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12:02 30.04.2018
Wird der Mensch im Produktionsprozess überflüssig, wenn die Maschine sogar das Denken übernimmt? Quelle: iStock
Berlin

Der Arbeitsplatz von Karsten Ulrichs ist der modernste deutsche Zug. Ganz vorne sitzt er. Der 47-jährige Essener ist Lokführer, mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde rast er mit dem ICE Tag für Tag durch Deutschland. Noch ist er es, dem sich Hunderte Reisende bei jeder Fahrt anvertrauen, der Signale, Fehlermeldungen, Geschwindigkeitsvorgaben beachten muss. Noch.

Lokführer sei immer sein Traumberuf gewesen, sagt Ulrichs mit leichtem Ruhrpotttimbre. Er ist nur nicht sehr optimistisch, dass es diesen Beruf noch lange geben wird: „Ich gehöre wahrscheinlich zu den letzten Mohikanern.“

Was Ulrichs nachdenklich macht, sind Entwicklungen wie diese: Ein digitales Stellwerk steuert, schon seit einigen Jahren, den Zugbetrieb auf einer Strecke im Erzgebirge vollautomatisch. Demnächst sollen dort auch fahrerlose Züge unterwegs ein, zwischen Annaberg-Buchholz und Schwarzenberg steht eine 23 Kilometer lange Teststrecke bereit.

Solche Nachrichten bedeuten für Karsten Ulrichs und seine Kollegen: Es könnte demnächst auch ohne uns gehen. In zehn, spätestens in 20 Jahren, schätzt er. „Kann man diese Entwicklung aufhalten?“, fragt Ulrichs. Eine Antwort erwartet er nicht.

Der Beruf von Karsten Ulrichs steht weit oben auf der Liste der bedrohten Arten. Die Bahn macht keinen Hehl daraus, dass sie mit großem Ehrgeiz an fahrerlosen Zügen arbeitet. Doch Lokführer sind längst nicht die Einzigen, deren Jobs vom Aussterben bedroht sind. Wenn all die Visionen vom automatischen Fahren Wirklichkeit werden: Braucht man dann noch Taxifahrer? Busfahrer? Lkw-Fahrer?

Grafiken Arbeit jpeg Quelle: RND

Und die neue Technik könnte noch weit mehr Berufe massiv verändern – oder überflüssig machen. Berufe, deren Inhaber sich bislang sicher glaubten vor den Erschütterungen der Digitalisierung. Wenn Computerprogramme künftig viel schneller als jeder Arzt Röntgenbilder analysieren und sagen können, ob ein Patient krank ist: Was macht dann der Radiologe? Wenn Roboter bestimmte Operationstechniken schon heute besser beherrschen als der Mensch: Was soll dann der Chirurg künftig tun? Und wenn Computer dank Spracherkennungssystemen und künstlicher Intelligenz schneller als jeder Anwalt erfassen, ob ein Dutzende Seiten dicker Vertragstext gesetzeskonform ist: Womit verdient dann der Jurist sein Geld?

An düsteren Szenarien fehlt es nicht. Bis zu 800 Millionen Jobs, prophezeit der chinesische Internetunternehmer Jack Ma, Gründer des Online-Kaufhauses Alibaba, könnten in den nächsten drei Jahrzehnten wegfallen. Der israelische Zukunftsforscher Yuval Noah Harari ist überzeugt, dass „die meisten Menschen von der Wirtschaft künftig nicht mehr gebraucht werden“. Der Philosoph Richard David Precht schwört die Deutschen auf eine neue Phase der Massenarbeitslosigkeit ein. „Wir werden in einer Zukunft leben, in der es viele Millionen Menschen ohne Jobs geben wird“, sagt er voraus – und warnt vor der Digitalisierung als einer umfassenden Bedrohung.

Aber muss es wirklich so schlimm kommen? Ist das Ende klassischer Erwerbsmodelle für weite Teile der Bevölkerung wirklich nahe? Verschwindet die Arbeit?

Wenn künstliche Intelligenz einfach besser ist

Tatsächlich spricht viel dafür, dass die neuen Techniken unsere Arbeitswelt grundlegend erschüttern und ganze Berufszweige überflüssig machen werden. Andererseits deutet doch viel darauf hin, dass uns die Arbeit nicht ausgeht – sondern dass sie sich vor allem sehr verändert. Und dass es Menschen Mühe kosten wird, sich von dieser Veränderung nicht abhängen zu lasen oder abgehängt zu fühlen.

