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Bürgermeister von Lesbos: Maßnahmen an der Realität vorbei

Lesbos Bürgermeister von Lesbos: Maßnahmen an der Realität vorbei

Auf Lesbos schütteln viele nach dem Flüchtlingspakt nur den Kopf. Migranten setzen weiterhin in Schlauchbooten aus der Türkei über. Helfer befürchten einen Drehtüreffekt.

Lesbos. Zehn voll besetzte Schlauchboote erreichten in den frühen Morgenstunden die Ostküste von Lesbos. Viele weitere Migranten wurden in der Nacht bereits auf dem offenen Meer gerettet.

Allein Seenotkreuzer „Minden“ der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) nahm 77 Menschen aus einem heillos überfüllten Schlauchboot an Bord.

Die Rettung vor Lesbos ist mittlerweile gut organisiert, ebenso die Unterbringung der Menschen auf der Insel. Noch - denn jetzt gilt der europäisch-türkische Flüchtlingspakt, und der stellt alles auf den Kopf.

Spyros Galinos, der Bürgermeister von Lesbos, hat sie alle schon empfangen: Martin Schulz, den Präsidenten des EU-Parlaments; Dimitris Avramopoulos, den Migrationskommissar der EU; sogar Angelina Jolie gab sich als UN-Botschafterin für Flüchtlinge auf Lesbos die Ehre. Allein, gehört wurde der Inselchef nicht.

Und so sitzt Galinos jetzt ziemlich ratlos in einem Café am Hafen von Mytilini und rätselt über Sinn und vor allem Unsinn des Flüchtlingspakts. „Ich rekapituliere: Wir lassen also die Menschen weiterhin über das Meer reisen, um sie anschließend zurückzuschicken? Und die Schleuser verdienen sich weiterhin eine goldene Nase?“

Für einen, der von jeher forderte, die Registrierung der Migranten direkt in der Türkei vorzunehmen, damit die Menschen die gefährliche Reise über das Meer nicht auf sich nehmen müssen und gleichzeitig den Schmugglern das Handwerk gelegt wird, ist das nur sehr schwer verständlich.

Genauso unverständlich wie der Zeitrahmen der Brüsseler Übereinkunft: „Da suchen sie ein Jahr lang nach einer Lösung, und plötzlich heißt es, so, wir haben uns geeinigt, Ihr setzt das jetzt ab Sonntag um. Wie, ab Sonntag? Meinen die das ernst?!“

Galinos weiß es nicht, er weiß nur, dass aus Athen eine Order an die Polizeibehörde von Lesbos erging, von Sonntag an alle neu ankommenden Migranten in das Auffanglager Kara Tepe zu bringen. Damit aber ist er gar nicht einverstanden. „Wir haben die Situation hier mit verschiedenen Auffanglagern sehr gut im Griff. Wir haben bewusst Syrer anderswo untergebracht als afghanische Staatsbürger. All das gerät jetzt aus den Fugen.“

Fragt man die freiwilligen Helfer, die an den Stränden der Insel Wache schieben, um Flüchtlingsboote rechtzeitig zu entdecken und sicher an Land zu lotsen, fällt die Reaktion ähnlich aus. „Brüssel ist genauso weit von Lesbos entfernt wie zuvor - wenn nicht weiter“, sagt einer der Freiwilligen.

Welche Auswirkungen der Pakt haben wird, darüber können die Hilfsorganisationen nur spekulieren. Schon jetzt aber registrieren sie, dass die Migranten eher wieder mitten in der Nacht übersetzen, anstatt die Morgendämmerung abzuwarten. Sie möchten nicht entdeckt werden, sie möchten auch nicht aus dem Meer gerettet werden, denn vielleicht lässt sich dadurch ja die Rückführung in die Türkei vermeiden, wenn nicht eindeutig klar ist, zu welchem Zeitpunkt sie europäischen Boden erreicht haben.

Aus diesem Grund befürchtet man auf Lesbos eine Art „Drehtüreffekt“: Die Migranten kommen, werden in die Türkei zurückgeschickt und versuchen es wieder, in der Hoffnung, es doch noch irgendwie zu schaffen.

Denn in einem ist man sich auf Lesbos einig, und Bürgermeister Galinos bringt es auf den Punkt: „Man hat uns die Frontex geschickt, man hat uns die Nato geschickt und jetzt hat man einen Flüchtlingspakt beschlossen. Aber wer vor Bomben flieht, wird weiter versuchen, nach Europa zu gelangen.“ 

dpa

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