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Nachrichten Politik Chemnitz, die Stadt des Unbehagens
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16:56 31.10.2018
Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier besuchen Chemnitz. Die Stadt musste erst einen Umgang mit der Trauer, dann einen Umgang mit der Wut finden. Für viele kommt der Besuch zu spät- Quelle: Andreas Seidel
Chemnitz

Masoud Hashemi beißt die Zähne zusammen. Der schmale 52-Jährige hat noch immer Schmerzen. Aber er macht weiter. „Ich muss stark bleiben“, sagt er leise, „damit die Nazis nicht denken, sie hätten gewonnen.“ Sein persisches Restaurant „Safran“ am Chemnitzer Schlossteich hat geöffnet, heißer Tee steht für die Gäste bereit und auch der alte Samowar steht wieder auf seinem Platz neben der Eingangstür, wenn auch etwas schief. Mit dem schweren Dekorationsstück hatten die Angreifer nach Hashemi geworfen – er duckte sich hinter die Theke, das Geschoss verfehlte ihn. „Heil Hitler!“ hatten die beiden Männer mit Motorradhelmen und schwarzer Kleidung gerufen, dann seien sie auf ihn zugestürmt, hätten ihn geschlagen und gewürgt, berichtet Hashemi. Eine Woche lang lag er im Krankenhaus.

Der Überfall ist jetzt vier Wochen her. Es gibt neue Tatorte in einer Stadt, die nicht zur Ruhe kommt. Vier Mal traf es Chemnitzer Restaurants. Restaurants sind auffällige Ziele, sie sind, wenn man möchte, Botschaften der Vielfalt. Sie sind auch einfache Ziele, haben große Scheiben und offene Türen. Es begann mit dem jüdischen Restaurant „Schalom“. Am 27. August bewarf ein Mob die Scheiben mit Steinen und Eisenstangen, Inhaber Uwe Dziuballa wurde an der Schulter getroffen. Es setzte sich fort am persischen Lokal „Schmetterling“, dessen Scheibe zerkratzt wurde, dann folgte der Überfall auf Hashemi, zuletzt brannte das türkische Lokal „Mangal“ komplett aus. Wenn das eine Serie ist, dann eskaliert schon wieder etwas in Chemnitz. Ob es eine Serie ist, weiß natürlich keiner, der Staatsschutz ermittelt in allen Fällen. Niemand soll der Polizei in Chemnitz noch einmal Versäumnisse vorwerfen können. Auch vor Hashemis Lokal fährt jetzt öfter eine Polizeistreife vorbei. Dennoch hat der Wirt Angst. Nicht um sich selbst, sagt er. Wer wie er im Ersten Golfkrieg Giftgas eingeatmet hat, der schaut anders auf Bedrohungen. „Aber ich habe Angst um meine Angestellten, um meine Nachbarn.“ Das „Safran“ liegt im Erdgeschoss eines 15-stöckigen Wohnturms.

Masoud Hachemi in seinem Lokal am Schlossteich. Er sagt sich, er müsse stark bleiben, „damit die Nazis nicht denken, sie hätten gewonnen“. Quelle: Andreas Seidel

Gleich um die Ecke liegt die Schlossteichinsel, die in allen Medienberichten auftauchte, weil sich hier eine selbsternannte Bürgerwehr austobte, zu der auch Mitglieder der mutmaßlichen Rechtsterror-Zelle „Revolution Chemnitz“ gehörten. Acht Terrorverdächtige sitzen weiter in Untersuchungshaft, die Ermittler in Karlsruhe und Dresden werten weiter ihre Chats und Querverbindungen aus, gehen Jahre zurück. Jetzt wird alles aufgegraben an rechtsextremen Strukturen, was die letzten Jahre unter der Decke blieb.

