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Das EU-Referendum spaltet die Briten

London Das EU-Referendum spaltet die Briten

Die Briten sind zutiefst gespalten. Längst ist die Debatte um das EU-Referendum zum Glaubenskrieg geworden. Doch die Ermordung einer jungen Abgeordneten wirft ein neues Licht auf die Abstimmung. Dreht der Wind in Richtung Drinbleiben?

London. Es war unabsehbar. Eine Woche vor dem britischen EU-Referendum geschah das Unfassbare. Die britische Abgeordnete und Pro-EU-Politikerin Jo Cox (41) wurde auf offener Straße ermordet. Das Land war geschockt, für ein paar Tage ruhte der Wahlkampf.

Erste Umfragen zeigen, dass das Pro-EU-Lager wieder aufholt. Auch das britische Pfund hat sich nach vorheriger Talfahrt etwas erholt. Brexit-Wortführer Nigel Farage räumt offen ein, dass seinem Lager ein wenig der Schwung genommen sei. Bedeutete der Mord an der jungen Frau eine Trendwende?

Tatsächlich hatte sich die Debatte in den vergangenen Wochen und Tagen erheblich verschärft. Längst ging es nicht mehr um Vernunft und rationale Argumente, diffuse Ängste und gezielte Panikmache beherrschten den Wahlkampf. Ob EU-Fans oder Brexit-Befürworter - leere Sprechblasen, schrille Anschuldigen und wilde Spekulationen waren angesagt.

Beispiel: Die Standardgeste des rechtspopulistischen Austrittswortführers Nigel Farage, die er bei kaum einem Auftritt ausließ. Betont langsam und theatralisch zog der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei einen britischen Pass aus der Tasche - einen roten EU-Pass, wie man ihn heute hat. „Das ist kein britischer Pass“, höhnte „Mr. Brexit“. „Das ist ein EU-Pass.“

Längst ist aus der Frage „Rausgehen oder Drinbleiben“ ein Glaubenskrieg geworden, es geht um hochfliegende nationale Gefühle - Erinnerungen an die große Zeit des britischen Empire schwingen mit.

Noch etwas verstehen Austrittsbefürworter wie Londons ehemaliger Bürgermeister Boris Johnson und Farage geschickt zu instrumentalisieren: die tief sitzenden Ängste vor einer deutschen Vorherrschaft in Europa. Kaum eine Rede, in der Farage nicht auf Kanzlerin Angela Merkel eindrosch. Die Frage ist: Verfängt soviel Polemik beim Wähler?

Doch auch Cameron und die EU-Befürworter schossen scharf, schürten Ängste. Immer dreister beschwor der Premier Horrorszenarien, die mit einem Brexit angeblich unausweichlich über die Briten hereinbrechen werden: Preiserhöhungen, Exportprobleme, Rezession. So viel Angstmache könnte beim Wähler unliebsame Trotzreaktionen hervorrufen, nach dem Motto: Jetzt stimmen wir erst recht für den Austritt.

Helle Aufregung herrschte zeitweise in der Londoner City. Kaum eine Großbank, die nicht im Brexit-Fall schwere Turbulenzen fürchtet. Selbst die Investorlegende George Soros meldet sich zu Wort, fürchtet einen „schwarzen Freitag“, falls die Briten tatsächlich für Rausgehen plädieren stimmen sollten.

Ein weiteres Thema, das mächtig anheizt: Migration. Geschickt haben die Brexit-Fans das hoch emotionalisierte Thema in die Debatte geworfen. Es ist zugleich Camerons Achillesferse - tatsächlich ist es ihm nicht gelungen, die Zahl der Zuwanderer in den vergangenen Jahren effektiv zu senken.

„Die Briten sehen die EU ganz anders als die Kontinentaleuropäer“, meinte ein westlicher Diplomat unlängst. Der britische Politologe Iain Bregg erklärt das so: Während es für Franzosen, Niederländer und Deutsche bei der europäischen Integration stets auch um „Friedensarbeit“ nach dem Weltkriegsschock ging, sehen Briten die Gemeinschaft ganz prosaisch als Freihandelszone. Kein Zufall: Wenn Cameron von der EU spricht, spricht er stets vom „common market“ oder vom „single market“. Hochfliegende Pläne von mehr Einheit, mehr Zusammenwachsen in Europa? Bei ihm Fehlanzeige.

Ratlos und verunsichert lassen die Wähler die Wortkaskaden der Politiker über sich ergehen. „Ist es wirklich richtig, dass ein Austritt zwangsläufig in die ökonomische Katastrophe führt?“, meint eine junge Frau im Arbeiter- und Migrantenviertel Walthamstow, die eigentlich für Drinbleiben stimmen will. Wer will das beurteilen? „Löst ein Austritt wirklich alle Probleme?“, fragt ein britischer Rentner.

Allerdings: Ob der Tod der Abgeordneten tatsächlich eine Trendwende auslöst, die bis zum Gang in die Wahlurne anhält, ist unklar. Noch sind viele Wähler unentschlossen. Experten kennen ein Syndrom bei Unabhängigkeitsvoten: Kurz vor dem Betreten der Wahlkabine kriegen Wähler Angst vor der eigenen Courage - und kreuzen dann doch „Drinbleiben“ an.  

dpa

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