Die Mutter aller düsteren Szenarien stammt aus dem Jahr 2013. Damals errechneten die beiden Oxford-Forscher Carl Frey und Michael Osborne, dass 47 Prozent aller US-amerikanischen Arbeitsplätze von der nächsten Automatisierungswelle im Zuge einer digitalen Revolution bedroht sind. Fast die Hälfte aller Jobs in den USA könnte verschwinden, weil Roboter oder künstliche Intelligenz es besser machen werden.

Im selben Jahr haben Katharina Dengler und Britta Matthes vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), einem nicht zum Alarmismus neigenden Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit, die Ersetzbarkeitsgefahr für den deutschen Arbeitsmarkt ermittelt. Die Ergebnisse fielen ähnlich aus: 45 Prozent aller Tätigkeiten, die Fachkräfte verrichten, konnten laut der Untersuchung auch von Computern erledigt werden.

Jeder ist ersetzbar – oder?

Gerade haben Dengler und Matthes ihre Untersuchung für eine neue Studie wiederholt. Jetzt heißt es sogar: Die Entwicklung beschleunigt sich. Im Jahr 2016, auf das sie sich bei ihrer Untersuchung beziehen, konnten Computer bereits 54 Prozent aller Fachkrafttätigkeiten übernehmen. Acht Millionen berufstätige Deutsche, so der beunruhigende Befund, sind leicht ersetzbar – weil mehr als 70 Prozent ihrer Tätigkeiten auch von Computern oder Maschinen erledigt werden könnten.

Was ist zwischen 2013 und 2016 passiert? Die Computer sind binnen kurzer Zeit klüger geworden, die Roboter geschickter – und es gibt immer mehr Beispiele dafür, wo sie tatsächlich Menschen aus ihren Jobs verdrängen.

Der zweibeinige Laufroboter Atlas, wie die meisten seiner Artgenossen früher eher ein Grobmotoriker, hat Ende vergangenen Jahres zum ersten Mal einen Salto rückwärts gestanden. Der japanische Versicherungskonzern Fukoku hat 34 Mitarbeiter entlassen, weil die IBM-Software Watson deren Aufgaben übernahm. In modernen Häfen wie in Hamburg-Altenwerder bringen vollautomatische Transporter die Container zu ihrer nächsten Station. In Sindelfingen baut Mercedes-Benz die „Factory 56“, die Autofabrik der Zukunft, für Edelkarossen und Robo-Taxis.

„Im Mittelpunkt steht der Mensch“, wirbt Mercedes-Benz für die Fabrik. Nur dass darin kaum Menschen arbeiten werden.

Was technisch möglich ist, wird nicht unbedingt gemacht

Die technischen Fertigkeiten wachsen also rasant. Einem Viertel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland könnten Maschinen und Computer bereits heute ihre Jobs wegnehmen.

Aber das ist die andere Seite der Entwicklung: In dem Ausmaß, in dem es technisch schon heute möglich wäre, ergreifen die Unternehmen ihre Rationalisierungsmöglichkeiten bislang nicht. „Dass ein großer Teil der Berufe und Arbeitsplätze durch Computer und Maschinen ersetzt werden könnte“, sagt der IAB-Forscher Florian Lehmer, „heißt nicht, dass das auch passiert.“

Nicht alles, was technisch machbar ist, ist unternehmerisch sinnvoll. Brötchen zum Beispiel lassen sich bald auch vollautomatisch produzieren und im menschenleeren Backshop kaufen – aber vielleicht essen die Kunden lieber klassisch-handgefertigte Brötchen. Putzroboter putzen immer gründlicher – aber die Reinigungskraft mit Mindestlohn wischt wahrscheinlich günstiger. Andererseits erschließen sich Unternehmen durch die digitale Revolution möglicherweise ganz neue Geschäftsfelder.

Wie komplex das Verhältnis von digitaler Automatisierung, Job-Entwicklung und Gemeinwohl ist, das zeigt das Beispiel von Andreas Stutz. Bei Siemens in Karlsruhe arbeitet der 28-jährige Entwicklungsingenieur an den Produktionsanlagen der Zukunft. Zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen programmiert er die Software für Module, Bausteine, die sich immer wieder aufs Neue zu verschiedenen Produktionsanlagen kombinieren lassen. „Wir orchestrieren die Module“, sagt der Hobby-Schlagzeuger, um seinen Job zu beschreiben. Am Ende sollen alle Bausteine im Takt spielen. Und in derselben Tonart. Egal, um welches Stück es gerade geht.