Der Name Chemnitz, verbunden mit einem rechtsextremen Mob

Aber geklärt ist nichts in Chemnitz. Nicht der Vorfall, mit dem alles begann. Und nicht, wie es weitergehen soll. Gut zwei Monate nach dem Tod des 35-jährigen Daniel H. durch einen mutmaßlich von einem Asylbewerber begangenen Messerangriff kommen nun die Spitzen des Staates in die Stadt. Am Donnerstag wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Gewerbetreibenden und Bürgern diskutieren, auch Masoud Hashemi wird an der „Kaffeetafel“ des Präsidenten Platz nehmen. Am 16. November folgt dann Bundeskanzlerin Angela Merkel, sie wird mit Lesern der „Freien Presse“ diskutieren. Sie kommen in eine Stadt, die auf der Suche nach Normalität ist, nach einem Neuanfang. Nach einem Weg, mit der Wut umzugehen, die sich auf der Straße entlud. Mit der globalen Aufmerksamkeit der Medien, die den Namen „Chemnitz“ über alle Kontinente verbreiteten, als Namen einer Stadt, in der ein rechtsextremer Mob durch die Straßen zieht.

Der Schock ist einem Unbehagen gewichen

Am Tatort stehen die Blumen nun ordentlich in Vasen und trotzen dem kalten Wind. In der Stadt ist der Schock der ersten Tage einem tief sitzenden Unbehagen gewichen. Kommen Steinmeier und Merkel vielleicht zu spät? Hätten sie gleich in der ersten Woche anreisen müssen, wie Familienministerin Franziska Giffey (SPD) und die Toten Hosen? Bei einer Hochwasser-Katastrophe fliegen auch immer sofort die Chefs ein, nicht zwei Monate später. Wie ist es in einer Stadt, die trauert und zugleich merkt, dass sie vielleicht zu lange die rechtsextremen Strukturen ignoriert hat, die sich gebildet haben?

Die Brückstraße ist Tatort und Ort der Trauer zugleich. Quelle: Andreas Seidel

Jeden Freitag demonstriert die rechtsradikale Bürgerinitiative „Pro Chemnitz“ vor dem Karl-Marx-Kopf, für diese Wochen haben sie den österreichischen Rechtsextremen Martin Sellner eingeladen. „Pro Chemnitz“-Chef Martin Kohlmann galt in der Stadt vor dem Sommer als vernachlässigbare Größe. Doch seit Ende August kennt ihn die ganze Republik. Für die Presse ist er zurzeit nicht zu sprechen. Sein Büroleiter Benjamin Jahn Zschocke redet umso lieber: „Uns unterstützt jetzt das Bürgertum“, sagt er, „Ärzte, Rechtsanwälte, Bundesbedienstete. Vor acht Wochen hätten die sich das noch nicht getraut.“ Doch beim Merkel-Besuch wolle man wieder bis zu Zehntausend Menschen auf die Straße bringen, wie am 1. September, als sich Pro Chemnitz dem Trauermarsch der AfD anschloss. „Bürgerlicher Protest“, sei das, was „Pro Chemnitz“ veranstalte. Dass auch Mitglieder von „Revolution Chemnitz“ bei den Demos gesehen wurden, bedeute nichts. „Wir können es nicht verhindern, dass sich Leute auf uns berufen“, wiegelt Jahn Zschocke ab. Bis kommenden Juni sind die Proteste angemeldet, jeden Freitagabend vor dem Nischel, wie man das Marx-Monument hier nennt. Zuletzt sanken die Teilnehmerzahlen. Für den 9. November ist auch wieder eine große Gegendemo geplant. Der Besuch der angeschlagenen Kanzlerin aber verändert die Lage.

