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Feier-Abend: Wowereit tritt zurück

Berlin Feier-Abend: Wowereit tritt zurück

Der 60-Jährige war Deutschlands dienstältester Regierungschef. Doch die Probleme Berlins wuchsen, die Popularität schwand.

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Berlin. Ganz in Taubenblau gekleidet betritt Berlins Regierender den proppevollen Pressesaal des Roten Rathauses. Die vier Bodyguards wissen seit 13 Jahren, wo es mit ihrem Chef lang geht. Termine mit der Presse sind in der Regel keine Gefahr, außer dass Klaus Wowereit viele davon einfach nicht mag, weil die Themen auf den Nerv gehen: Die Rollkoffer der Touristen stören, den städtischen Brunnen fehlt das Wasser, der Oma die Sicherheit im Kiez und vielen Einwohnern mittlerweile eine bezahlbare Wohnperspektive.

Derlei zu regeln ist in Berlin das Thema der Bezirke, aber es hat sich so gefügt, dass für alles und für jeden immer der Regierende Bürgermeister zur Rechenschaft gezogen wird. „Es tut mir unglaublich leid, dass er nicht auf der Höhe seiner Beliebtheit Abschied nehmen konnte“, sagt der Neuköllner SPD-Bundestagsabgeordnete Fritz Felgentreu. „Aber er hätte den Ansehensverlust bei der Bevölkerung nicht wieder aufholen können.“ Er selbst habe den Rücktritt schon seit längerer Zeit für richtig gehalten.

Die Partei werde sich nun „im Konsens oder im Konflikt auf einen Kandidaten einigen. Und dann werden wir aufholen. Denn Wahlkampf können wir.“ Durchhalteparolen kennt die Berliner SPD zur Genüge. In der Bundes-SPD glaubt man nicht unbedingt an deren Erfolg. Man hat Sorge, dass sich in der Hauptstadt womöglich Union und Grüne verbünden könnten, zum Schaden der SPD. Vielleicht wird deshalb auch nach Kandidaten von außerhalb gesucht. Auch wenn die Stadt-SPD damit kaum gute Erfahrungen gesammelt hat.

Wowereit spielt Golf, war mal stellvertretender Bundesvorsitzender der ältesten deutschen demokratischen Partei, es hat nicht viel gefehlt und er wäre beim letzten Mal vielleicht sogar Kanzlerkandidat geworden. Jetzt ist Wowereit fertig. Mit kaum verborgenen Tränen in den Augen sagt er: „Ich gehe freiwillig, und ich bin stolz auf meinen Beitrag, den ich für Berlin geleistet habe.“

Am 11. Dezember steht eine reguläre Senatssitzung an, bis dahin könnte sich eine oder einer aus der SPD-Schar als sein Nachfolger durchgesetzt haben. Dann würde ansatzlos weiterregiert. „Ich habe den Koalitionsvertrag gar nicht unterschrieben, und ich habe nicht gehört, dass die CDU die Koalition aufkündigen will.“ Auch am Tag des eingeleiteten amtlichen Rückzuges sieht manches so aus, als sei alles ganz normal. Einer geht, andere kommen. Berlin bleibt. Das Problem ist, Wowereit hinterlässt eine tief verschuldete Metropole, und er scheidet aus einem Flughafen-Aufsichtsrat aus, in dem keiner weiß, ob, wann und wie das Superding BER wirklich grünes Licht erhält. 2012 sollte es sein, jetzt wird bereits über das Jahr 2018 gespottet.

So eine Stadt will sich um die Olympischen Spiele bewerben? Die Taxifahrerin, die vor dem Roten Rathaus das Ende der Wowereit-tschüss-Pressekonferenz abgewartet hat, sagt mit schönen kurzen Worten, was viele gerade denken: „Schade drum. Ich hab ihn leiden mögen. Aber irgendwie ging es nicht mehr so weiter!“

An seinem Rückzugs-Tag war Wowereit planmäßig vorgegangen. Frühstück mit Partner Jörn Kubicki, dann, als Erstes, Anruf bei SPD-Chef Sigmar Gabriel, später folgt der Rest der Stadt-Politik. Alle wussten vorher von nichts. Auch Gabriel nicht, der aber nachvollziehen kann, was Wowereit zum Abdanken brachte: Die Landes-Partei wollte nicht mehr so, wie ihr Vorturner wollte. Was Folgen hatte: Der einst beliebteste Berliner Politiker war in Umfragen gerade zur unbeliebtesten abgefragten Politperson geschrumpft. Und das in einer Stadt, in der gleichzeitig eine beliebig erscheinende Person wie Frank Henkel, CDU-Innensenator, zum Maßstab der politischen Konkurrenz geworden ist.

Berlin nach Wowereit, das lässt manche die Rückkehr zu miefigeren Zeiten fürchten. Berlin, „the place to be“ — der Ort, an dem man sein muss, wenn man dabei sein will: So vollmundig wirbt die Hauptstadt, die gestern auch noch ihren Fragenkatalog für die Olympia-Bewerbung auf den Weg brachte. „Ganz fatal wäre, jetzt wieder die Käseglocke über die Stadt zu stülpen“, warnt Wowereit. Er weiß

selbst nicht mehr, ob wenigstens das gehört wurde.

 



Dieter Wonka

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Von Dieter Wonka

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