um Ruhm, Glamour und Reichtum. Sein „Amar Pelos Dois“ („Liebe für uns zwei“) sei ein Sieg der Musik von Menschen, deren Tun etwas bedeute. Da schwang ein bisschen von der Hybris des Jazzmusikers mit, der sich im Schatten des Kommerzes stehend der Kunst verpflichtet fühlt und Popstar-Rituale als leeren Firlefanz tadelt.

Das fand nicht jeder seiner unterlegenen Konkurrenten witzig. Der Schwede Robin Bengtsson, der mit einem Plastikpopsong namens „I Can’t Go On“ Fünfter geworden war, fühlte sich direkt angesprochen und antwortete: „Glückwunsch zu deinem Sieg – aber die Rede nach dem Gewinn des ESC fand ich eines wahren Siegers nicht würdig. Es gibt Platz für jeden in der Musik.“

Langes Warten auf ein Spenderherz

Sobral freilich hatte da schon ganz andere Sorgen. Er hatte noch ein paar Konzerte gegeben – sein vorerst letztes am 8. September 2017 trug den Titel „Até Ja“ (Bis bald). Sein Herz wurde schwächer. In einem kurzen Video an seine Fans scherzte er schmerzhaft, vielleicht sei es an der Zeit, „meinen Körper der Wissenschaft zu übergeben“. Ab Ende September lag er im Santa-Cruz-Hospital vor den Toren Lissabons, dauerhaft überwacht und an ein künstliches Herz angeschlossen, und wartete auf ein Spenderorgan. „Niemand weiß, wie lange ich verschwunden sein werde“, teilte er mit – „vielleicht Gott, vielleicht auch E.T.“ Nicht mal enge Freunde durften ihn dort besuchen, nur seine Familie. Die monatelange Isolation war das Gegenteil der ESC-Blase. Ausgang ungewiss. Boulevardzeitungen schrieben, er liege im Sterben.

Erst kurz vor Weihnachten wurde ihm ein Spenderherz implantiert, doch sein Körper stieß es zunächst ab. Die Nieren versagten, die Medikamente überforderten seinen Organismus. Sobral kämpfte um sein Leben – und gewann. Im Frühjahr erholte er sich langsam. „Er wird ein normales Leben führen können“, ließen sich seine Ärzte nicht ohne Stolz zitieren.

Sobral ist froh, keine ESC-Beiträge hören zu müssen

Sobral selbst gibt kaum Interviews. In einem seiner seltenen Gespräche mit dem portugiesischen Blatt „Publico“ machte er unmissverständlich klar, dass sein Feldzug für „echte, wahre“ Musik gerade erst begonnen hat. Nein, sagte er, seit seinem Sieg beim ESC habe sich, was die Qualität der Musik angeht, nichts geändert. „Die Leute sagten: ,Jetzt nach deinem Sieg wird es doch sicher besser’ – aber nichts ist passiert.“ Als Negativbeispiel nannte er den erratischen, HipHop-meets-Hühnertanz-Partysong „Toy“ der israelischen Künstlerin Netta. „YouTube dachte, er könnte mir gefallen“, sagte er. „Also habe ich ihn angeklickt, und heraus kam etwas Schreckliches.“ Glücklicherweise müsse er in diesem Jahr keine weiteren ESC-Beiträge hören. Netta freilich gehört zu den haushohen Favoriten im ESC-Jahrgang 2018. Es sieht so aus, als sei das mit dem Eurovision Song Contest und Salvador Sobral irgendwie ein Missverständnis.

Überhaupt, diese Sache mit dem Ruhm: „Ich hoffe, die Menschen können eines Tages aufhören, mich als Salvador Sobral, den ESC-Sieger, zu sehen – und stattdessen wieder als Salvador Sobral, den Musiker“, sagte er. „Ich war nicht vorbereitet auf diesen Instant-Ruhm, für dessen Ausmaß es in Portugal nicht viele Vergleiche gibt.“ Als er nach dem Sieg in Kiew in Portugal eintraf, leergeweint und müde, habe er bloß gedacht: „Was habe ich getan?“ Sobral ist halt ein typischer Repräsentant jener charakteristischen portugiesischen Grundstimmung namens Saudade, die sich mit „Melancholie“ oder „Weltschmerz“ nur unzureichend übersetzen lässt und im Fado, dem portugiesischen Blues, ihren musikalischen Ausdruck findet. Es ist ein Leiden an der Welt, das keinen bestimmten Anlass braucht.