„Das ist wie bei einem Karussell“, sagt Uwe Dziuballa. „Das läuft langsamer und langsamer – und jetzt bekommt es wieder eine neue Fahrt. Jetzt beginnt alles wieder von vorne.“ Uwe Dziuballa ist der Wirt des „Schalom“. Seit die Zeitungen vom Mob vor seinem Lokal schrieben, rannten Presse und Politprominenz ihm die Bude ein. Er wählte aus, sagte ab, und war doch im Auge des Wirbelsturms. Er erinnert sich an die Politiker, die eigentlich nur Selfies wollten, und auch an die guten Gespräche. Cem Özdemir sei mehrere Stunden geblieben, es war fast wie ein privater Abend. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) saßen mit Dziuballa zusammen und kamen hier, im Auge des Sturms, ein bisschen zur Ruhe.

„Wenn ich jede Todesdrohung ernst nehmen würde, könnte ich das hier nicht mehr machen“

Wir treffen uns mittags im „Schalom“. Eigentlich ist geschlossen, aber an den Tischen sitzen Kinder vor Pitabroten und Apfelschorle. Dziuballas Bruder Lars hält gerade einen Vortrag über das Judentum und jüdisches Leben, für die Schüler ist es Teil des Ethikunterrichts. „Auch das ist Chemnitz“, sagt Lars Dziuballa stolz. Und sein Bruder: „Wenn ich jede Todesdrohung auf meinem Anrufbeantworter ernst nehmen würde, könnte ich das hier nicht mehr machen.“ Ja, er sehe sich im Auge des Wirbelsturms, auch auf eine andere Weise: Dass in den Regionen um Chemnitz die Rechtsextremen stark sind, sei ihm natürlich bewusst. Aber soll er sich davon sein Leben bestimmen lassen?

Uwe Dziuballa hätte sich einen früheren Besuch von Merkel und Steinmeier gewünscht, „als Blitzableiter. Und als Zeichen: Chemnitz ist Deutschland“. Quelle: Andreas Seidel

Es ist dieser Trotz, den sich Dziuballa für die ganze Stadt wünscht. Er spricht von einem „Not-Stolz“, der die Chemnitzer jetzt erfasst. Bei einigen führt das dann dazu, dass sie bei „Pro Chemnitz“ mitmarschieren. Bei anderen sollte es zu einer „Neubelebung demokratischer Strukturen“ führen, hofft er. Und deswegen wäre es wichtig gewesen, dass Steinmeier und Merkel früher gekommen wären. „Ich hätte mir einen zeitnahen Besuch gewünscht, auch als Blitzableiter. Und als Zeichen: Chemnitz ist Deutschland. Dann könnten wir hier die kleinen Bausteine zur Stärkung der Demokratie zusammensetzen.“

Einer, der sich mit dem Aufbauen auskennt, sitzt in seiner Villa am Südrand der Stadt. Von hier hat Hans Freitag einen Blick bis weit ins Erzgebirge. Mit der Gewerbeanmeldung Nummer 1 gründete er noch im Dezember 1989 seine Software-Firma Sigma. Als einer der wenigen sächsischen Wirtschafts-Aufsteiger hielt er engen Kontakt zur Politik. Mit dem ersten Nachwende-Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) reiste Freitag durch China, als Vorzeige-Unternehmer einer postsozialistischen Industriegesellschaft.

Die sächsischen Bürger „machen die Politik nicht mit“

Schon lange hat Freitag die Firma seiner Tochter überschrieben. Er macht sich Sorgen um Sachsen und Chemnitz und spart nicht mit Kritik an seinesgleichen. „Es hat sich nach der Wende kein richtiges Bildungsbürgertum entwickelt“, sagt er. Von den wirtschaftlichen Aufsteigern waren nur wenige in die Politik involviert. Die Folge sei eine gegenseitige Sprachlosigkeit. Die sächsischen Bürger, die Aufsteiger der vergangenen 29 Jahre, „sie machen die Politik nicht mit“. Das lähme das kulturelle und geistige Potenzial Sachsens. Freitag glaubt zwar immer noch an die sächsische CDU und lobt den unermüdlichen Ministerpräsidenten Kretschmer. Doch dass Demokratie nur mit eigenem Engagement funktioniert, hätten gerade in Chemnitz zu wenige verstanden, kritisiert er. „Die Leute müssen selbst was machen“, fordert er. Vor seinen Fenstern liegt das Erzgebirge im Dunkeln.