„Es kommt darauf an, sich den Spaß am Lernen zu erhalten“: Andreas Stutz, Entwicklungsingenieur bei Siemens Quelle: Thorsten Fuchs

Die Bausteine, die Stutz programmiert, dienen zum Beispiel der Herstellung personalisierter Medizin. Personalisierte Medizin ist ein Megatrend der Pharmazie: Künftig erhält jeder Kranke nicht mehr ein Standardmedikament, sondern genau auf ihn und seine Diagnose zugeschnittene Mittel – die Pille nach Maß statt Tabletten von der Stange. Die perfekte Dosierung, immer.

Solche individuellen Medikamente ließen sich theoretisch auch von Hand drehen. Sie könnten also sehr vielen Apothekerinnen und Apothekern Arbeit und Einkommen bescheren. Andererseits lohnt sich der Einstieg in die personalisierte Medizin für Unternehmen erst, wenn sie sich effizient und kostengünstig produzieren lässt.

Für die Unternehmen ist personalisierte Medizin ein vielversprechendes neues Geschäftsfeld. „Und Mitarbeiter, deren Arbeit Computer und Maschinen erledigen, können sich um andere neue Aufgaben kümmern, also werden Apotheker auch in Zukunft nicht wegfallen“, sagt Stutz überzeugt.

Der 28-Jährige ist eine Art Digitalisierungs-Optimist. Begeistert spricht er über die Vorteile, die diese Entwicklung bringt – ihm selbst, den Unternehmen, aber auch der Gesellschaft insgesamt.

Andreas Stutz kann allerdings auch beschreiben, was ihm diese Entwicklung abverlangt. Wie anspruchsvoll es ist, Schritt zu halten. Schon heute, sagt er, habe seine Tätigkeit kaum noch etwas mit dem zu tun, was er noch vor wenigen Jahren im Studium gelernt hat. Statt wie früher Anlagen für Jahrzehnte zu konstruieren, müssen sie jetzt schon nach Monaten angepasst werden, Wissen veraltet immer schneller. Auch er muss sich bemühen, stets auf dem neuesten Stand zu bleiben. „Es kommt darauf an, sich den Spaß am Lernen zu erhalten“, sagt Stutz. Sonst steht selbst der Klügste ganz schnell dumm da.

Und was ist mit denen, die da nicht mithalten können? Oder deren Arbeit tatsächlich überflüssig wird? Der Philosoph Precht entwirft in seinem neuen Buch „Jäger, Hirten, Kritiker“ eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert er darin, aber nicht als „Ruhigstellungsprämie“, sondern um den Menschen zu ermöglichen, sich Tätigkeiten zu widmen, die aus dem klassischen Erwerbsschema herausfallen – und dennoch wertvoll für die Gesellschaft sind. Also Tätigkeiten, die heute in der Regel mit dem Beiwort „sozial“ verbunden sind.

Quelle: RND

Muss es so kommen? Produzieren künstliche Intelligenz und neue Roboter tatsächlich Millionen von Arbeitslosen? Die Forscher des IAB warnen vor Panik. Sie haben untersucht, wie sich in Betrieben, die stark auf Digitalisierung und Produktion 4.0 setzen, die Beschäftigung in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Ergebnis: Die Unternehmen beschäftigten sogar etwas mehr Menschen als zuvor. Ein weiteres Argument gegen düstere Visionen ist die Geschichte der Rationalisierung. Schon immer gab es Warnungen – und am Ende sogar mehr Beschäftigung. Der „Spiegel“ zeigte 1978 einen Arbeiter am Haken eines Roboters auf dem Titel, dazu die Überschrift „Fortschritt macht arbeitslos“.

Ganz so kam es dann doch nicht. Die Wirkung des Fortschritts war schon immer komplizierter als ein polemisches Bild. Aber das ist eben auch keine Garantie, dass es auch diesmal nicht so schlimm kommt. Precht jedenfalls warnt vor einer Gefahr: dass es künftig einen wohlhabenden Arbeitsadel gibt – und ein Millionenheer an Übriggebliebenen.

Viele Arbeitnehmer scheinen davon jedoch noch unbeeindruckt – doch dafür gibt es laut Lokführer Ulrichs einen einfachen Grund: „Sie sehen das alles noch nicht als Gefahr – noch nicht jedenfalls.“ Er selbst setzt vor allem darauf, dass der Fortschritt etwas langsamer ist, als es seine Verfechter gern sähen: „Wahrscheinlich bin ich schon in Rente, wenn die Bahn ohne Lokführer auskommt.“

Von Rasmus Buchsteiner und Thorsten Fuchs

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