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08:00 01.12.2018
Martin Luther dominiert den Marktplatz von Eisleben. Quelle: dpa
Eisleben

Jedes Jahr mit dem Winter beginnt meine Lesereise durch Deutschland. Wenn es dunkel und kalt wird, gehen die Menschen besonders gern zu Lesungen und Konzerten. Jedes Jahr lerne ich neue Orte kennen. Jetzt standen mir unbekannte Siedlungen auf dem Reiseplan: Neustadt an der Saale, Burg bei Magdeburg, Lutherstadt Eisleben.

Letztere kam mir bekannt vor. Vor 28 Jahren waren meine Frau und ihr damaliger Mann, ein lettischer Fotograf, als jüdische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und wurden in Eisleben einquartiert. Sie fühlten sich von der Welt abgeschnitten, gefangen in der ostdeutschen Einöde.

Also ist Olga nach Berlin zur jüdischen Gemeinde gefahren und hat erzählt, sie könne nicht in Eisleben bleiben, dort gebe es nicht einmal eine Synagoge. In Wahrheit waren sie und ihr Mann aufgeklärte Atheisten, sie wollten nur nach Berlin. Sie wurden erhört und nach Berlin-Marzahn versetzt.

Jetzt, fast 30 Jahre später, kam vor der Lesung ein Mann auf mich zu und meinte, ich solle unbedingt bei Tageslicht Eisleben erleben und die Synagoge besuchen. Auf seiner Visitenkarte stand: „Vorstand der Synagogengemeinde zu Eisleben“. „In unserer Stadt gibt es keine jüdische Gemeinde“, erzählte er mir, „und auch keine Juden. Aber es gibt eine alte Synagoge, eine Ruine, die wir ehrenamtlich restaurieren und betreuen.“

Sie waren in meiner Lesung, eine Gruppe deutscher Atheisten, die eine Synagoge in der Clara-Zetkin-Straße betreuen, in der Lutherstadt, in der es keine Juden gibt, weil sie vermutlich alle vor 30 Jahren nach Marzahn abgewandert sind.

Wladimir Kaminer ist gebürtiger Moskauer und Autor in Berlin.

Von Wladimir Kaminer

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