Von Freitags Villa einmal ins Tal und wieder hinauf auf den Kaßberg, landet man im bürgerlichsten Viertel von Chemnitz. Weil alles mit allem zusammenhängt, ist der Kaßberg auch der Ort, an dem AfD-Chef Alexander Gauland aufwuchs, bevor er 1959 zum Studium die DDR verließ. Aber Gauland hat auf dem Kaßberg keine Spuren hinterlassen. Wenn unten in der Stadt demonstriert wird, geht hier oben alles seinen gemächlichen Gang. Hier gibt es Bioläden und Himbeertarte, die man in Leipzig lange suchen müsste. Hier liegt im Buchladen „Lessing und Kompanie“ das Buch „Gegen den Hass“ der Publizistin Carolin Emcke aus. Die Buchhändler Susanne Meysick und Klaus Kowalke haben Emcke für den 26. November nach Chemnitz eingeladen. Sie tun, was sie können, und sind dennoch voller Unbehagen.

„Die holt man nicht mehr zurück. Das ist zu spät.“

So fühlt sich auch die Frau, die gerade das Café mit der grandiosen Himbeertarte betritt, und die ihren Namen nicht preisgibt. Sie schreibt den Blog „remarx“ mit sehr klugen Beobachtungen über die Stadt und ihre Kultur. Einige Wochen nach der Eskalation veröffentlichte sie einen Text mit dem Titel „Es gibt ein richtiges Chemnitz im Falschen“ und gab dem Trotz eine Stimme. „Jetzt prasselt die Realität auf uns ein wie Starkregen“, schreibt sie dort, und: „Vermutlich leiden wir alle an einer Art Stockholm-Syndrom und halten deshalb auch so krass zusammen.“ Nach diesem Text war die Leere noch ein bisschen stärker, sagt sie: „Der Impuls war: Ich ziehe weg. Aber natürlich mache ich das nicht.“ Vor dem Merkel-Besuch hat sie Angst, „weil dann die ganzen Idioten wieder ihren dummen Parolen brüllen“. Diejenigen, die Freitagabend am Nischel stehen, auch die AfD-Wähler und Wutbürger, seien von niemandem mehr zu erreichen. „Die holt man nicht mehr zurück. Das ist zu spät.“ Aber aufgeben, Chemnitz aufgeben, kommt nicht in Frage. Wenn nur das Unbehagen nicht wäre. „Es ist leicht, zu sagen, man darf jetzt keine Angst haben“, meint sie. „Es ist nur nicht so leicht, keine zu haben.“

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Masoud Hashemi, der „Safran“-Wirt, ist noch etwas unsicher vor seinem Treffen mit Steinmeier. Er hat gefragt, ob er seine Frau oder einen Dolmetscher mitnehmen darf zur Kaffeetafel mit dem Bundespräsidenten. Er befürchtet, sonst nicht die richtigen Worte zu finden, sich in der deutschen Sprache zu verheddern. Was Hashemi sagen will, weiß er aber sehr genau. Im Iran war er Kameramann und Journalist, sein verstorbener Vater war Geschichtsprofessor. Über die deutschen Katastrophen des 20. Jahrhunderts weiß er nur zu gut Bescheid. „In Chemnitz gibt es viele Baustellen“, sagt er, „die Stadt sieht wieder schön aus. Das ist gut. Aber das wichtigste ist die Baustelle im Kopf.“ Da passiere noch zu wenig in der Stadt. „Es gibt eine – sage ich das richtig? – kulturelle Armut bei einigen Leuten hier.“ Chemnitz solle auf Kultur setzen, auf Bildung, auf die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025, findet er. Das ist in sieben Jahren. Masoud Hashemi will dann noch da sein.

Von Jan Sternberg/RND

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