„Eine Art Hassliebe zwischen mir und dem Eurovision Song Contest

Aber: Der ESC habe ihm viele Tore geöffnet, die sonst vielleicht verschlossen geblieben wären, sagt Sobral. „Ich habe auf Jazz-Festivals gesungen, von denen ich nie geträumt habe. Ich bin in Spanien in wunderschönen Theatern aufgetreten. Es ist also eine Art Hassliebe zwischen mir und dem Eurovision Song Contest.“

Die hat Sobral nicht exklusiv. Nicht wenige Sieger hadern nach der Ruhmesexplosion mit dem ESC-Stempel. Auch Lena Meyer-Landrut etwa hat sich acht Jahre nach ihrem Sieg in Oslo behutsam vom Zirkus emanzipiert, hat ihren eigenen Weg gesucht und versucht, den frühen Triumph nicht als Ausrede für künstlerische Nachlässigkeit und Bequemlichkeit zu nutzen. Ganz anders dagegen der norwegische Sieger von 2008, der sympathische Fiedeltroll Alexander Rybak: Er tritt in diesem Jahr zum zweiten Mal an – und könnte weit kommen mit seinem Partysong „How To Write A Song“, Geige inklusive. Rybak ist quasi das Gegenmodell – ein Anti-Sobral, der sich in der ESC-Seifenblase wie ein Fisch im Wasser fühlt. Auch das gibt’s.

Das klingt ja immer kokett, wenn berühmte Menschen über ihren Ruhm klagen. In Wahrheit aber ist es tatsächlich eine Tortur, sich des plötzlichen Ruhmes pausenlos als würdig zu erweisen. Zur Projektionsfläche für Sehnsüchte und Selbsthass des Publikums zu werden, zur lebenden Marke, die ein Kokon aus Erwartungen, Ansprüchen, Hass, Kritik, Aufmerksamkeit und offensiver Fanliebe umgibt. Normal ist nichts in dieser Blase. Genau deshalb ist die Sehnsucht nach Normalität bei vielen Stars so groß – gerade bei solchen, die praktisch über Nacht berühmt wurden. Die sich also an die Segnungen der Anonymität, an die Freiheit des Nichtauffallens, noch sehr genau erinnern können.

Pausenauftritt mit seinem Idol Caetano Veloso

Beim Eurovision Song Contest, dessen Stattfinden auf portugiesischem Boden Sobral zu verdanken ist, wird er nach langer Unsicherheit tatsächlich auftreten – als Pausen-Act gemeinsam mit der brasilianischen Liedermacherlegende Caetano Veloso. Das sind die Helden, zu denen einer wie Sobral aufschaut – nicht zu Bono, Mick Jagger oder Bruce Springsteen. „Ich werde in Ohnmacht fallen“, sagt er. „Ich schlafe seit Wochen schlecht.“ Nach Chet Baker sei Veloso sein größtes Vorbild. „Es ist ein Wahnsinn.“

Ein Psychologe habe ihm mal gesagt, erzählt Sobral, dass er eine Gabe habe: „Er sagte mir: ,Sie reagieren sehr sensibel auf Menschen, Sie können spüren, was fühlen. Das ist gut, weil Sie ihre Nähe fühlen. Aber es ist auch schlecht, weil Sie sie manipulieren können.’“ In diesem Spannungsfeld lebe er. Seine Schwester komponiert derweil weiter, ihr fünften Album ist in Vorbereitung, gerade ist sie zum zweiten Mal Mutter geworden.

Im Oktober erscheint Sobrals neues Album, darauf findet sich auch ein Gedicht von Goncalo M. Tavares mit der Zeile „Ruhm ist der falsche Ausweg“, heißt es da. Am Ende, sagt Sobral, hätte alles um ihn herum noch viel schlimmer sein können. Für einen Haderer und Zauderer wie ihn, einen sensiblen Suchenden, klingt das schon ziemlich nah am Glück.

Mehr zum ESC 2018:
So lief das erste Halbfinale und Der ESC-Check.

Von Imre Grimm/RND

Koch und Kellner eines Restaurants in Berlin-Charlottenburg haben in der Nacht zu Himmelfahrt mit Messern aufeinander eingestochen. Der Streit entbrannte, nachdem ein Gast ein Essen zurückgegeben hatte.

10.05.2018

Sie suchen den Adrenalinkick und setzen dafür ihr Leben aufs Spiel: S-Bahn-Surfer, die sich selbst filmen. Die Gruppe „Berlin Kidz“ hat nun ein Video veröffentlicht, das schockt und auf scharfe Kritik stößt.

10.05.2018

Mit Saufgelagen hatte der Vater- oder auch Herrentag ursprünglich nur wenig zu tun. Stattdessen hat der Feiertag historische Wurzeln, die bis ins Mittelalter zurückreichen.

11.05.2018