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Analyse: Tortenattacke eint die Linke

Magdeburg Analyse: Tortenattacke eint die Linke

Eine Tortenattacke schreckt den Linken-Parteitag auf. Getroffen: Sahra Wagenknecht. Das eint die teils ziemlich ratlose Partei - aber wie lange der Solidaritätseffekt anhält, ist offen.

Magdeburg. Für ein paar Minuten steht der Parteitag still. Ein junger Mann in weißem Hemd hat gerade eine Cremetorte direkt ins Gesicht von Sahra Wagenknecht geschleudert. Die Fraktionschefin konnte sich nicht mehr wehren. Nun sitzt sie da, in der ersten Reihe, voller Tortenreste.

Schnell schirmen Katja Kipping und Dietmar Bartsch die Getroffene vor den Kameras ab. Bartsch begleitet sie durch einen Seitenausgang - dort steht die 46-Jährige in der Sonne und wischt sich erstmal ab, so gut es geht.

Drinnen herrscht noch Aufregung, Verwirrung, Bestürzung. Was sollte das? Unter Gejohle haben Aktivisten Flugblätter verteilt. Eine „antifaschistische Initiative „Torten für Menschenfeinde““ hält Wagenknecht darin ihre Aussagen zu Flüchtlingen vor. 

Die Frau von Ex-Parteichef Oskar Lafontaine hatte vor den Landtagswahlen im März mit Blick auf die Flüchtlinge von „Kapazitätsgrenzen und Grenzen der Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung“ gesprochen. In dem Flugblatt stellen die Aktivisten die Linken quasi der AfD gleich und vergleichen Wagenknecht mit der AfD-Politikerin Beatrix von Storch, die bereits im Februar Opfer einer Tortenattacke geworden war. Das Flugblatt endet mit den Worten „Antifaschismus kennt kein Parteibuch!“

Schnell zeigt sich, wie so eine Attacke die Reihen schließt. Im März hatte sich Parteichefin Kipping klar gegen Wagenknecht gestellt: Die Partei lehne Obergrenzen für Flüchtlinge ab. Die Wahlen endeten dann vor allem in Sachsen-Anhalt für die Linken im Desaster. Bei den Linken brachen Gräben wieder auf. Nun ruft Kipping: „Das war nicht nur ein Angriff auf Sahra, das war ein Angriff auf uns alle.“ Wagenknecht stehe wie alle Linken gegen Rassismus und Ausgrenzung. Die knapp 600 Delegierten jubeln.

In den vergangenen Tagen hat es nicht nach großer Einigkeit bei den Linken ausgesehen. Auch der Ärger über Wagenknechts Position zu Flüchtlingen ist noch nicht überall verraucht. „Das geht gar nicht“, sagt am Rande des Parteitags einer aus Mecklenburg-Vorpommern. Statt rhetorische Nähe zur AfD herzustellen, solle man möglichst wenig auf die Rechtskonservativen eingehen und das eigene Ding machen. Im Nordosten und in Berlin wird im September gewählt. Die Angst vor weiter schlechten Ergebnissen geht um. 

Was tun? Als soziale Alternative zu allen anderen will Wagenknecht die Linke in Stellung bringen. Im Gegensatz zu Vorgänger Gregor Gysi. Der wirbt angesichts von Pegida, AfD und Co. eher für ein linkes Regierungsprojekt mit SPD und Grünen, aber nicht auf dem Parteitag. Weil er keine Rede halten durfte, reiste er auch nicht an.

Parteichef Bernd Riexinger vermisst ein linkes Lager. „Ihr müsst nicht denken, dass mich das freut.“ Wer schon regiert oder bald regieren will, mahnt zu Optimismus, Mut und Realitätssinn. „Da hilft kein Populismus“, meint der Berliner Landeschef Klaus Lederer. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ist wie Gysi nicht da, er ist krank. Er hat sein Plädoyer fürs Regieren ins Netz gestellt: Er will die Linke als Partei, die sagt: „Eine progressive Regierung ohne Union ist möglich.“ Die Thüringer Landeschefin Susanne Hennig-Wellsow sagt den Delegierten: „Mir sind manche Antworten auf diesem Parteitag zu einfach.“

Da kommt Wagenknecht wieder. Fast alle stehen auf und klatschen - ein Applaus, wie ihn die Vertreterin der Linken bei den Linken auf einem Parteitag wohl noch nie hatte. Wieder makellos, das rote durch ein blaues Kleid ersetzt. In diesem Moment, so scheint es, könnte Wagenknecht alles von ihrer sonst oft widerborstigen Partei verlangen. Doch sie bleibt für diesen Moment erstmal stumm.

Eine gute halbe Stunde später sagt Wagenknecht doch etwas, aber nur ein paar Sätze vorerst: „Schlimmer als die ganze Torte finde ich die Beleidigung, mit Frau von Storch auf eine Ebene gestellt worden zu sein. Das ist echt eine Unverschämtheit.“ Da dürfte kaum jemand widersprechen.

dpa

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